Handy-Markt Irak Gute Geschäfte im Chaos
Der BBC-Reporter Andrew North berichtete unlängst von einer surrealen Situation, die einen wenig beachteten Aspekt der seit drei Jahren eskalierenden gewaltsamen Konflikte im Irak beleuchtet: North fuhr zusammen mit einer US-Patrouille durch Falluja, als sich seine Kreditkartenfirma auf seinem britischen Handy meldete, um eine Zahlungsanweisung zu bestätigen - Und just in diesem Moment kam die Patrouille unter schweres Feuer.
Ein einwandfrei und flächendeckend funktionierendes Mobilfunknetz ist offensichtlich noch längst kein Indiz für annähernd geordnete und friedliche Zustände, im Irak scheinen Unsicherheit und Gewalt die Entwicklung der Handy-Netze im Endeffekt sogar zu begünstigen: Zwar müssen die drei Anbieter des Landes Unsummen für Sicherheitspersonal und Generatoren ausgeben, andererseits stellen Handys oft die einzige ungefährliche Art und Weise dar, um Kontakte außerhalb des eigenen Viertels aufrecht zu erhalten.
Unzensiertes Medium
Der Mobilfunk ist aber nicht nur ein überlebensnotwendiges Kommunikationsmittel der Zivilbevölkerung, auch die politischen und kämpfenden Parteien des Irak sind für Propaganda und Logistik auf Handys angewiesen. So wurde die Hinrichtung Saddam Husseins mit einem Kamera-Handy gefilmt, und anschließend auch über Mobiltelefone verbreitet, während Klingeltöne häufig die Zugehörigkeit zu ethnischen oder religiösen Gruppen markieren.
Eine staatliche Telefonzensur gibt es im Irak zwar nicht, dafür kann der "falsche Klingelton" an einer Straßensperre tödliche Konsequenzen haben. Zuletzt werden Handys auch direkt für militärische bzw. terroristische Zwecke verwendet, vor allem zur Koordination von Anschlägen, aber auch als Fernzünder für selbstgebaute Sprengsätze, die im GI-Jargon "Improvised Explosive Device" (IED) genannt werden.
Gute Geschäfte
Zusammenfassend sind alle Konfliktparteien auf die Services der Netzbetreiber angewiesen - außer den US-Truppen, die die mobile Infrastruktur aber wiederum als Teil der Wiederaufbauanstrengungen schützen sollen. Ohne diese absurde Interessenskonstellation wäre wohl auch kaum zu erklären, warum das Geschäft seit der Verteilung der Lizenzen im Jahr 2003 unaufhaltsam boomt. Aktuell telefonieren rund 26 Prozent der Iraker mobil, und nachdem sich die Zahl der Kunden 2006 mehr als verdoppelt hat, wird für 2007 eine weitere Steigerung auf 11 Millionen Nutzer oder 40 Prozent aller Einwohner erwartet.
Derzeit teilen sich drei Unternehmen den Markt, wobei Iraqna, eine Tochter des ägyptischen Mobilfunkprimus Orascom Telecom, vor allem die zentrale Region um Bagdad versorgt, während Asiacell im Norden des Landes aktiv ist, der Süden wird schließlich vom Joint-Venture MTC-Vodafone versorgt: Die gemeinsame Firma unter dem Namen Atheer Telecom hat nach eigenen Angaben in den letzten drei Jahren 430 Millionen Dollar investiert, und rechnet auch zukünftig mit einer dynamischen Entwicklung der Geschäfte.
Sascha Koesch/Fee Magdanz/Robert Stadler