Horrorspiel »Resident Evil Requiem« Der menschliche Ekel
Screenshot »Resident Evil Requiem«: Alte Versatzstücke gekonnt zusammengenäht
Foto:Capcom
Zwei Zombies hocken auf einem langen Tisch, über menschliche Überreste gebeugt. Gierig schlingen sie das Fleisch; schmatzen, grunzen und keuchen. Eine rundum ekelhafte Szene. Und doch fragt man sich als Spieler oder Spielerin womöglich kurz, ob man sich nicht dazu setzen sollte. Denn dieser Ekel lädt zum Verweilen ein.
Zombies bei einer Mahlzeit: Klischees werden gefeiert
Foto: CapcomNach neun Teilen der Hauptserie und etlichen Ablegern hat »Resident Evil« schon alle Facetten des Survival-Horrors durchgespielt. Das neueste Kapitel, »Resident Evil Requiem«, mutet daher auch ein wenig wie ein Best-of an. Und doch schafft es das Spiel, immer wieder zu überraschen. Weil es seine Versatzstücke grandios zusammennäht – auch wenn das manchmal ins Absurde ausartet.
Dieses Mal gibt es zwei Protagonisten. Grace Ashcroft, eine junge FBI-Ermittlerin, soll die mysteriösen Vorkommnisse in einem alten Hotel aufklären. Ausgerechnet das Hotel, in dem einst ihre Mutter vor ihren Augen ermordet wurde. Ihr zur Seite steht Spezial-Agent Leon S. Kennedy.
Klischees, die (meist) funktionieren
Mit »Resident Evil 4« wurde die Horrorserie neu ausgerichtet. Mehr Fokus auf Action, weniger auf die Survival-Aspekte. Es war kaum noch nötig, jeden Schuss genau abzuwägen und die verbliebene Munition zu zählen. Dafür wurden die Waffen immer wuchtiger und die Zombies immer größer. Die letzten beiden Teile begannen zwar recht ruhig und gruselig, endeten aber schließlich in Action-Spektakeln.
Grace Ashcroft: Hauptfigur mit traumatischer Vergangenheit
Foto: Capcom»Resident Evil Requiem« bietet beides. Während Grace Ashcroft durch die dunklen Gänge heruntergekommener Hotels oder verlassener Irrenanstalten schleicht, stapft Leon S. Kennedy selbstbewusst und mit kessen Sprüchen durch die Gegend. Sie sammelt Ressourcen, er greift zur Kettensäge und zerteilt gleich mehrere Zombies auf einmal.
Das klingt klischeehaft, und das ist es auch. Das Spiel funktioniert aber trotzdem, da es sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Kennedy kommentiert etwa viele der absurden Szenen, die sich vor ihm abspielen. Er sagt »Wollt ihr mich verarschen?«, bevor die Spielerinnen und Spieler es selbst tun. Etwas weniger angsterfülltes Bibbern und Stöhnen von Grace Ashcroft hätte dem Spiel aber trotzdem nicht geschadet.
Auftritt auf einer Spielemesse: Mehr als ein Best-of
Foto: Peerapon Boonyakiat / ZUMA Press Wire / IMAGOEkel als Spielmechanik
»Resident Evil Requiem« nimmt Versatzstücke älterer Teile und klebt sie, mit viel Ekelhaftem dazwischen, zusammen. Gerade an diesem Regler haben die Entwickler von Capcom ordentlich gedreht. Etwa, wenn Spielerinnen und Spieler Organe suchen müssen, um sie in einen ausgeschlachteten Körper einzusetzen. Oder wenn ein Zombie-Metzger auf einen Haufen abgetrennter Gliedmaßen eindrischt.
Die neue Spielmechanik baut direkt auf diesen Gräueln auf. In der Spielwelt verteilt stehen immer wieder mit Blut gefüllte Eimer oder Badewannen. Auch einige Gegner hinterlassen eine Lache, die die Spielerinnen mit einer Ampulle aufsammeln können. Denn Blut ist in »Resident Evil Requiem« ein kostbarer Rohstoff.
Hier zeigt sich das Spiel von seiner herrlich absurden Seite. Im Verlauf müssen die Spieler besondere Blutproben unter einem Mikroskop untersuchen, um neue Verwendungsmöglichkeiten zu erlernen. Aus Metallteilen und Blut wird etwa Pistolenmunition. Wer in solchen Momenten anfängt, am Spiel zu zweifeln, sollte schnell wieder die Waffe zücken und den nächsten Raum untersuchen.
Zombies mit Persönlichkeit
Ansonsten bietet »Resident Evil Requiem« kaum Neues. Das stört aber nicht weiter, da alles Bekannte ausgezeichnet funktioniert. Wieder gibt es etwa einige zunächst unbesiegbare Gegner, die Jagd auf die Hauptfiguren machen. Dann bleibt nur die Flucht. Die Locations sind gefüllt mit Sackgassen, Abkürzungen und Rätseln, die erst schrittweise erschlossen werden können – wie man das eben von »Resident Evil« kennt.
Auch wenn besonders die Teile mit Leon S. Kennedy eher wie Slapstick-Horror wirken, schafft »Requiem« einige wahrhaft gruselige Szenen. Etwa beim Versteckspiel mit einem gigantischen Monster, das nur durch Licht aufgehalten werden kann. Zu blöd, dass die meisten Glühlampen an der Decke durchbrennen, sobald man einen Lichtschalter drückt.
Monster: Manchmal bleibt nur die Flucht
Foto: CapcomZum Horror trägt ein erzählerischer Trick bei. Der T-Virus, der in diesem Spiel die Menschen befällt, verwandelt sie nicht in leere Zombiehüllen. Es bleibt ein Stück ihrer Persönlichkeit zurück. Sie brabbeln von ihrem alten Leben. Ein Arzt erzählt von den Patienten, denen er kurz zuvor noch geholfen hat. Eine Sängerin stimmt eine grausame Arie an. So wird der Ekel noch größer: Wenn das wandelnde Grauen doch menschlicher ist, als man zunächst dachte.