Handy-Filme: "Ein schönes Spielzeug" - DER SPIEGEL
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Handy-Filme "Ein schönes Spielzeug"

Fast jedes aktuelle Handy kann Videos aufnehmen. Aber: Was hält ein Profi von den Hosentaschen-Kameras? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Kamerafrau Irma Schreiber, warum es manchmal spannender ist, wenn auf dem Bild nichts zu erkennen ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn der Unterschied zwischen einem Video-Handy und einer Profi-Kamera?

Schreiber: Das Gemeinsame ist: Beide haben vier Ecken und man muss sich bei jeder Aufnahem entscheiden, was im Bild sein soll und was man draußen lässt. Die Unterschiede: Bei einer großen Kamera, ist es so, dass man mehr Details sieht, wenn das Bild später an eine Wand projiziert wird. Beim Handy ist es anders: Je größer das Handy-Bild gezeigt wird, desto abstrakter wird es, bis man irgendwann nichts mehr erkennt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Profi. Nervt es Sie, wenn jedermann anfängt mit seinem Handy zu filmen und eventuell auch aufzunehmen?

Schreiber: Nein. Es können ja auch viele Menschen schreiben und deswegen muss man ja noch lange nicht alles Geschriebene gut finden. Wenn viele Menschen mit Handys Filme machen, finde ich das gut. Es ist ein neues Ausdrucksmittel. Ich beobachte, dass es für Kinder und Jugendliche einfach zum Leben dazu gehört, mit einem Handy Bilder zu machen. Ganz deutlich ist mir das geworden, als ich mit meiner 14-jährigen Nichte in den Zirkus gegangen bin. Da herrschte absolutes Fotografierverbot. Sie aber hat mit großer Selbstverständlichkeit ihr Handy aus der Tasche gezogen und einen Clown aufgenommen. Mich hat sehr beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie das Medium Handy benutzt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann denn ein Handy nicht, was Ihre große Kamera kann?

Schreiber: Ich kann mit meiner Kamera zum Beispiel Zeitrafferaufnahmen machen und an entfernte Motive heran zoomen. Beim Handy muss man statt Zoom die Beine benutzen, also näher herangehen. Das gibt sowieso meist die besseren Bilder - auch mit der großen Kamera. Außerdem kann ich bei Videohandy die Blende nicht regulieren. Bei der professionellen Kamera hingegen kann ich die Blendeneinstellung verändern, um das Bild beispielsweise dunkler zu machen oder die Schärfe verändern. Beim Videohandy geschieht meist alles automatisch.

SPIEGEL ONLINE: Also kann das Handy nicht alles. Würden Sie es es trotzdem als vollwertige Kamera bezeichnen?

Schreiber: Es ist eine vollwertige Kamera, sie kann bestimmte Dinge und manches auch nicht. Sie liegt wie ein kleines Schatzkästchen in der Hand, um die Bilder auch gleich anzugucken. Deshalb hat sie auch eine ganz andere Anmutung beim Betrachten. Ein großer Unterschied ist: Ich kann diese kleine Kamera an Stellen positionieren, wo ich die große nie hinkriegen würde. Natürlich gibt es im professionellen Bereich auch kleine Kameras, manche sogar kleiner als ein Handy. Von daher ist mir das schon vertraut. Ich bin gespannt, was sich die Menschen ausdenken werden, die ihre Filme beim Mobile Film Festival einschicken.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man mit den Beschränkungen der Handy-Kameras umgehen? Was sollte man beim Drehen beachten?

Schreiber: Ich denke, da ist nichts verboten. Man sollte einfach alles ausprobieren: Sich eine Geschichte ausdenken und versuchen, sie in Bilder umzusetzen. Das ein Bild plötzlich undeutlich, unscharf oder dunkel wird, kann ja seinen Reiz haben. Die Aufnahmen kann man ja hinterher wie einen großen Film schneiden. Es gibt etliche Programme, mit denen man sich die Szenen raussuchen kann, die man am spannendsten findet. Bilder sind ja oft aufregender, wenn sie undeutlich sind, etwa weil sie unscharf sind. So wird die Phantasie in Gang gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man die Kamera halten, um verwackelte Bilder zu vermeiden? Sollte dagegen überhaupt etwas tun?

Schreiber: Das ist ein Stilmittel. Und dass, auch mit der großen Kamera, viel gewackelt wird, ist im Moment sehr in Mode. Ich denke, es hängt vom Konzept des Films ab, ob man wackeln will oder nicht. Es gibt auf verschiedenen Handys einen Bildstabilisator. Wer das Gewackel will, muss den eben ausschalten. Soll das Bild aber ganz ruhig stehen, sollte man sich aufstützen oder den Stabilisator einschalten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei der Wahrnehmbarkeit von Schwenks Grenzen?

Schreiber: Wenn ich einen schnellen Schwenk mache und man sieht nicht viel, dann kann das auch Geschwindigkeit ausdrücken. Wenn man die Kamera schnell rumreißt und dann an einer erkennbaren Stelle landet, kann das sehr spannend sein. Das drückt Eile aus, eine Überraschung. Man kann nur Mut machen, alles auszuprobieren und einfach zu spielen. Es ist ein schönes Spielzeug.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass der Handyfilm eine eigene Kunstform wird?

Schreiber: Ich denke, das wird eine eigene Gattung. Wegen der geringen Auflösung kann man seine Filme eben nicht im Kinosaal mit vielen anderen gemeinsam ankucken, sondern man schaut sie sich zu zweit oder zu dritt auf dem Handy an. Oder man verschickt sie. Ich hoffe, dass es zu einer eigenen Ausdrucksform wird.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, dass Handy-Filme auch ins Fernsehen kommen, wenn sich da bei der Qualität etwas tut?

Schreiber: Das kann ich mir schon vorstellen. Ich wünsche mir aber, das sie dann auch klein bleiben, weil ich es als speziellen Reiz ansehe, dass sie nicht viel größer als Briefmarken sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie in der Jury des Mobile Film Festivals mit?

Schreiber: Weil ich das für eine ganz junge Idee mit Zukunft halte, mit einem Handy Filme zu produzieren. Ich bin neugierig auf die Filme, die da kommen, auf das kreative Potential, was da freigesetzt wird.

Das Interview führte Sascha Klettke

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