Auf Abwegen: Das Handy-Orchester - DER SPIEGEL
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Auf Abwegen Das Handy-Orchester

Mobiltelefone und speziell das lästige Handygebimmel sind besonders in klassischen Konzertsälen verpönt. In Chicago will jetzt ein Komponist zeigen, dass auch das nervigste Mitbringsel der Handykultur zur Kunst avancieren kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Klingeltöne sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken: Sie sind Statussymbol, Ausdruck der Persönlichkeit oder auch Spielwiese für Hobbykomponisten. Allerdings stößt penetrantes Geklingel und unentwegtes Telefonieren an öffentlichen Plätzen hierzulande in der Regel eher auf Unverständnis oder sogar offene Ablehnung.

Die Vorstellung beispielsweise in die Berliner Philharmonie zu gehen, um sich dort ein Handy-Konzert anzuhören, erscheint vor diesem Hintergrund mehr als absurd. Anders scheint das David Baker , Jazz-Komponist aus den USA, zu sehen.

Klingeltonmusik mit Ampelsteuerung

Der 74-jährige Musiker, derzeit Musikprofessor an der Universität von Indiana und unter anderem durch seine Kooperation mit Quincy Jones bekannt, wird nämlich anlässlich des 20-jährigen Jubiläums eines renommierten Chicagoer Orchesters  seine "Sinfonietta" zur Uraufführung bringen, ein sogenanntes "Concertino for cell phones and orchestra".

Das Konzert, gleichzeitig Eröffnungskonzert der Jubiläums-Veranstaltung, soll 15 Minuten dauern. Während dieser Zeit soll das Publikum mittels roter und grüner Lichtsignale im Konzertsaal dazu animiert werden, seine Handys an bestimmten Passagen des Werkes zum Einsatz zu bringen. "Der Kontrast zwischen Chaos und Struktur im inkonstanten orchestralen Schema zeigen, wie Mobiltelefone gleichzeitig Chaos und Ordnung in unserer Gesellschaft produzieren", erklärte Baker der Nachrichtenagentur Reuters seine Intention.

Musikalischer Spiegel der mobilen Gesellschaft

Die Idee zu diesem Konzert stammt vom Musikdirektor und Begründer des Orchesters, Paul Freeman, der unlängst am Prager Flughafen die Geräuschkulisse aus Gesprächen und Handy-Tönen plötzlich als Musik wahrnahm und seitdem darüber nachdenkt, wie man dieses Erlebnis reproduzieren kann.

Als weltweit erstes Handy-Konzert gilt unterdessen die "Dialtone Symphony"  des renommierten New Yorker Medien- und Kommunikationskünstlers Golan Levin, die er bereits 2001 in Linz unter Beteiligung von 200 Besuchertelefonen produzierte und aufführte. Bleibt den Veranstaltern in Chicago zu wünschen, dass ihr Publikum im kommenden Monat ebenso Handy-affin ist - denn ohne dessen Beteiligung wäre das Konzert eingestandener Maßen schrecklich langweilig und unspektakulär.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler