Gamescom 2024: Streamer Maurice Weber über Kritik, Abzocke und Streit im Netz - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gaming-Streamer Maurice Weber »Ich habe einen der albernsten Jobs der Welt«

Die bunte, verspielte Gamingwelt hat auch Abgründe. Hier spricht Branchenkenner Maurice Weber über Abzocke, Influencer und seine harsche Kritik an raketenwerfenden Ochsen.
Ein Interview von Markus Böhm und Erwin Hitzler
Streamer Maurice Weber: In der Branche machte er sich als »GameStar«-Journalist einen Namen
Streamer Maurice Weber: In der Branche machte er sich als »GameStar«-Journalist einen Namen

Streamer Maurice Weber: In der Branche machte er sich als »GameStar«-Journalist einen Namen

Foto:

Robert Haas / SZ Photo / picture alliance

SPIEGEL: Herr Weber, wir haben den Eindruck, dass Sie zu Größenwahn neigen, mit selbstironischen Eigenbezeichnungen wie »Deutschlands führender Strategiespiel-Journalist« oder »Lord of the talking heads«. Auf Ihrem Twitch-Kanal  inszenieren Sie sich sogar mit Schwert, Pelz und Krone. Kompensieren Sie damit etwas?

Weber: Huch, was ist denn das für eine dreiste Frage?

SPIEGEL: Entschuldigen Sie, Eure Majestät.

Weber: Ähm, ja... Wo kommt das her? Ich finde, es passt zu der Art von Spielen, die ich spiele. In den meisten Spielen geht es ja um das Erlangen von Herrschaft. So gesehen ist es Teil meines Entertainmentprogramms. Mir ist aber wichtig, klarzumachen, dass dieser Part eine selbstironische Persona ist. Ich halte mich nicht wirklich für den Geilsten der Welt.

Zur Person
Foto:

Webedia

Maurice Weber, Jahrgang 1991, ist in München geboren und lebt dort bis heute. In den Zehnerjahren machte er sich beim Magazin »GameStar« mit Artikeln, Podcasts und Videos als Spielejournalist einen Namen. Seit Juni 2022 ist der studierte Kommunikationswissenschaftler, dessen markanter Duktus schon zu Schulzeiten auffiel, Vollzeit-Streamer. Auf Twitch hat Weber rund 130.000 Follower, sein YouTube-Kanal steht bei 104.000 Abonnenten. Im April wurde Weber beim Deutschen Computerspielpreis als »Spieler des Jahres« ausgezeichnet, zu seinen Lieblingsspielen zählen »Der Herr der Ringe: Die Schlacht um Mittelerde« und »Baldur’s Gate 2«.

SPIEGEL: Wie viel hat der Mensch, den wir auf Twitch erleben, mit Ihnen als Privatperson gemein?

Weber: Die Streamer-Persona überschneidet sich ziemlich mit mir. Sie ist ein Teil von mir, aber nicht mein ganzes Selbst. Auf Twitch versuche ich zum Beispiel bewusst, manche Aspekte meines Privatlebens auszuklammern. Wenn ich mich mit meinem besten Kumpel gezankt habe, will ich das nicht meinen Zuschauern aufbürden. Dafür schalte ich vor der Kamera den Humor einen Gang hoch.

SPIEGEL: Sie schlüpfen also nicht in eine Rolle?

Weber: Nur beim Spielen. Wenn ich etwa in »Crusader Kings III« einen Erzschuft vor dem Herrn verkörpere, einen kindermordenden König, dann sage ich Dinge wie »Kinder sind nur dann wertvoll, wenn sie gute Erben sind.« Das hat natürlich nichts mit meinen privaten Werten zu tun.

SPIEGEL: Waren manche Spieleentwickler erleichtert darüber, dass Sie 2022 vom Kritiker zum Streamer wurden? Als Spieletester waren Sie für harte Analysen bekannt.

Weber: Wenn es angebracht ist, übe ich auch jetzt noch scharfe Kritik. Aber ich versuche – vielleicht ist das eine gewisse Altersvernunft – mehr die Nuancen zu betrachten und die Systeme, in denen Dinge stattfinden. Ein bisschen weniger »Schaut mal her, das Spiel ist scheiße« und mehr »Warum ist das denn so?« oder »Woher kommen diese problematischen Geschäftsmodelle?«.

SPIEGEL: Inzwischen können Spielefirmen Sie als Werbepartner buchen.

