"Red Dead Redemption II" durchgespielt: Kalte Pferdehoden - DER SPIEGEL
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Wild-West-Epos: Das ist "Red Dead Redemption II"

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"Red Dead Redemption II" durchgespielt Öde Pferdehoden

Viel Inhalt, wenig Zusammenhalt: "Red Dead Redemption II" will mehr, als es einlösen kann. Das Wild-West-Spiel scheitert daran, ein Meisterwerk sein zu wollen. Allerdings mit Stil.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Spoiler-Hinweis: In diesem Text finden sich einige Spoiler zum Spiel "Red Dead Redemption II". Wenn Sie einen Eindruck des Autors zum Spiel mit weniger Details lesen wollen, finden Sie hier ein Streitgespräch von Ende Oktober. Mittlerweile hat unser Tester das Spiel durchgespielt.

Die Erlösung findet auf dem Gipfel eines Berges statt. Zweimal sogar. Einmal stirbt der einsam gewordene Outlaw, um seinen letzten Begleiter zu schützen und einmal entscheidet sich ein Mann, zu den Guten zurückzukehren. Mit einem Schuss, wortlos.

"Red Dead Redemption II" trägt die Erlösung schon im Titel und zeigt in Momenten wie diesen, dass es das Meisterwerk hätte sein können, für das es oftmals gehalten wird. Zumindest liest man das in Texten, in denen das Spiel gepriesen wird , in denen gesagt wird, dass es die Gameswelt verändern wird. Man muss hoffen, dass das nicht stimmt.

Denn "Red Dead Redemption II" ist zwar in vielerlei Hinsicht - Zwischensequenzen, Grafik und Stimmung - ein großartiges Spiel. Es macht aber spielerisch ein Schritt zurück.

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Wild-West-Epos: Das ist "Red Dead Redemption II"

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Der Anfang ist langsam. Was nicht schlimm ist, schließlich lernt man hier die Outlaw-Gang unter Dutch van der Linde kennen. Geschlagen nach einem missglückten Überfall, mühsam durch den Schnee stapfend, sich gerade noch so retten könnend in der Kälte. Das Spiel zeichnet hier ein Schlachtengemälde. Müde Krieger, verlorene Menschen, die nur noch ums Überleben kämpfen - um bald darauf wieder in ihre gewohnte Tätigkeit zurückzufallen: Überfälle starten. Und Geld zu besorgen, um endlich aufhören zu können.

Eher öde als meditativ

Während andere Spiele jetzt Fahrt aufnehmen würden, bremst "Red Dead Redemption II" weiter. Arthur Morgan, Teil der Bande und über weite Strecken des Spiels der Protagonist, reitet von einer Mission zur nächsten und legt dabei lange Wege zurück. Sehr lange Wege. Eine rettende Schnellreisefunktion wird erst später eingeführt - und ist auch dann so eingeschränkt, dass man sie kaum benutzen wird.

Man mag die Reisen als meditative Übung sehen, als Entschleunigung. Wenn aber mehr als die Hälfte eines mindestens 60 Stunden umfassenden Spiels daraus besteht, den linken Stick am Controller nach vorne zu drücken und gleichzeitig die X-Taste zu drücken, ist das eher öde als meditativ.

Was auch daran liegt, dass es schwerfällt, ein Gefühl für Arthur Morgan zu entwickeln. War John Marston - Protagonist des ersten Teils und ebenfalls Teil der Bande - ein Charakter, der einem in seiner Bauernschläue und liebenswerten Naivität schnell ans Herz wuchs, so offenbart sich Morgan nur langsam.

Eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte wird zu einem Nebenstrang in wenigen Missionen degradiert. Seine tödliche Krankheit macht ihn verletzlicher und nachdenklicher, scheint aber bis auf wenige Hustenanfälle wenig an seiner Kraft und seinem Können zu ändern. Erst spät wird er zu einer gebrochenen und damit interessanten Figur, mit der man gerne unterwegs ist.

Die kleine Geschichtsstunde endet im Nichts

Die Landschaft bleibt nicht so blass wie am Anfang befürchtet. Gerade die Plantagen, Alleen und verwunschenen Sümpfe des Südens schaffen eine eigene Magie. Hier schafft Rockstar eine dichte Landschaft voller wunderbarer Lichteffekte, wabernden Nebels und voller Geheimnisse.

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"Red Dead Redemption II": Der Wilde Westen sah nie besser aus

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Das Spiel wird auch deshalb dichter, weil es nicht nur schön aussieht, sondern kurz Geschichte atmet; Frauen demonstrieren für ihr Wahlrecht, die Herrschaft der Plantagenbesitzer jedoch dauert an.

