Messe Gamescom: Köln gewinnt das Publikum - DER SPIEGEL
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Gamescom Köln: Spaßmesse in ernsten Zeiten

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Messe Gamescom Köln gewinnt das Publikum

Die Gamescom beginnt - und die Massen strömen zur Spielemesse. Bei über 30 Grad in Köln fühlen die Fans sich in den klimatisierten Messehallen sichtlich wohl. Große Neuigkeiten gibt es kaum, dafür aber interessante Ideen, um die Grenze zwischen Spiel und Welt durchlässiger zu machen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Konsumentenmesse, das kann man wohl schon Stunden nach Öffnung der Pforten fürs allgemeine Publikum sagen, wird die nagelneue Kölner Gamescom wohl ein Erfolg. Schon vor dem offiziellen Einlassbeginn am Donnerstagmorgen strömten Tausende von Menschen aufs Messegelände, an den Ticketschaltern bildeten sich lange Schlangen. In den Hallen - die etwas weitläufiger und geräumiger sind als in der "Games Convention"-Stadt Leipzig - sieht es ähnlich aus: Seit dem Morgen stehen viele Besucher geduldig und teilweise stundenlang an diversen Ständen an, um neue Titel selbst ausprobieren zu können.

Das Interesse der Zielgruppe hat die neue Messe also schon einmal geweckt - und wer übers Gelände schlendert, wird feststellen, dass diese Zielgruppe immer größer wird: Väter sind mit ihren Töchtern da, Mütter mit ihren Söhnen, Pärchen spazieren Hand in Hand durch die Hallen, an den "Singstar"-Mikrophonen erproben Gruppen von Mädchen ihre Stimmen. Auch wenn die Kernzielgruppe - männlich, jung - nach wie vor in der Überzahl ist.

Dem Publikum jedenfalls gefällt's offenbar - ob auch die Aussteller am Ende der Messe zufrieden nach Hause fahren werden, ist dagegen noch offen. Die Branche jedenfalls übt sich zum Auftakt geschlossen in demonstrativem Optimismus.

Kumm lass mer fiere, nit lamentiere

Das Geschäft mit Computer- und Videospielen läuft derzeit nicht so gut, wie man das jahrelang gewohnt war. Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten scheinen vorerst vorbei, und selbst Nintendos marktverändernde Konsolen Wii und DS verkaufen sich nicht mehr mit dem gleichen Tempo wie noch im vergangenen Jahr. Gerade den Publishern, die auf mehr neue Hardware in den Haushalten angewiesen sind, damit sich teure High-End-Produktionen lohnen, macht die Entwicklung Sorgen - auch wenn das keiner wirklich laut sagen will.

Sonys drastische Preissenkung für die Playstation 3 hat deshalb vor allem eines ausgelöst: Erleichterung. Die großen Spielhersteller hoffen, dass der alte Gigant endlich an die Zeiten seiner einstigen Vorherrschaft anknüpfen kann. Noch immer ist die Playstation 2 die meistverkaufte Spielkonsole aller Zeiten - allein in Deutschland wurden sechs Millionen Stück abgesetzt. Die fast zehn Jahre alte Konsole verkauft sich immer noch. Folgerichtig rechnet Sony stets die Zahlen für PS2 und PS3 zusammen, wenn es um Marktanteile geht - damit ergibt sich immer noch ein komfortabler Vorsprung gegenüber den Konkurrenten Nintendo und Microsoft.

De facto aber ist die Branche bis heute unzufrieden mit dem Absatz der PS3 gewesen. A-Produktionen für die High-Tech-Konsole verschlingen viele Millionen an Entwicklungskosten, der Absatzmarkt aber ist nach wie vor vergleichsweise klein. Nach Unternehmensangaben wurden weltweit bis Ende des ersten Quartals 2009 gut 23 Millionen der neuen Sony-Konsolen verkauft - Nintendos Wii dagegen steht weltweit schon in über 52 Millionen Haushalten. Microsofts Xbox 360 erreichte im Mai die 30-Millionen-Marke - Sony holt also auf, denn die Xbox ist schon ein Jahr länger auf dem Markt. Zum Vergleich: Die PS2 hat sich weltweit etwa 140 Millionen mal verkauft.