Weber: Ich wähle meine Sponsorings sehr bewusst aus und suche mir meist Spiele heraus, die ich schon im Vorfeld gut fand. Würde ich wegen einer Partnerschaft etwas spielen, das ich eigentlich schlecht oder problematisch finde, merken das meine Zuschauer. Das würde mich total unglaubwürdig machen.

»Im Prinzip war mein Vorschauvideo der Ausdruck eines ehrlichen ›What the fuck‹«

Maurice Weber

SPIEGEL: Ein Moment, der Ihr Image geprägt hat, war Ihre harte Kritik am neuesten Teil der Reihe »Die Siedler«. Auf uns wirkte es so, als hätten Sie dem Spiel mit Ihrem »GameStar«-Vorschauvideo Anfang 2022  den Todesstoß gegeben, bevor es überhaupt erschien. Hassen die »Siedler«-Entwickler Sie seitdem?

Weber: Das weiß ich nicht. Ich will auch nicht darüber spekulieren, ob andere Leute mich hassen oder nicht.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: In der von Ihnen vorgestellten Vorabversion gab es raketenwerfende Ochsen, Sie kommentierten dazu: »Das hier ist die dümmste und uncoolste Fantasy, die ich mir vorstellen könnte.« Zudem hieß Ihr Video »Die Zerstörung der Siedler«. Das klang nach Rezos »Die Zerstörung der CDU«.

Weber: Man muss den Kontext sehen. Ich und die ganze »Siedler«-Community sind damals kalt erwischt worden. Das Spiel war lange Zeit in Entwicklung und hatte anfangs vielversprechend ausgesehen. Dann aber verschwand es mehrere Jahre lang in der Versenkung und kam mehr oder weniger kommentarlos zurück. Es gab kaum eine Erklärung, warum fast alles aus den bisherigen Ankündigungen über Bord geflogen war. Ich konnte ehrlich nicht verstehen, warum man sich von dieser massiv zusammengekürzten Version mehr Erfolg erhoffte – und anderen, die das Spiel damals ausprobierten, ging es ähnlich. Im Prinzip war mein Vorschauvideo der Ausdruck eines ehrlichen »What the fuck«.

SPIEGEL: Würden Sie es noch einmal genauso veröffentlichen?

Weber: In der Sache stehe ich hinter meiner Kritik. Ich glaube aber, ich hätte sie etwas weniger polemisch und weniger hämisch vortragen sollen. In diesem Fall war ich nicht empathisch genug gegenüber denjenigen aus dem Entwicklerteam, die wahrscheinlich auch bei diesem sehr schwierigen Projekt versucht haben, das Beste herauszuholen.

SPIEGEL: Sie analysieren gern das Gameplay von Spielen, kritisieren oft aber auch Geschäftspraktiken. Neulich haben Sie Spielefans mit »enthirnten Fröschen« verglichen . Den Herstellern sei es gelungen, durch jahrelanges »Weichkochen« der Gamer fragwürdige Monetarisierungsideen zu normalisieren.

Weber: Wir leben in einer Zeit, in der die Gamingbranche – oder Teile davon, ich will das nicht verallgemeinern – völlig frei dreht und Preise für virtuelle Güter einfach bestimmt. Was ist denn ein fairer Preis für ein Edelsteinpaket in »Diablo Immortal«, das einen gelevelten Edelstein enthält? Blizzard sagt: 24,49 Euro für den Stein, 33,90 Euro, um ihn einmal zu verbessern, und dann: 93,99 Euro für die zweite Verbesserung. Das finde ich absolut absurd.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Einige Hersteller würden jetzt argumentieren, dass sich aufwendige Games nur so finanzieren lassen.

Weber: Da muss ich widersprechen, Stichwort »Elden Ring« oder »Baldur’s Gate 3«. Und es gibt auch besser mit »Diablo Immortal« vergleichbare Games, die finanziell gut laufen und nicht komplett abzocken.

SPIEGEL: Warum enthalten trotzdem so viele Spiele absurde Bezahlkonzepte?

Weber: Weil es funktioniert. Da fließt viel Forschung und Hirnschmalz rein, in Richtung: Mit welchen psychologischen Mechanismen bekommen wir Leute dazu, möglichst viel Geld in Shops zu lassen? Und dann redet man sich diese Systeme schön, etwa damit, dass die Leute, die zum Beispiel diese Edelsteinpakete kaufen, bestimmt alle Ölscheichs seien. Wer Glücksspielmechanismen in sein Spiel einbaut, nimmt aber immer billigend in Kauf, damit auch psychologisch verwundbare Leute zu erwischen, die sich ihre Ausgaben eigentlich nicht leisten können.

