Konzepte: Klingeltöne statt Entwicklungshilfe - DER SPIEGEL
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Konzepte Klingeltöne statt Entwicklungshilfe

Klingeltöne haben - zu Recht - einen schlechten Ruf. Jetzt aber machen sich Indianer am Rande des Amazonas-Regenwaldes auf, den Klingelton als selbst initiierte Entwicklungshilfe zu entdecken.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Musikindustrie rollt seit Jahren einen scheinbar endlosen Teppich aus zusammengestutzten Klingeltonvarianten ihrer Hits aus. Ein Milliardengeschäft, dass einem jegliche Idee, ein Klingelton könnte auch noch andere Qualitäten haben, über die letzten Jahre gründlich ausgetrieben hat.

Bei allen skurrilen regionalen Eigenheiten der Klingeltonkultur, erzählen solche Klingeltöne vor allem eine Geschichte der medialen Gleichmacherei - von Skandinavien aus erobern verrückte Frösche heute in Wochen den ganzen Globus, wofür sich andere Regionen dann mit bescheuerten Ratten, tanzenden Nilpferden oder kranken Kakerlaken rächen.

Doch auch ganz andere Dinge sind in einer globalen Welt vernetzter Handys möglich. Die am südlichen Rand des Regenwaldes im Amazonas lebenden Xavante Indianer, deren Lebensraum im allgemeinen von Technologie eher bedroht wird, entdecken den Klingelton als kulturelles Sprachrohr und gleichzeitig als Einnahmequelle.

Ihre Gesänge und Musik für Tänze werden über die großen Handyprovider Brasiliens als Klingeltöne verkauft und haben dem von einer Hilfsgruppe namens "Cidade Movel" erdachten Projekt mittlerweile mehrere Zehntausend Dollar eingespielt, die der Verbesserung der Lebensbedingung und Erhaltung der indianischen Kultur der Xavante zu Gute kommen. Eine gewisse Sehnsucht nach der verlorenen Natürlichkeit scheint den urbanen Brasilianern offensichtlich nicht abzugehen.

In Zeiten, in denen Fairtrade hierzulande sogar die Discounter erobert und Produkte indigener Kulturen in Mode und Lifestyle durchaus einen Status genießen, dürften solche Projekte vorbildlich dokumentieren, dass Technologie und Globalisierung nicht nur schlechte Seiten haben.

In einem Interview mit der Neuseeländischen Webseite "Stuff" erklärt Gilson Schwartz von Cidade Movel das Projekt so: "Wir wollen ein Business Modell für soziale Inhalte in der drahtlosen Telefonindustrie entwickeln". Das dürfte schon im ersten Anlauf gelungen sein - und wird hoffentlich Nachahmer finden.

Und auch die mühsam gesammelten akustischen Dokumente der Ethnologen, die ansonsten in den Instituten der Universitäten ein von der Welt vergessenes Dasein fristen , könnten so - mit nur geringer nachträglicher Bearbeitung - einen neuen Zweck erfüllen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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