Nintendos Boom kommt vor allem Nintendo zugute

Die anfängliche Begeisterung der Spielehersteller für den Erfolg von Wii und DS hat sich mittlerweile jedoch etwas gelegt: Für Nintendo-Geräte verkaufen sich vor allem Nintendo-Spiele, andere Publisher tun sich mit ihren Titeln für die Spielmaschinchen aus Japan oft schwer. Gerade für die Mobilkonsole DS ist mittlerweile eine so gewaltige Masse an Spielen, Gehirn-Trainern und anderer Software erschienen, dass es neue Titel extrem schwer haben, überhaupt Aufmerksamkeit, geschweige denn Verkaufszahlen zu erzeugen. Dazu kommt ein wachsendes Problem mit Raubkopien: Bei Rockstar Games etwa ärgert man sich darüber, dass bei YouTube sogar Anleitungen zu finden waren, wie genau man sich eine Raubkopie von "Grand Theft Auto: Chinatown Wars" für den DS besorgt und auf der Mobilkonsole zum Laufen bringt. Für Nintendos Wii wiederum verkaufen sich vor allem die hauseigenen Sport- und Bewegungsspiele und Titel mit den Nintendo-Markenmaskottchen wie "Super Mario".

Nun hoffen viele auf einen vorweihnachtlichen PS3-Boom, der auch die Software-Verkäufe ankurbeln könnte.

Trend 2009: Wohn- wird Spielwelt

Wenn es überhaupt ein Messe-Trendthema gibt, dann vielleicht dieses: Verschiedene Hersteller bemühen sich nach Kräften, die Grenze zwischen Spielwelt und Wohnzimmer immer weiter verschwimmen zu lassen.

  • Sony führt mit "EyePet" eine Art Haustier-Simulation vor - mit dem putzigen kleinen Fabelwesen kann man über die Konsolenkamera mit Handbewegungen interagieren, ja sogar auf Papier gezeichnete Objekte in die Spielwelt übertragen, damit das virtuelle Haustier damit spielen kann. Benutzer und Tierchen sind dann gemeinsam auf dem Bildschirm zu sehen - "Augmented Reality"-Spiele wie dieses dürften in den kommenden Jahren eines der großen Trendthemen dieser Branche werden.
  • Ubisoft stellt eine Kamera für die Wii vor, die den Körper des Benutzers scannen und anschließend vor dem Bildschirm ausgeführte Fitness-Übungen überwachen soll ("YourShape").
  • Activisions neuestes "Tony Hawk"-Skate-Spiel kommt mit einem Skateboardförmigen Controller daher, auf dem der Spieler balancieren und mit Gewichtsverlagerung das Spiel steuern muss.
  • Das Spiel zu James Camerons für Dezember angekündigten Sci-Fi-Film "Avatar" lässt sich auf Wunsch komplett in 3D spielen, wenn der Spieler dabei eine entsprechende Brille trägt.
  • Einzig Microsofts Beitrag zur Abschaffung des traditionellen Gamecontrollers, das bei der E3 in Los Angeles vorgestellte "Project Natal" wird nur wenigen Messebesuchern hinter geschlossenen Türen vorgeführt.
  • Sonys System zur Bewegungssteuerung wurde bei der Pressekonferenz nur im Video vorgeführt - Neuigkeiten sind erst für die Tokio Game Show im Herbst angekündigt.

An Ideen also mangelt es der oft für ihre Trägheit gescholtenen Branche derzeit nicht - nach Weihnachten wird man sehen, ob auch die Kundschaft weiterhin bereit ist, Geld ins elektronische Entertainment zu investieren.