»Ich will nicht mehr nur angreifen, was ich nicht mag, sondern auch mehr loben, was ich toll finde«

Maurice Weber

SPIEGEL: Würden Sie sich wünschen, dass sich mehr Streamer gegen solche Praktiken aussprechen?

Weber: Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er oder sie sich zu positionieren hat. Zumal ich mir auch nicht die Illusion mache, dass ich als deutscher Streamer bei einem international gespielten Spiel wie »Diablo Immortal« mit meiner Kritik viel Impact habe.

SPIEGEL: Bei deutschen Firmen können Sie aber etwas erreichen, oder?

Weber: Ich will nicht mehr nur angreifen, was ich nicht mag, sondern auch mehr loben, was ich toll finde. Eine Riesenfirma wie Blizzard wird nicht ihren Kurs ändern oder mit »Diablo Immortal« weniger Geld machen, weil jemand wie ich sie kritisiert. Aber wenn ich ein, zwei Videos oder Streams zu einem tollen Spiel eines deutschen Indiestudios mache, hat das einen Effekt.

Streamer mit Trophäe: Beim Deutschen Computerspielpreis (DCP) wurde Maurice Weber dieses Jahr als »Spieler des Jahres« ausgezeichnet

Streamer mit Trophäe: Beim Deutschen Computerspielpreis (DCP) wurde Maurice Weber dieses Jahr als »Spieler des Jahres« ausgezeichnet

Foto: Sebastian Reuter / Marchsreiter Communications / Getty Images

SPIEGEL: Thomas Mahler, der Chef der Wiener Firma Moon Studios, ärgerte sich vor einigen Monaten über einen X-Post von Ihnen. In seiner Antwort  warf er Ihnen sinngemäß vor, sich auf die Seite von »Wokeness« und »Cancel Culture« gestellt zu haben, um »deren Propaganda herauszuposaunen«. Der Post erreichte viele Menschen, Sie aber haben darauf nicht reagiert.

Weber: Ich bin kein Fan davon, Streitdiskussionen auf X zu führen. Das ist, glaube ich, kein Medium, in dem man sich zielführend einigen kann.

SPIEGEL: In Ihrem Post  hatten Sie konstatiert, es sei »der traurigste Teil des modernen Gaming-Diskurses«, dass im Steam-Forum »bei jedem neuen Spiel« verhandelt werden müsse, »ob es denn böse ›Wokeness‹ hat«. Einen Nutzerkommentar zu »Hades 2« fassten Sie dabei so zusammen: »Leute, ich hab da nen Schwarzen gesehen! Und einen Typ im Rollstuhl! Brauche Input!« Machen Sie mit solchen Beiträgen fragwürdige Meinungen nicht größer, als sie sind?

Weber: Diese Frage habe ich mir hinterher selbst gestellt. Im Internet ist schwer zu beurteilen, was eine Nischenmeinung ist. Ich habe aber den Eindruck, dass solche Diskussionen an Fahrt aufnehmen. Auf Social Media hat sich eine ganze Industrie entwickelt, die auf Empörung darüber basiert, dass in Spielen mehr Diversität stattfindet. Ein YouTuber hatte einen Meltdown, weil er in »Starfield« seine Pronomen wählen konnte: Das würde ihn so sehr aus der Spielwelt herausreißen. Eigentlich glaube ich, dass die meisten Spieler in einem solchen Menü einfach weiterklicken würden. Pronomen: Er/ihm, whatever, weiter. Aber wenn sie schon zehn YouTube-Videos gesehen haben, in denen ihnen jemand sagt, dass angeblich eine »Trans-Agenda« ihre Spiele kaputt macht, regt sie so etwas auf.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von X.com, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: »Politik raus aus dem Gaming« wird oft gefordert. Sie halten das für illusorisch.

Weber: Ich kann das irgendwie verstehen. Ich will, als superdummes Beispiel, auch keine Wahlwerbung in »Die Siedler« haben. Aber die bloße Existenz von Menschen, die anders sind als du, ist nicht politisch. Dass die Debatte an einem Punkt ist, an dem bereits jene Existenz von Menschen wie eine politische Frage behandelt wird, deprimiert mich. Das sind nicht die Diskussionen über Spiele, die ich führen will.

