Episodenspiel: Das neue "Hitman"
"Hitman" angespielt Wer sich durchschießen will, hat keine Chance
Hinweis: Dieser Artikel enthält kleinere Spoiler zur Handlung der Episoden 1 und 2.
Agent 47 sitzt auf einer Bank im kleinen italienischen Küstendorf Sapienza und liest Zeitung. Gleich wird er aufstehen und seinen Auftrag ausführen: Er muss zwei Menschen in der Villa gegenüber töten und in einem Geheimlabor einen Virus vernichten. Agent 47 ist der Protagonist von "Hitman", ein Auftragsmörder - kaltblütig, gewissenlos. Jemand, der Mord als interessantes Puzzle versteht. Und das ist auch das Spielprinzip.
"Hitman" ist ein neuer Start für die vom dänischen iO-Studio entwickelte Reihe, deren erster Teil 2000 erschienen ist. Ein Spiel in Episodenform, von dem bisher zwei Teile erschienen sind. Weitere sieben sollen bis Anfang 2017 folgen, mit Schauplätzen in Thailand, den USA und Japan.
Im ersten Teil ging es in ein Übungsgelände und zu einer Modenschau in Paris, im zweiten ins fiktive Sapienza. Beide Teile sind sehr unterschiedlich, aber fesselnd, was nicht unbedingt an der Rahmenhandlung liegt. Die ist - zumindest bisher - schnell vergessen, wenn man einmal anfängt zu spielen.
Eine Geheimorganisation bedroht den Weltfrieden, oder so ähnlich. Spannung erzeugt allein das Spielprinzip. Und das ist, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, hauptsächlich ein taktisches Puzzle. "Hitman" ist Tüftelei, Abwarten, Möglichkeiten suchen. Es geht darum, aufmerksam zu sein, zu lauschen, Wege zu erkunden, einen Plan aufzustellen und ihn durchzuführen. Wer sich durchschießen will, hat keine Chance.
"Hitman" in Episodenform zu veröffentlichen, ist eine gute Idee. Sie bringt den Spieler dazu, sich länger mit einem Teil zu beschäftigen. Schließlich kann nicht atemlos die Geschichte weitergespielt werden. Immer wieder kann man einzelne Teile angehen, neue Wege, andere Möglichkeiten testen. Nicht nur die, bei denen einen das Spiel an die Hand nimmt und einzelne Wege vorzeichnet, sondern auch eigene Lösungen. Es geht darum, kreativ zu werden in Sachen Mord.
Gute Geschichte, aber wenig Gefühl
Das Spiel sieht hervorragend aus und läuft auch recht gut. Störend ist immer wieder der voreingestellte Onlinemodus. Geht hier die Verbindung verloren, wird man sofort ins Hauptmenü zurückgesetzt, der Fortschritt geht verloren. Im Offlinemodus dagegen stehen manche Funktionen nicht zur Verfügung.
Auch erschließt sich manchmal nicht unbedingt, warum Alarm ausgelöst wird, obwohl man doch ganz unschuldig durch die Straßen wandelt. Oder warum einen Wachen angreifen, wenn man in einer öffentlichen Toilette das Waschbecken verstopft.
Die auf den ersten Blick überschaubar scheinenden Level werden bald zu einem großen Spielplatz der Möglichkeiten. Um die zwei Ziele in einem Schloss in Paris auszuschalten, kann sich Agent 47 unter anderem als Model verkleiden, sich als Waffenhändler einschmuggeln oder Drinks vergiften. Die Atmosphäre erinnert an einen Bond-Film.
Unterwegs als Tourist
Gänzlich anders wirkt das ruhige Küstenstädtchen, in dem sich Agent 47 erst einmal als Tourist betätigen und viel Zeit damit verbringen kann, sich umzuschauen, zu erkunden. So könnte er sich als neue Küchenhilfe ausgeben, sich am Meer entlang in den Garten schleichen oder als Blumenbote kommen.
Es gibt viele Verkleidungen, manche sinnvoll, einige nicht. Zumindest erschließt sich auf den ersten Blick nicht, wie die Hippie-Verkleidung weiterhelfen soll. Und so wie die Wege zu den Opfern viele sind, sind es auch die Möglichkeiten, diese um die Ecke zu bringen. Manchmal hilft blanke Gewalt, manchmal helfen ein defektes Stromkabel und eine Wasserpfütze.
Und doch: "Hitman" bleibt mehr eine intellektuelle Herausforderung als ein berührendes Spiel. Das Spiel ist im Kern makaber, schafft es aber nicht, dies auch zu transportieren, obwohl es kurze Anflüge von schwarzem Humor hat.
So kalt wie Agent 47 vorgeht, so kalt bleibt auch die Geschichte. Keine der Figuren schafft es bisher, wirklich zu berühren. Der Mord ist in "Hitman" ein interessantes Puzzle. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
"Hitman" von Square Enix, für Playstation 4, Xbox One und PC, Einzelepisoden ab 7,99 Euro, Komplettpaket 59,99 Euro; USK: Ab 18 Jahren