"Remember Me" rezensiert von Carsten Görig - DER SPIEGEL
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Angespielt: Remember Me

Foto: Capcom

Actionspiel "Remember Me" Das Spiel mit der Erinnerung

In "Remember Me" spielt man im und mit dem Gedächtnis anderer. Das schafft eine spannende neue Spielmechanik, umgeben von einer Geschichte, die anrührt. Doch völlig kann das Spiel nicht überzeugen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Langsam drehe ich einen Stick an meinem Controller. Spule einen Film vor und zurück. Suche nach Dingen, die sich manipulieren lassen. Stoße eine Flasche um, schiebe einen Tisch zur Seite oder öffne eine Tasche. Doch es ist kein Film. Ich stöbere im Gedächtnis anderer Menschen, arrangiere ihre Erinnerungen neu. Schaue, ob ich den Lauf der Dinge ändern kann. Ich spiele "Remember Me".

Das ist das erste Spiel des französischen Entwicklerstudios Dontnod. Ein Spiel, das seit Gründung des Studios 2008 einen langen Weg hinter sich hat: Es wurde von vielen Firmen abgelehnt, weil es eine Frau als Protagonistin hat. So sagen zumindest die Entwickler.

Nilin heißt sie, und sie ist eine Erroristin. Eine Frau, die gegen Memorize kämpft. Das ist ein großer Konzern, der Erinnerungen speichert, austauscht, manipuliert. Die meisten Menschen haben eine Art Dateneingang am Kopf, schließlich ist es das Jahr 2084. Der kann benutzt werden, um sie zu beeinflussen. Oder sie zu überladen und sie so im Kampf außer Gefecht zu setzen.

Starke Gegner, lange Kämpfe

Schauplatz von "Remember Me" ist Neo-Paris, in der sich eine futuristische Oberstadt über das alte Paris gelegt hat. Wahrzeichen ragen hier heraus, aber die alten Häuser sind mehr Ruine und Fundament einer größeren Stadt. Zu erkennen ist Paris trotzdem, und das macht einen der Reize des Spiels aus, wechselt es doch zwischen überfluteten Ruinen und klinisch sauberen Gängen. Mit der Erinnerungsmanipulation schafft es eine neue, sehr gut funktionierende Spielmechanik. Und doch scheitert es an seinen Ambitionen.

Vielleicht lässt sich dieses Scheitern durch die Irrfahrt des Spieles erklären, durch - so kann man spekulieren - viele Änderungen und Anpassungen. Und vielleicht auch den Wunsch, es endlich auf den Markt zu bringen. Nicht nur die halbgare deutsche Vertonung stört (viel besser klingt das Spiel übrigens, wenn man die Sprache auf Französisch stellt und Untertitel einschaltet), auch die Kampfmechanik. Die funktioniert eigentlich recht gut, doch auf Dauer wird die Prügelei eintönig, es zieht sich.

Gerade die Kämpfe gegen starke Gegner sind hauptsächlich lang, nicht spannend. Dreieckstaste drücken, Quadrat drücken. Immer im richtigen Timing, immer in verschiedenen Kombinationen. Schaden anrichten, Lebensenergie auftanken. Ausweichen. Zuschlagen. Die Kletterpassagen sind selten wirklich herausfordernd, optisch jedoch spektakulär.

Sparsam eingesetzte Gedächtnismanipulation

Ich bin "Remember Me" dennoch bis zum Schluss treu geblieben. Die Geschichte um Nilin, die nach einem Gefängnisaufenthalt und Gedächtnisentzug ihre Vergangenheit sucht, ist nämlich trotz vieler Science-Fiction-Klischees gut erzählt und spannend. Sie rührt an. Und vor allem: Die sehr sparsam eingesetzte Gedächtnismanipulation macht nachdenklich. Was wäre, wenn man tatsächlich Erinnerungen neu arrangieren könnte?

"Remember Me" erscheint in der Zeit von Prism, Tempora, Facebook und Google-Brille nicht mehr so weit hergeholt. Was, wenn diese Daten nicht nur gesammelt, sondern auch manipuliert werden? Auch wenn das keine neue Frage ist: Sie wird in "Remember Me" eindrücklich gestellt. Und ich bin froh, im Spiel ein Errorist zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. Auch wenn ich selbst in der Erinnerung anderer spielen kann.


"Remember Me". Von Capcom, für Playstation 3, Xbox 360 und PC, ca. 40 Euro; USK: Ab 16 Jahren