Digital-Burka: Bluetooth-Ich lüftet den Schleier - DER SPIEGEL
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Digital-Burka Bluetooth-Ich lüftet den Schleier

Ein Berliner Künstler will Frauen in strengen islamischen Gesellschaften die Emanzipation via Handy ermöglichen. Sie können ihr virtuelles, möglicherweise Burka-loses Ich per Bluetooth an Mobiltelefone in der näheren Umgebung senden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Dunstkreis der Hightech-Schmiede Massachusetts Institute of Technology (MIT) findet seit drei Jahren eine besondere Modemesse statt: Die "Seamless" (nahtlos) widmet sich "intelligenter" Kleidung. Dabei verschwimmen immer wieder die Grenzen zwischen Konzepten, die tatsächlich für den ganz pragmatischen Alltagseinsatz gedacht und tauglich sind - und Projekten, die eher als künstlerische Statements erscheinen.

Auf der diesjährigen Seamless  machte ein Entwurf des Berliner Gestalters Markus Kison  Furore, dessen " Charming Burka " verschleierten Frauen neue Selbstdarstellungsmöglichkeiten erschließen soll. Kison, der an der Universität der Künste studiert, ergänzt dazu die Ganzkörperverhüllung der Burka durch eine neue "digitale Ebene".

Diese wird durch das Handy der Trägerin erzeugt, sie kann aus Bildern, Text oder Musik bestehen, die via Bluetooth von allen Telefonen in der näheren Umgebung der Burka-Trägerin empfangen werden können.

Digitales Selbstbild

Im Gegensatz zum streng definierten Erscheinungsbild des Vollkörperschleiers könnte die Trägerin der "Charming Burka" selbst bestimmen, wie sie per Bluetooth wahrgenommen werden will. Zur Realisierung seiner Idee greift der angehende Künstler auf eine Technik aus der Werbung zurück. Mit dem "Bluebot" genannten System der Dresdner Marketingfirma Haase & Martin werden beispielsweise Plakatwände elektronisch aufgerüstet, um Werbebotschaften auf Passanten-Handys zu schicken.

Markus Kison hat das Marketing-Tool nun einfach zu einem Selbstdarstellungs-Instrument umfunktioniert, statt der Konsumentenansprache werden Bilder in MySpace-Manier in die nähere Umgebung gefunkt. Die "Charming Burka" soll verschleierten Frauen einen Kommunikationskanal eröffnen, der von islamischen Gesetzen angeblich nicht erfasst wird.

So soll die Konzeptmode muslimischen Frauen bei Bedarf einen westlicheren Lebensstil ermöglichen. Statt gegen strenge Kleidungsvorschriften zu rebellieren, sollen sie sich mittels virtueller Zweitidentität emanzipieren - angesichts der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in manchen Staaten eine vielleicht reichlich naive Idee. Man könnte das Ganze also auch als Statement verstehen, dass das Konzept virtueller Identität sinnfällig auf den Punkt bringt.

Und doch ist der Grundgedanke einer solchen digitalen Aura nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Idee hinter der Bluetooth-Burka ist nämlich nicht neu, sie illustriert vielmehr eine Praxis, die beispielsweise in Saudi-Arabien längst fest etabliert ist: Hier organisieren Jugendliche verbotene Kontakte zum anderen Geschlecht bevorzugt mit dem Handy, Blicke unter den Schleier via Handy-Foto inklusive.

Der unmoralische Technikgebrauch konnte sich sogar gegen den erklärten Willen der saudischen Geistlichkeit behaupten, ein 2002 verhängtes Verbot von Foto-Handys wurde zwei Jahre später wieder aufgehoben, da es einfach nicht beachtet wurde.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler