Gebraucht-Handy Schublade, Schredder oder Afrika
2007 wurden weltweit annähernd 1,2 Milliarden Handys verkauft, alleine Marktführer Nokia hat rund 450 Millionen Geräte ausgeliefert. Rund 60 Prozent dieser neuen Geräte haben Angaben des Marktforschungsunternehmens ABI Research zufolge noch funktionierende Telefone ersetzt. Folgerichtig hat auch das Geschäft mit gebrauchten Geräten und deren Aufarbeitung ordentlich zugelegt. Der Umsatz in diesem Bereich soll letztes Jahr 3,5 Milliarden Dollar betragen haben.
Und der Markt für gebrauchte Handys wird in den nächsten Jahren weiter zulegen. Bis 2012 soll der Umsatz bereits sechs Milliarden Dollar betragen. Aber auch wenn diese Zahlen zunächst imposant klingen, bleiben die Stückzahlen bescheiden - Jedenfalls im Verhältnis zu den rund 700 Millionen funktionsfähigen Geräten, die 2007 durch Neuanschaffungen ersetzt wurden. Letztes Jahr wurden laut ABI Research weniger als 50 Millionen Handys wiederverkauft, erst 2012 soll die 100 Millionen-Marke überschritten werden.
Das schwarze Handy-Loch
In der Recycling-Branche gilt die merkwürdige Lücke in der Handy-Statistik, die einen Großteil der ausgemusterten Telefone verschluckt und damit einer Zweitverwertung entzieht, als vertraute Tatsache. Die Erklärung für das Verschwinden der abgelegten Handys ist denkbar einfach, die meisten landen schlicht in einer Schublade. Dahinter stecken manchmal sentimentale Gründe, aber auch praktische Erwägung, denn das Gebrauchte könnte ja als Ersatz- oder Zweit-Handy noch einmal gute Dienste leisten.
Dass Konsumenten massenhaft gebrauchte Geräte horten, bereitet den Produzenten von Batterien Kopfzerbrechen: Nach der EU-Richtlinie zum Elektroschrott-Recycling müssen sie für bestimmte, sukzessive steigende Recyclingquoten sorgen. Und diese sind natürlich nicht zu erreichen, wenn der E-Schrott in Schubladen wandert, und dort vergessen wird.
Endstation Afrika
Dass so viele funktionsfähige Mobiltelefone in Schubladen verstauben, führt natürlich zu einer drastischen Verknappung des Angebots auf dem Gebrauchtmarkt. Daran hat sich auch durch vermehrte Aufrufe, die Geräte für einen guten Zweck zu spenden, grundsätzlich nichts geändert. Die Nachfrage für die abgelegte Konsumware aus Europa und den USA ist enorm. Vor allem durch die Mobilfunkpraxis in den Entwicklungsländern. Dort werden zwar täglich Millionen neue Nutzer gewonnen, aber fast ausschließlich mit Prepaid-Verträgen ohne subventioniertes Telefon.
Durch die überbordende Nachfrage und das knappe Angebot, wird das Geschäft mit gebrauchten Telefonen ziemlich gewinnträchtig: "Handys, die es bei uns gratis zum Zweijahresvertrag gibt, kosten nach Ablauf dieser Frist in Afrika oft mehr als 200 Dollar," erklärte der US-Händler Seth Heine unlängst der "New York Times". Um den gewinnträchtigen "Rohstoff" aus unseren Schubladen konkurrieren daher zahlreiche gemeinnützige und kommerzielle Firmen, wodurch die Branche recht kleinteilig und unübersichtlich bleibt - Selbst das größte Unternehmen auf dem US-Markt, ReCellular , hat 2007 bescheidene sechs Millionen Geräte verkauft.
ReCellular beliefert nach eigenen Angaben nicht weniger 375 Wiederaufbereitungsbetriebe in 40 Ländern. Denn bevor die Handys auf dem afrikanischen Markt landen, werden sie oft noch repariert und aufpoliert. Dieser Zwischenschritt erfolgt oft in Asien, vor allem in China, während sich die meisten Endabnehmer in Afrika finden.
Trotzdem gilt die Weiternutzung der Telefone auch hierzulande oft als die umweltverträglichste Variante: Die Recycling-Technik wird zwar immer effizienter, aber sie verschlingt nach wie vor viel Energie. Dies ist bei einer weiteren Nutzung in Afrika nicht der Fall, aber damit ist die Geschichte leider noch nicht am Ende. Denn irgendwann gibt das Gerät endgültig den Geist auf, und dann fällt der E-Schrott in einer Gegend mit schlechter Infrastruktur und mangelndem Umweltbewusstsein an.
Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler