"Disney Micky Epic": Frischzellenkur für die Maus der Mäuse
Games Mit den Waffen der Maus
"Den Pluto hier hat mein Vater an dem Tag gekauft, an dem ich geboren wurde." Warren Spector holt den kleinen Stoffhund aus dem Regal, das in seinem Büro steht. Pluto, der Begleiter von . Abgeschabt ist er, trägt die Spuren von Kinderliebe und einem langen Leben in Kisten und Regalen. 55 Jahre alt muss der Hund sein. So alt wie der Mann, der ihn in der Hand hält und liebevoll anschaut. Spector legt ihn zurück und zeigt auf einen kleinen Hut, der mit Mausohren dekoriert ist: "Die habe ich als Kind getragen."
Warren Spector ist ein freundlicher Mann, der am liebsten Hemd und Pullunder trägt und mit sorgfältig getrimmtem Bart und runder Brille so aussieht, wie man sich den netten Englisch-Lehrer in einem Highschool-Film vorstellt. Nicht wie den Spiele-Designer, der mit "System Shock", "Deus Ex" oder "Thief" düstere, erwachsene Spiele geschaffen hat, zwischen Science-Fiction und Horror schwankend. Seine Werke sind einzigartig, komplex, stilbildend, und er hat mit ihnen ein neues Prinzip eingeführt: Spieler können selbst bestimmen, wie sie durch die Welt ziehen. Ob sie auf alles schießen, was sich bewegt, Rätsel lösen und Computer hacken oder ob sie still und unerkannt durch die Level schleichen. Obwohl dazu noch die Geschichten spannend sind, heißt es von Spectors Erfindungen, sie seien Kassengift. "Ich weiß", sagt Spector, "doch das stimmt nicht." Jedes seiner Spiele hat Gewinn gemacht. Es waren nur nicht jene Millionen-Seller dabei, die große Entertainment-Firmen erwarten.
Insofern scheint Spector der falsche Mann am falschen Platz. Denn für sein neues Projekt bringt er eine der berühmtesten Figuren der Unterhaltungsindustrie, sozusagen den Blockbuster der Cartoon-Welt, in die Welt der Computerspiele: Mickymaus.
Spector geht durch eine Tür in einen verdunkelten Raum seines Studios. Mickymaus hüpft dort über die Leinwand, unterhält sich mit anderen Figuren, malt mit Farbe herum und löscht andere Krakeleien mit Verdünner. Mickymaus malt? Auf diese Idee konnte nur Spector kommen, und die Idee ist großartig: Die Zeichentrickfigur kämpft mit ihren eigenen Waffen, mit Pinsel und Farbe. Keine Pistolen oder Laserkanonen also, sondern die Waffen der Kreativität.
Ein wenig gealtert sieht die digitale Mickymaus aus oder, höflicher gesagt, erwachsener. Schließlich ist das "Disney Micky Epic" auch für Erwachsene konzipiert. Ansonsten soll es gerade in den Details so nah wie möglich an den Filmen und Comic-Heften sein, die praktisch jeder kennt. Immer wieder unterbricht Spector die Präsentation, erzählt kleine Geschichten, beispielsweise, dass er einen Grafiker zur Ordnung rufen musste. Der hatte eine eigene Mülltonne entworfen und in das Spiel eingebaut. "Er musste neu anfangen, eine Mülltonne in den Archiven von Disney suchen und in Wasteland integrieren."
Wasteland, das verlorene Land
Wasteland, das ist die von Spector erfundene Spielwelt, das verlorene Land. Es ist der Ort, an dem die vergessenen Disney-Figuren gelandet sind, die Entwürfe von Karussells und anderen Attraktionen der Vergnügungsparks, die nie gebaut wurden. Es ist ein nostalgisches Land, das von der Magie erzählt, die selbst die unbedeutendsten Figuren des Disney-Universums ausstrahlen. Und es ist ein Land, das von Mickymaus aus Versehen zerstört wird. Was der Ausgangspunkt des Spiels ist. Da gelangt die Maus durch einen Spiegel nach Wasteland, beobachtet einen Zauberer, der ein Modell des Landes anmalt, und wirft dann Farbe um, die sich über das Land gießt und es verändert. Der Versuch, das Malheur mit Verdünner ungeschehen zu machen, führt nur zu noch mehr Chaos. Schnell verschwindet Micky aus dem Raum und aus Wasteland. Und wird einige Zeit später zurückgeholt, um das zu richten, was er unbedacht zerstört hat.
"Ich will aus Micky wieder den kleinen Spitzbuben machen, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere", sagt Spector. Den Zauberlehrling, der mit List und Witz Unfug macht und dann alles wieder in Ordnung bringt. Sein Micky soll nicht der langweilige Spießer sein, als der er vor allem in den deutschen Comics dargestellt wird. Ehrlich und humorfrei, nein danke. Spector will seine Kindheitserinnerungen neu beleben, Micky neu erfinden. Und sucht dabei die Stimmung, die die alten Mickymaus-Filme prägt. Und wirklich: Nimmt man den bewegungsempfindlichen Controller von Nintendos Wii-Konsole in die Hand, auf der das Spiel zunächst erscheinen wird, fühlt sich alles leicht an. Man pinselt und löscht, springt durch die Welten und kann sich der Leichtigkeit nicht entziehen, mit der erzählt wird. Spector ist eben doch der richtige Mann für dieses Projekt.