Doch die kleine Geschichtsstunde endet im Nichts. Aus dem Kampf der Frauen wird eine kurze Romeo-und-Julia-Abwandlung, Rassismus ist kein Thema mehr. Kaum etwas geht in die Tiefe, politische Themen wirken wie Sehenswürdigkeiten, die abgehakt werden und dann vergessen.

Eine unpassende Reise

Auch weil der Aufenthalt im Süden abrupt unterbrochen wird: Eine Reisegruppe um Arthur Morgan landet nach einem Schiffbruch auf einer Karibikinsel und gerät dort mitten in einen Aufstand. Das geschieht plötzlich und ist unpassend. Das Spiel verwandelt es ein Kapitel lang in einen "Uncharted"-Klon - Inseln im blauen Meer, Burgruinen und Wellen von stumpf gegen den Spieler anlaufende Gegner inklusive.

Leider aber fehlt das flüssige Kampfsystem eines "Uncharted", das elegante Ducken, in Deckung gehen und schießen. Hier stockt man immer wieder im Vorwärtsgang, findet keine Deckung, weil die Steuerung das gerade nicht vorsieht. Man versucht, Gegner anzuvisieren, um festzustellen, dass man keine Waffe ausgewählt hat, weil man dummerweise zuvor einen toten Gegner geplündert hat, was die Waffenauswahl manchmal - aber nicht immer - zurücksetzt. Dass man nach dem Plündern automatisch von der Hocke in den aufrechten Gang versetzt wird, macht es auch nicht besser.

Es sind Kleinigkeiten wie diese, die wünschen lassen, dass "Red Dead Redemption II" nicht nur auf grafische Spitzenklasse, sondern auch auf flüssiges und vor allem konsistentes Gameplay optimiert worden wäre. So bewegen sich die Figuren schwerfällig und immer wieder ruckelig. Pferde weichen mal großen Felsblöcken alleine aus, mal werden sie in vollem Lauf von einem dünnen Bäumchen zu Fall gebracht. Was nicht nur nervtötend ist, sondern auch noch ziemlich dämlich aussieht - und manche Mission zum Scheitern gebracht hat.

Das ist ärgerlich. Auch weil in das Spiel so viel Arbeit , so viel Liebe zum Detail gesteckt wurde. Dass sich Pferdehoden je nach Außentemperatur verändern, ist dabei nur ein sehr exzessiver Auswuchs.

Es fehlt ein roter Faden

Man könnte "Red Dead Redemption II" an fast jeder Stelle anhalten und sich lange damit beschäftigen, wie es in der unmittelbaren Umgebung aussieht, welche Tiere umherlaufen, wie sich das Licht verändert, wie dramatisch der Himmel aussieht und sich dafür begeistern.

"Red Dead Redemption II"

"Red Dead Redemption II"

Foto: Rockstar Games

Es sind die Momente, in denen man "Red Dead Redemption II" für ein Meisterwerk halten könnte. Momente, die man mit tollen Bildern in sozialen Netzwerken teilen kann. Doch sobald man sich wieder bewegt, merkt man die Leere zwischen den schönen Bildern. Es fehlt ein roter Faden, eine Klammer.

Das also, was eine gute Geschichte bieten würde. Doch hier ist sie dünn. Man kann die Erzählung über die langsame Auflösung der van-der-Linde-Bande als Allegorie nehmen, als Erzählung über das Ende des Wilden Westens. Als eine Flucht, die erst mit dem Tod endet, als Rückzugskampf gegen den Kapitalismus, gegen die Industrialisierung. Als immer schwächer werdende Hoffnung, doch noch seinen Platz zu finden. Nur noch ein Überfall, nur noch einmal richtig Geld beschaffen - das ist der sich nicht erfüllende Traum der Outlaws.

Man kann sie aber auch als Erzählung nehmen, in der die Autoren irgendwann nicht mehr wussten, wie sie sie zu Ende bringen sollten.

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Preisabfragezeitpunkt

17.10.2026 12.49 Uhr

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"Red Dead Redemption II" ist eines der ambitioniertesten Spiele, die je entwickelt wurden. Es versucht, einen Teil der amerikanischen Geschichte komprimiert in einer wunderbaren Landschaft darzustellen. Es ist in seinen guten Momenten brandaktuell, spart nicht an Kritik und ist voller brillanter Dialoge. Und scheitert doch letztlich an seiner Ambition, verliert den Fokus, schleppt sich weiter, so wie Dutch van der Linde mit seiner Bande. Bis zum Schluss der Abspann eine weitere Erlösung ist.


"Red Dead Redemption II" von Rockstar Games, für Xbox One und Playstation 4, ab ca. 60 Euro, keine Jugendfreigabe