Simulatoren: Die langweiligsten Spiele der Welt?
Simulatoren-Entwickler So echt, so genau, so nervig
"Einen Anschlag wie den vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York am Flugsimulator zu trainieren, ist unmöglich", sagt Winfried Diekmann.
Der Geschäftsführer von Aerosoft steht im Büro seiner Entwickler am Flughafen Paderborn/Lippstadt. Hier produzieren sie Add-ons für Zug- und Flugsimulatoren, den Flughafen Zürich zum Beispiel. Nicht dass der in der Basisversion des Flugsimulators fehlen würde, aber es gibt Leute, denen ist die Standardversion nicht detailliert genug.
"Die Thermik, die von einer Stadt wie New York ausgeht, dazu die Winde wegen der Lage am Meer - das bekommen Sie so nicht simuliert.", fährt Diekmann fort. Es bleibt das einzige Mal an diesem Tag, dass die Simulatorenentwickler vor der Komplexität der realen Welt kapitulieren.
Gnadenlose Langeweile oder detailgetreue Darstellung
Gute Fantasy-Spiele lassen Spieler die Wirklichkeit vergessen, entführen sie in eine fremde Welt. Gute Simulatoren geben Spielern das Gefühl, sich in der Wirklichkeit zu bewegen. Nicht wegen der Grafik, sondern wegen der umfangreichen Aufgaben. Für die einen sind es deswegen die langweiligsten Spiele der Welt. Für die anderen kommt der Spaß eben erst durch die Detaildichte. Diese Art von Detailversessenheit ist, kaum überraschend, gerade in Deutschland populär. Allein der "Landwirtschafts-Simulator 2013" zum Beispiel hat sich nach Angaben des Schweizer Entwicklers Giants Software 1,25 Millionen Mal verkauft - vor allem hierzulande.
Alltag zum Spielen: 25 Simulatoren im Überblick
"Das ist die Herausforderung", sagt Carsten Widera-Trombach. "In fiktiven Spielwelten geht die Fantasie schnell aus - aber wenn die Realität das Vorbild ist, gibt es immer noch Verbesserungsmöglichkeiten." Der Entwickler ist Chef von Crenetic, einem Gaming-Studio in Mülheim an der Ruhr.
Erst Nintendo, dann Zombies, jetzt Simulator
Widera-Trombach sitzt am Schreibtisch in seinem Büro. Hinter ihm im Regal stehen die Spiele, die seine Firma bisher entwickelt hat: nur ein Simulator, der THW-Simulator. Crenetic hat früher NintendoDS-Spiele entwickelt, außerdem Browser-Games, später ein Zombiespiel. Jetzt baut die Firma einen Feuerwehrsimulator - im Auftag von Aerosoft.
Denn die Paderborner Firma ist ein Hybrid aus Publisher und Entwicklerstudio. Simulatoren wie der Omnibussimulator, den sie hier nur "Omsi" nennen, oder der Autobahnpolizei-Simulator werden von externen Entwicklern programmiert unter dem Namen Aerosoft vertrieben. Es sind Spiele, die Genauigkeit über Geschwindigkeit stellen, Akkuratesse über Spielspaß.
Im Feuerwehrsimulator werde der Spieler auch mal zehn Minuten auf der Wache sitzen, "ohne etwas zu tun zu haben", verspricht Widera-Trombach. Auf die Wache sind sie besonders stolz bei Crenetic. Es ist ein Nachbau der Original-Feuerwache in Mülheim an der Ruhr. "Eine der modernsten Feuerwachen Europas", sagt Widera-Trombach. Überhaupt arbeite man sehr eng mit der lokalen Feuerwehr zusammen. Am Anfang habe er keine Ahnung von der Arbeit eines Feuerwehrmanns gehabt, "mittlerweile klingt er selbst wie ein Feuerwehr-Fan: "Ich könnte Feuerwehschülern erklären, wo im LF 24 welches Teil verstaut ist.".
Zug-, Bus-, und Flugzeug-Foren
Wie die Simulationen ankommen, überprüfen die Entwickler in Fan-Foren. Ob Bahn, Bus, Flugzeug oder Feuerwehr - alle großen Simulatorenspiele bedienen eine diskussionsfreudige und kritische Community, die sich online über kleinste Details austauscht.
Im Bahn-Forum habe er mal Ärger bekommen, erzählt Kevin Proft. Der Aerosoft-Entwickler hat die Strecke von Koblenz nach Trier gebaut. Zweieinhalb Jahre für 113 Kilometer. Ein Kollege hat die Oberleitungen gemacht, dafür gab es viel Lob im Forum. "Ich bin nicht so gut in Oberleitungen", sagt Proft. Er verlegte die Gleise und gestaltete Gebäude. Dabei ist ihm ein Bahnhof etwas zu detailliert geraten, was die Computer der meisten Spieler überfordert. Sie können das Gebäude nicht schnell genug laden. Dabei haben Simulatorenfans eigentlich kräftige Rechner - Koblenz-Trier verlangt mindestens acht Gigabite Arbeitsspeicher. Die Realität braucht viel Rechenleistung, viel Speicher.
Ein Cockpit im Hobbykeller
Es ist kein günstiges Hobby, Simulatorenspieler zu sein. Besonders teuer sind Flugsimulatoren - jedenfalls wenn man sie ausbaut. Die Basisversionen, der "Microsoft Flight Simulator" oder "X-Plane" lassen sich fast beliebig erweitern. Für 30 Euro ein weiterer Flughafen, für 46 Euro eine neue Boeing. Ein paar Tausend Euro könne man allein in die Software investieren, sagt Aerosoft-Geschäftsführer Diekmann.
Hinzu kommt bei besonders ernsthaften Simulatorenpiloten noch die Hardware. In der Firmenzentrale von Aerosoft stehen Flugzeuginstrumente, Steuerräder und Schubregler für den Computer. "Unsere Kunden sind hauptsächlich Männer über 50, die häufig selbst fliegen oder geflogen sind." Viele dürften das aber aus Altersgründen nicht mehr und bauten sich stattdessen das Cockpit zu Hause nach, erklärt Diekmann.
10.000 Euro und mehr investieren manche und fliegen dann im Hobbykeller auch mal sechs Stunden über den Atlantik. "Das kommt aber selten vor", sagt Diekmann. "Die meisten fliegen kürzere Strecken, so ein bis zwei Stunden." Übrigens kämen die Kunden überwiegend aus Nordeuropa. Generell, so Diekmann, ließe sich sagen: "Je kälter und schlechter das Wetter, desto größer die Begeisterung für Simulatorenspiele."
Ungeübte bräuchten Stunden, um abzuheben
Der Geschäftsführer selbst ist kein Flugsimulator-Spieler. Das Vorspielen überlässt er Produktmanager Raphael Jakob. Man muss sich das Spiel tatsächlich vorführen lassen, denn ein ungeübter bräuchte Stunden, um überhaupt abzuheben. Selbst Jakob fliegt in einem vereinfachten Modus, die Triebwerke sind schon gestartet. "Sonst könnte auch ein ausgebildeter Pilot nicht sofort starten", sagt er. Da ist wieder diese Begeisterung für die Details - ob sie nerven oder nicht.
Jakob setzt die Maschine langsam in Bewegung. Eigentlich will er nach rechts abbiegen auf die Startbahn, doch er fährt geradeaus in einen Wald. Das Flugzeugmodell kennt er noch nicht gut, es ist neu, eine Betaversion. Jakob hat vergessen, die Hydraulik der Lenkung anzuschalten. Das ist nervig - aber realistisch.