"Dieses Spiel zu machen, ist die großartigste Aufgabe der Welt"
Dabei stand am Anfang der Beziehung zwischen Spector und Disney ein Missverständnis. "Ich war bei Disney, um ein Spiel vorzustellen, bei dem wir gerade in der Konzeptionsphase waren", erzählt Spector. Es sollte eines jener Spiele werden, mit denen Spector bekannt geworden ist: düstere Science-Fiction mit großer Entscheidungsfreiheit. Die Disney-Manager schienen nicht interessiert. "Alle haben unter dem Tisch mit ihren BlackBerrys gespielt. Ich war kurz davor, meine Sachen zu packen und zu gehen." Was Spector nicht wusste: Über die BlackBerrys wurde die Frage gestellt, ob man ihn engagieren sollte. Ihn fragen, ob er eine Aufgabe übernehmen würde, für die Disney vorher niemanden gefunden hatte. Ob Spector das Spiel machen würde, mit dem der Klassiker unter den Comic-Figuren endlich würdig im Medium der Videospiele vertreten sein würde. Ja, Spector sollte. Und er wollte. Natürlich. Endlich konnte er seine lebenslange Leidenschaft für Mickymaus zu einem Werk machen.
Disney selbst schien vollkommen überzeugt von Spector zu sein, denn erstens wurden seine Bedingungen akzeptiert: "Ich halte mich nicht an Budgets, ich halte mich nicht an Abgabetermine. Das Spiel ist fertig, wenn es fertig ist." Zweitens hat der Konzern sogar Spectors Studio Junction Point gekauft, was auch in die generelle Strategie passt, im Markt der digitalen Spiele direkt mitzuverdienen. Spector gründete es, nachdem das Studio, für das er gearbeitet hatte, von seinen Besitzern geschlossen wurde.
Junction Point liegt im Norden der texanischen Hauptstadt Austin und ist von außen nicht als kreativer Ort zu erkennen. Doch sobald man den in langweiligem Ocker gehaltenen Flur hinter sich gelassen hat, explodieren die Farben. Die Wände sind mit Mickymaus-Figuren bemalt, in jeder Nische stehen Regale voller Micky-Bücher, -Anstecknadeln oder -Puppen. "Das ist nur ein kleiner Teil meiner Sammlung", sagt Spector, "den Rest habe ich zu Hause." Besser gesagt: In seinem Zweithaus, seine Frau habe mit der Scheidung gedroht, weil Mickymaus mehr Platz habe als sie, witzelt er.
Die Welten des Spiels wirken originalgetreu, aber nicht bemüht und steif
Nur ein Experte aus Leidenschaft kann die Welten des Spiels so gestalten, dass sie originalgetreu wirken, aber nicht bemüht und steif. So sind die Actionlevel den Disney-Parks nachempfunden. Hier finden sich die vergessenen Disney-Figuren. Sie stellen Micky kleine Aufgaben, die er lösen muss, um Wasteland wieder zu dem zu machen, was es vor seiner Zerstörung war: ein lebenswerter Ort für Disney-Rentner. Diese Actionlevel aber sind durch kleine Welten verbunden, die auf alten Disney-Filmen basieren. So steuern Spieler Micky durch "Steamboat Willie", einen der ersten Disney-Kurzfilme, lassen ihn durch eine wildbunte Traumsequenz von Pluto hüpfen oder durchqueren alte Burgen.
Und dann ist da noch Oswald, auch ein Inventarstück der Disney-Geschichte. Oswald, der glückliche Hase, wie er auf Deutsch heißt, obwohl er im Original ein Kaninchen ist. Oswald hat lange Ohren und trägt eine kurze Hose. Er sieht fast so aus wie Micky. Und das ist kein Zufall.
"Oswald ist einer der tragischen Helden des Disney-Universums", sagt Spector, "und ich habe die Ehre, ihn das erste Mal seit 1928 in eine Disney-Geschichte einbauen zu dürfen." Oswald war die erste erfolgreiche Figur von Walt Disney, als der noch für Universal arbeitete. In den späten zwanziger Jahren wurde Oswald zum Star vieler kurzer Trickfilme, großartige Filme, "die ihrer Zeit weit voraus waren", wie Spector immer wieder betont.
Doch Walt Disney verlangte mehr Kontrolle über Oswald, die ihm Universal nicht geben wollte. Schließlich entzog das Filmstudio ihm die Figur sogar ganz. Disneys Rache: Er erfand Mickymaus und gründete eine eigene Firma. "Der Rest ist Geschichte", sagt Spector. Für ihn ist Oswald ein Star, der seines Erfolgs beraubt wurde. Spector darf ihn nach Wasteland holen, weil es Disney 2006 geschafft hat, die Rechte zurückzukaufen. Spector machte ihn zur wichtigsten Figur des Wastelands.
Spector hofft, dass diejenigen Spieler Mickymaus, Oswald und ihre Freunde mögen werden, die seine früheren Werke gut fanden - deshalb hat er den sogenannten Hardcore-Gamern die Freiheit gegeben, die sie brauchen. Sie können im "Disney Micky Epic" Dinge in die Welt malen oder sie löschen. Können Gegner mit Farbe auf ihre Seite ziehen oder sie zerstören. Spector setzt an, ein weiteres Detail zu erklären, bricht dann unvermittelt ab, schaut auf die Leinwand und sagt: "Ich kann gar nicht glauben, wie viel Glück ich habe. Dieses Spiel zu machen, ist die großartigste Aufgabe der Welt."
Das ist der übliche PR-Satz. Bei Spector aber klingt er echt
"Disney Micky Epic" (Disney Interactive)