"MGS - Ground Zeroes": Teures, schickes Demo-Spiel
"Metal Gear Solid: Ground Zeroes" Die teuerste Demo der Game-Geschichte
Die englischsprachige Fachpresse ist gespalten, was "Metal Gear Solid: Ground Zeroes" betrifft. Und zwar nicht nur, weil das Spiel für einen Preis von 30 Euro dann doch arg schnell vorbei ist. "Die Mission ist nicht nur kurz, sie ist langweilig", heißt es etwa bei "Polygon" , "Game Informer" nennt das Spiel "einen enttäuschenden und unbefriedigenden Blick in die Zukunft der Serie". "Eurogamer" dagegen findet, "selbst für sich genommen ist 'Ground Zeroes' etwas Besonderes" und "Edge" erklärt: "'Ground Zeroes' ist in jeder Hinsicht außer dem Preis ein durchschlagender Erfolg."
Es scheint sich also um eine Geschmacksfrage zu handeln, abgesehen von der unbestrittenen Tatsache, dass "Ground Zeroes" für 30 Euro ein vergleichsweise teurer, weil ziemlich kurzer Spaß ist. Ein Vorgeschmack auf das lange erwartete "Phantom Pain", mehr aber eben nicht.
Ich habe seit dem Playstation-2-Titel "Sons of Liberty" jeden konsolenbasierten "Metal Gear"-Titel durchgespielt. Drei Dinge haben sich dabei im Lauf der Jahre nicht geändert: Ich begreife den Gesamtplot bis heute nicht, aber das ist mir im Grunde gleichgültig (womit ich bei weitem nicht allein bin ). Ich finde die Bedienung des Spiels, obwohl auch die verbessert wurde, nach wie vor sperrig, ein bisschen steif, auch wenn Spielheld Snake bei korrekter Bedienung eine mächtige Spielfigur ist. Und ich spiele dann doch wieder auch den nächsten Titel, weil Hideo Kojimas leicht irre Visionen eine ähnliche Faszination ausüben wie schwer verständliche japanische Anime-Filme.
Wer gut spielt, muss nicht töten
Im Spiel selbst geht es, ganz grob, darum, zwei Gefangene aus einer guantanamoartigen, streng geheimen Militäranlage an der Südspitze Kubas zu befreien. Wer das PSP-Spiel "Peace Walker" gespielt hat, kennt die beiden schon. Man muss sie finden, befreien und mit ihnen einen Flucht-Hubschrauber besteigen. Das war es auch schon, zumindest was die gespielte Geschichte angeht.
"MGS"-Schöpfer Hideo Kojima ist bekannt für seine Maßlosigkeit, was Filmsequenzen im Spiel angeht - teilweise zwang er die Spieler stundenlang zum Zusehen. "Ground Zeroes" erzählt mit vergleichsweise wenigen Cutscenes, nur am Anfang und am Ende gibt es zwei längere. Kojima lebt darin seine Filmemacher-Ambitionen auf eindrucksvolle Weise aus: Die Kamera fliegt ohne Schnitt zwischen den handelnden Personen herum, wie das nur in einer Simulation geht. Den Rest der wieder einmal bizarren Geschichte kann man sich in Form von Audiofiles anhören, wie man das von "Bioshock" kennt. Das hat den Vorteil, dass man es auch lassen kann.
Die Schlusssequenz ist besonders aberwitzig, weil sie eine völlig neue Geschichte anreißt, mit XXL-Action und XXL-Dramatik. Spätestens hier wird deutlich: "Ground Zeroes" ist ein Prolog, ein Appetizer. Allerdings einer, der fast halb so viel kostet wie das Hauptgericht.
Die Hindernisse im Spiel sind die gleichen wie immer: gesichtslose Soldaten, die sich manchmal clever, manchmal verblüffend dämlich verhalten. Man kann vorbeikriechen, sie von hinten zur Bewusstlosigkeit würgen, sie mit Betäubungspfeilen in den Schlaf schicken oder ihnen mit dem Sturmgewehr den Garaus machen. Wer gut spielt, muss nicht töten, das war schon immer ein "MGS"-Markenzeichen.
Der wachsende Realismus lässt Schnitzer deutlich hervortreten
Hat man die Soldaten aber auf sich aufmerksam gemacht, gehen sie in Scharen auf Snake los. Der kann dann entweder eine komplette Angriffswelle ausschalten und sich anschließend verstecken, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Oder er flieht. Letzteres ist manchmal erstaunlich einfach: Betritt man etwa ein Gebäude auf dem Militärgelände, ist es den Verfolgern unmöglich, einem zu folgen. Man kann direkt hinter der Tür in Ruhe abwarten, bis irgendwer Entwarnung gibt, was nach wenigen Minuten geschieht.
"Ground Zeroes" macht damit ein Dilemma deutlich, vor dem heute viele Spiele stehen: Der wachsende Realismus, die immer weiter ausgefeilte künstliche Intelligenz lässt solche Schnitzer umso stärker hervortreten. Ein Gegner, den eine Tür in einen tumben Roboter verwandeln kann, ruiniert schnell die mühsam aufgebaute Atmosphäre ständiger Bedrohung, von der ein Schleichspiel lebt.
Der Spielbildschirm wurde für "Ground Zeroes" entschlackt: Es gibt keinen ständig präsenten Radarschirm mehr, der anzeigt, wo die Wachsoldaten gerade herumspazieren. Als Schleichspiel funktioniert "Ground Zeroes" genau deshalb hervorragend - es zwingt einen zum Innehalten, zum Lauschen. Mit seinem Fernglas kann man die Soldaten markieren, dann bleiben sie auch ortbar, wenn man sie eigentlich nicht mehr sehen kann. Das kennt man von "FarCry", "Splinter Cell" oder "Assassin's Creed". Selbst Hideo Kojima muss sich heute Gameplay-Innovationen von anderen borgen.
Schlechtes Gewissen dabei, Snake durch Pfützen zu schicken
Die Klangkulisse aber ist, gerade über eine Surround-Anlage, so phantastisch, dass man ständig das Gefühl hat, hinter einem tropfe es. Der Regen und sogar die Pfützen wirken so echt, dass man fast ein schlechtes Gewissen dabei hat, Snake ständig über den Boden robben zu lassen.
Die eigentliche Qualität des Spiels entfaltet sich sowieso erst beim zweiten oder dritten Durchspielen mit anderen Methoden: aufs Gelände schleichen, als blinder Passagier in einem Versorgungslaster mitfahren, sich den Weg freischießen? Gefangene Soldaten verhören, um den Aufenthaltsort der Geiseln zu erfahren, oder sich an der Geräuschkulisse einer rätselhaften Kassettenaufnahme orientieren? Den Schützenpanzer sprengen, entführen oder ihm in einem Jeep davonfahren? "Ground Zeroes" ist eine Spielwiese, ein Übungsterrain für "The Phantom Pain", den nächsten größeren Serienteil.
In dieser Hinsicht funktioniert "Ground Zeroes" hervorragend, als eigenständiges Spiel nicht. Für Fans dürfte es sich daher lohnen, auf einen Gebrauchtkauf zu warten. Für alle anderen hat es ein "Eurogamer"-Autor auf den Punkt gebracht : "Es ist die beste, teuerste Demo, die je hergestellt wurde."
"Metal Gear Solid V: Ground Zeroes" von Konami, für Playstation 4 und Xbox One (ca. 30 Euro) sowie Playstation 3 und Xbox 360 (20 Euro als Download, ca. 30 Euro als Datenträger). Keine Jugendfreigabe.