Putzsimulation: Viscera Cleanup Detail - Bluten und Wischen - DER SPIEGEL
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Putzsimulator "Viscera Cleanup" Reinemachen im Weltraum

Bluten und Wischen: Der Held in "Viscera Cleanup Detail" muss auf einer Raumstation nach der Alieninvasion so richtig aufräumen. Allerdings mit dem Wischmopp statt mit der Wumme. Das Spiel eröffnet eine neue Dimension des Horrors.
Von Barbara Höfler
"Viscera Cleanup Detail": Putzauftrag in der Raumstation
"Viscera Cleanup Detail": Putzauftrag in der Raumstation

"Viscera Cleanup Detail": Putzauftrag in der Raumstation

Foto: runestorm.com
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutschland ist Simulantenland. Nirgendwo sonst fahren so viele Menschen die Rechner nach getaner Arbeit hoch, um ein weiteres actionloses, bloß komplett unbezahltes Erwerbsleben als Landwirt, Gabelstaplerfahrer oder Skipistenpräparator zu führen. Unglaublich, warum von unseren Landsleuten bis jetzt keiner auf die Idee gekommen scheint, das für Deutsche doch Naheliegende anzubieten - eine Putzsimulation. Think: deutsche Gründlichkeit.

In die Lücke springt jetzt ein Entwicklerteam aus Südafrika: Runestorm mit "Viscera Cleanup Detail" (der Download  der Alpha-Version für Windows ist gratis). Für den deutschen Markt hätte es vollauf gereicht, die Spieler Zimmer für Zimmer durchputzen zu lassen, während ihre eigenen Behausungen weiter vor Dreck starren. International erregt das Spiel jedoch Aufmerksamkeit, weil es nicht darum geht, Kalkflecken von Badfliesen zu wischen, sondern Blut, Knochen und Biomasse aus einer Raumstation in "Doom"-Optik. Was ist an diesem Ort geschehen? Dasselbe wie immer, ein Egoshoot. Nur dass der Spieler sich in "Viscera Cleanup Detail" an dem Punkt befindet, an dem er die Konsole nach dem Gemetzel normalerweise in die Ecke pfeffert. Der Auftrag jetzt: alles aufwischen. Aus der Perspektive von Bob, 47, Hygienetechniker.

Vorweg: Wo ohne Salär geputzt werden soll, sollte auch die Sauerei gratis sein, und das ist sie gottlob. Vier verwüstete Raumschifflevels gibt es zum freien Download. Wer dann noch weiteres Interesse hat, kann demnächst eine Kaufversion erstehen. Denjenigen will ich kennenlernen. Doch kommen wir nun zum Spiel.

Aus dem unteren Bildschirmrand greifen beherzt zwei Hände in gelben Gummihandschuhen. Bob hat kein Gesicht. Wir sehen nur seinen Wischmopp, den er vor sich herträgt wie der First-Person-Shooter seine wechselnden Waffen. Auch Bob kann was wechseln: Mopp weg, Hände her. Mit denen greift er am Boden rumliegende Eingeweide und wirft sie in Gefahrenbehälter, die irgendein Apparat ausspuckt. Bevor es ans Aufklauben geht, muss aber gewischt werden. Und da verhält es sich wie im richtigen Leben. Erst macht es Spaß, den Mopp Mausklick für Mausklick über die Flecken zu lenken. Irgendwann zieht's aber im Genick. Die Lust lässt nach. Und zwar umso mehr, als beim Spiel ja nicht mal die Satisfaktion einer hernach blitzblanken Wohnung winkt.

Recht mies wird es, wenn der Mopp sich mit Blut vollgesaugt hat. Dann verschmiert man bloß alles und muss zusehen, schnell zu einem Eimer Frischwasser zu kommen. Links, rechts, vor und hinter einem dabei stets die gleiche, irgendwo zwischen Mittelalter und Futurismus hängengebliebene Maschinenraumästhetik: Schweißnähte am Boden, Funzellicht, unmotiviert viele Rohre an den Wänden. Drunter ein Klangteppich, als läge man unter Wasser in der Badewanne. Klonk, donk, Flaschenklirren. Pränatale Geräuscherinnerung depressiv Geborener. Ab und zu - nein, eigentlich dauernd - fallen Bob fiese kleine Patronenhülsen aus den quietschenden Gummihandschuhhänden. Der einzige Spielmoment, der das Herz einen Sekundenbruchteil höher schlagen lässt. Adrenalin aus Ärger.

Da eine Fortschrittsanzeige fehlt, ist nicht klar, wann Bob endlich fertig ist. Ob das Spiel überhaupt ein natürliches Ende hat? In meiner Putzzeit nicht und ich habe eine geschlagene Stunde damit zugebracht. Das World Wide Web kennt ebenfalls niemanden, der von irgendeiner Art Gratifikation berichten würde. Jeder scheint bislang aufgegeben zu haben, bevor ein Ziel oder wenigstens eine Zäsur passiert. Es steht zu fürchten, dass da einfach niemals etwas kommt. Das wiederum wäre fatal radikal!

Denn in Putztrance, die man ja durchaus aus dem Real Life kennt, scheint plötzlich doch noch eine Botschaft auf, nämlich, wie ähnlich sich die Spielprinzipien von Egoshoot und Egoclean sind: Es geht nur um Mausklicks. Klick/ Wischmoppgewische/ Fleck weg. Klick/ Rumgeballer/ Monster weg. Im Grunde ist es völlig egal, ob man die Taste drückt, um Kreaturen zu erschießen oder deren Reste aufzuwischen. Es wird geschossen um des Schießens willen, und geputzt um des Putzens willen. Der einzige Unterschied: Beim Putzen kommen keine Angreifer, was es extrem fad macht. So ist "Viscera Cleanup Detail" auf der einen Seite das vielleicht pazifistischste Spiel der Welt, auf der anderen Seite aber so ultrabrutal, dass ich es meine Kinder nie spielen lassen würde.

tl;dr: Eine Putzsimulation fordert: Wisch auf, was du erschossen hast!

Zur Autorin

Aus Angst vor Kontrollverlust hat Barbara Höfler keinerlei Spielekonsolen geschweige denn eine gute Grafikkarte. Sie verliert die Kontrolle dennoch immer wieder. Beim Zocken schäbigster HTML-Spiele.