SPIEGEL: Haben Sie mit Ihrem Posting zu dem User-Kommentar zu »Hades 2« etwas erreicht?

Weber: Ich werde damit niemanden überzeugt haben. Aber mein Job ist es, Meinungen im Gaming zu vertreten. Und in dem Fall fand ich es wichtig, meine Meinung zu vertreten. Der Beitrag war aber auch Ausdruck meiner Frustration, dass da Leute ein künstlerisch so hochwertiges Spiel fertig machen.

Maurice Weber (Mitte) mit den SPIEGEL-Autoren Böhm (links) und Hitzler: Das Interview fand in der »GameStar«-Redaktion in München statt

Maurice Weber (Mitte) mit den SPIEGEL-Autoren Böhm (links) und Hitzler: Das Interview fand in der »GameStar«-Redaktion in München statt

Foto: DER SPIEGEL

SPIEGEL: Im Gespräch mit Ihrer Streamerkollegin JenNyan  sagten Sie mal, als »weißer heterosexueller Typ mit braunen Haaren«, der Strategiespiele mag, seien Sie in der Branche in einer Art »Easy Mode« unterwegs.

Weber: Stellt man sich einen klischeehaften Gamingnerd vor, bin ich vermutlich nahe an dem, was man da im Kopf hat. Nicht nur im Gaming, im ganzen Leben ist es so: Je weniger du von den Vorstellungen der Menschen abweichst, was »normal« ist, desto leichter hast du es. Dass das auch für mich gilt, war mir lange Zeit nicht so bewusst – bis ich angefangen habe, mich mit Kolleginnen auszutauschen. Mit Journalistinnen etwa, Streamerinnen oder auch Entwicklerinnen.

SPIEGEL: Was haben Sie dabei gelernt?

Weber: Man könnte einfach eine Frau und einen Mann nehmen, die zur gleichen Zeit den gleichen Job mit der gleichen öffentlichen Sichtbarkeit ausgeübt haben. Und dann lässt man die beiden ihre Inboxen tauschen. Ich garantiere, der Mann fällt vom Glauben an die Menschheit ab, wenn er sieht, was für Nachrichten die Frau bekommt.

»Man sollte Menschen im Internet nicht auf zu hohe Podeste stellen«

Maurice Weber

SPIEGEL: Sehen Sie sich bei diesem Thema als Aufklärer?

Weber: Ich habe einen der albernsten Jobs der Welt und spiele Spiele im Internet. Ich habe null Anrecht, irgendwem zu sagen »Das ist der Moralkodex, nachdem du leben sollst«. Aber ich habe eine Bühne, habe Leute, die mir zuhören. Ab und an möchte ich dort weitergeben, was ich für mich erkannt habe.

Maurice Weber in Denkerpose: Bekannt gemacht haben den Münchner unter anderem Tests und Analysen zu Strategiespielen

Maurice Weber in Denkerpose: Bekannt gemacht haben den Münchner unter anderem Tests und Analysen zu Strategiespielen

Foto: Sebastian Reuter / Marchsreiter Communications / Getty Images

SPIEGEL: In der Webvideowelt waren diesen Sommer sogenannte Exposings ein großes Thema, Stichwort Anni the Duck, Simon Unge oder auch Taddl. Angesichts mancher Vorwürfe konnte man den Eindruck bekommen, dass viele Streamer hinter den Kulissen gar nicht so cool sind wie vor der Kamera.

Weber: Über Einzelpersonen will ich nicht öffentlich diskutieren.

SPIEGEL: Haben Sie denn Leichen im Keller?

Weber: Ich wäre jetzt schön doof, wenn ich Ihnen das sagen würde.

SPIEGEL: Und jetzt mal produktiv: Was lässt sich aus der Aufregung in der Szene für die Zukunft mitnehmen?

Weber: Man sollte Menschen im Internet nicht auf zu hohe Podeste stellen. Ich glaube, das machen Leute zu häufig. Und damit meine ich wirklich nicht irgendwelche konkreten Fälle. Sondern jeden beliebigen Influencer, bei dem man denkt »Da ist bestimmt alles toll«. Denn natürlich ist da nicht immer alles toll. Und wenn jemand nur mal einen beschissenen Tag hat. Ich hatte auch schon Scheißtage und war sicher auch schon mal unhöflich zu Leuten. Wir, diese Leute im Netz, sind alle nur Menschen, das sollte man sich als Zuschauer bewusst machen – und uns weder verehren noch hassen.