Online-Spiele Ruhe sanft, mein Pixelheld
Echte Grabsteine gibt es auf dem Online-Friedhof nicht - wohl aber echte Trauer
Foto: Maurizio Gambarini/ picture-alliance/ dpaFrankfurt am Main - Die ersten Gräber auf dem neuen Internetfriedhof für virtuelle Figuren sind bereits eingerichtet. Phantasievolle Namen wie Iznais, Loophole oder Shogunazzazzin stehen auf den stilisierten Grabsteinen beim Portal herolymp.de, das am Mittwoch freigeschaltet wurde. Das bundesweit einmalige Projekt der Stadt Frankfurt am Main soll Compterspielsüchtigen helfen, sich von ihrem künstlichen Charakter, dem sogenannten Avatar, zu verabschieden.
Ausgedacht haben sich die ersten Beispiele für begrabene Avatare die Studenten Florian Schweitzer und Seong Wong Ly. Sie gehören zu den Studenten der Frankfurter Academy of Visual Arts (AVA), die den " Herolymp " im Auftrag der Stadt Frankfurt entworfen haben. Die jungen Männer haben selbst Erfahrung mit Online-Rollenspielen und wissen deshalb, mit welchen Problemen Computerspieler zu kämpfen haben.
Die Beweggründe eines Spielers, der seinen Avatar beerdigt, könnten zum Beispiel so lauten: "Nachdem ich meine Freizeit die letzten fünf Jahre ausschließlich in das Game gesteckt habe und dabei einiges auf der Strecke geblieben ist, zog ich mein Fazit. Online-Spiele sind wie Zigaretten, man ist sich über die Gefahr bewusst, aber macht es trotzdem."
Online-Friedhof statt Plakataktion
In den Phantasiewelten kämpfen die Spieler etwa als Krieger, Monster oder Magier mit anderen Gestalten. Missionen müssen erfüllt und Eroberungen geplant werden. "Das fängt alles relativ harmlos an", sagt der 27-jährige Florian Schweitzer. "Aber irgendwann passiert es, dass man drei, vier Stunden online bleibt, obwohl man sich nur eine halbe Stunde vorgenommen hat." Nach und nach würde das Spiel wichtiger werden als etwa Verabredungen mit Freunden. "Die Leute hocken dann nur noch drinnen vor dem Computer, essen Fast Food und gehen selbst bei schönem Wetter nicht mehr raus", erzählt Schweitzer. Jemand, der sich so verhalte, sei suchtgefährdet.
Dieser Meinung ist auch die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Manuela Rottmann. Zusammen mit dem städtischen Drogenreferat und der AVA gründete sie deshalb das Projekt "Herolymp". Ursprünglich war eine Plakataktion geplant, sagt Rottmann. Doch die Studenten der AVA hätten die gute Idee gehabt, den Friedhof für Avatare im Internet zu schaffen. "So erreichen wir die Betroffenen direkt im Internet, wo sie viel Zeit verbringen." Studien hätten gezeigt, dass Online-Rollenspieler durchschnittlich 22 Stunden pro Woche mit ihrem virtuellen Charakter spielten.
Helfen statt verteufeln
Besonders Online-Spiele wie das Strategiespiel "World of Warcraft" bergen laut Rottmann ein hohes Suchtpotential: Die Teilnahme ist kostenpflichtig, das Spiel geht auch weiter, wenn der Spieler offline ist, und die gestellten Aufgaben müssen mit anderen Spielern gemeinsam gelöst werden. Dies erzeuge eine hohe Bindungskraft und steigere das Risiko, in die virtuelle Welt abzudriften.
Computerspiele sollten dennoch nicht verteufelt werden, sagt Rottmann. "Wir wollen nicht verbieten, dramatisieren oder stigmatisieren". Herolymp.de solle vielmehr eine Hilfe sein für diejenigen, die ich aus eigenem Antrieb von ihrer Spielsucht distanzieren möchten. Über die Internetseite können Betroffene auch Kontakt zur Frankfurter Drogenberatungsstelle aufnehmen. 25.000 Euro hat sich die Stadt das Projekt bislang kosten lassen. Künftig soll auf Plakaten in der U-Bahn und auf Bannern im Internet für das Portal geworben werden.