Angespielt: "Hotline Miami 2"
"Hotline Miami 2" angespielt Der große Reaktionstest
Ich habe keine Waffe in der Hand. Noch nicht. Deshalb muss ich den Überfall sorgfältig planen. Zwei Wachen bewegen sich. Eine mit Messer, eine mit Schrotflinte. Beide gewillt, sofort bis zum Äußersten zu gehen. Ich auch.
Ich warte, bis ein Wachmann an der Tür vorbeikommt, reiße sie auf, er fällt, ich greife die Flinte, erschieße den zweiten, töte den gefallenen. Atme kurz durch. Und bin tot. Natürlich. Eine Wache im Nebenraum hat den Schuss gehört. Und ich habe eine Sekunde nicht aufgepasst - zu lang für "Hotline Miami 2".
"Hotline Miami" war eines der überraschendsten Spiele der letzten Jahre: fiebrig, wild, schnell. Und vor allem ein durchkomponiertes Werk, in dem Musik, Grafik und Handlung gemeinsam größer waren als ihre Einzelteile. Die Geschichte handelte von Killern im Miami der Achtzigerjahre, "Miami Vice" im Retro-Pixel-Overdrive. Im Grunde könnte man das Gleiche auch über den Nachfolger sagen. Der ist erst einmal größer, aber nicht sonderlich anders als der erste Teil. Das heißt: Er ist großartig.
Auch nach dem zehnten Tod kann man es nicht beiseitelegen
"Hotline Miami 2" ist wie ein großer Reaktionstest. Sobald man Luft geholt hat und in den Level hineingeht, gibt es keine Pause, kein Entrinnen. Alles im Blick behalten, ultraschnell reagieren. Sich im Sound des Spiels berauschen. Sterben, töten, sterben.
Dass man trotz der Brutalität so einfach über das Spiel reden kann, liegt natürlich auch an der Grafik. Die ist ungefähr auf dem Niveau des ersten "Grand Theft Auto": Pixelig, übertrieben, abstrakt. Keine ultrarealistischen Mordszenen, sondern Splatter auf Comicniveau. Erst zuschlagen, dann rote Pfütze. Einfach und effektiv.
Die Faszination liegt natürlich auch darin, dass man sich immer wieder selbst überlisten muss und merkt, wie schwierig es ist, das Gehirn davon abzubringen, den fünfmal versuchten - und eigentlich für gescheitert erklärten - Lösungsansatz beim sechsten Mal tatsächlich sein zu lassen und einen anderen Weg zu gehen. Und noch viel mehr: Das Besondere dieses Spiels liegt darin, dass man es auch nach dem zehnten Tod in Folge nicht beiseitelegen will. Sondern es noch ein weiteres Mal versucht. Und noch mal.
"Hotline Miami 2" von Dennaton Games, für Playstation 4, 3 und Vita, PC, Mac, Linux; ca. 15 Euro