Kunst statt Klimawandel Gletscher mit Handy-Nummer
Im Mai führte der Brite Rod Baber vom Gipfel des Mount Everests zwei Handy-Gespräche. Der Bergsteiger stellte damit einen rekordverdächtig sinnlosen Weltrekord auf: Dass es kalt sei auf dem höchsten Gipfel der Welt, dass aber dafür der Ausblick einmalig sei, teilte Baber per Handy mit. Handy-Skeptiker, die die meisten mobilen Anrufe für überflüssig erachten, dürften sich in ihrem Glauben bestätigt fühlen.
Ein angekündigter Anruf aus einer unwirtlichen und kalten Gegend kann aber auch mehr bedeuten, als dass ein wetterfester Handy-Besitzer ins Guinness-Buch der Rekorde will. Die britische Künstlerin Katie Paterson will mit ihrer aktuellen Arbeit Aufmerksamkeit auf einen sterbenden - oder mindestens heftig schrumpfenden - Gletscher lenken. Menschen sollen diesen beachten, indem sie ihn anrufen.
Nur ein Anrufer gleichzeitig
"Vatnajokull (the sound of)" ist die Abschlussarbeit Patersons an der renomierten Slade School of Art in London. Technisch wird Paterson von Virgin Mobile und dem Mikrofon-Hersteller Dolphinear unterstützt.
Ihre Arbeit besteht aus einem Unterwasser-Mikrofon (Hydrofon), das in einer Bucht an der isländischen Küste dümpelt und den Sound des Vatnajökull-Gletschers aufzeichnet. Der kalbt an dieser Bucht, sein Schmelzwasser fließt hier in den Atlantik. Per Kabel ist das Hydrofon mit dem Zelt der Künstlerin verbunden. Im Zelt wird das Gletscher-Signal verstärkt und in ein Mobiltelefon geleitet. Wer die (britische) Handy-Nummer +44 7758 225698 anruft, kann dem Gletscher beim Kalben zuhören.
Mit dem Handy im Zelt
Man könnte nun einwenden, dass ein Handy-Telefonat mit Europas voluminöstem Gletscher ein Super-Statement ist, um ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Aber dieser Einwand scheitert an der Beschaffenheit des Vatnajökull: Unter dem Gletscher liegen zwei aktive Vulkane, die zum aktuellen Schrumpfen maßgeblich beitragen.
Aber Klimawandel ist auch nicht Patersons Motivation. Die Künstlerin hat ihr Faible für Gletscher vielmehr entdeckt, als sie während einer Island-Reise schwer erkrankte. Sie erlitt Fieberschübe, halluzinierte vom Ursprung des Wassers aus den örtlichen Gletschern, das sie literweise zu trinken bekam. Danach verarbeitete sie das Erlebnis zunächst durch eine CD mit Gletscher-Geräuschen. Und dem "Nachfrieren" einiger Gletscher im Miniaturformat.
Derzeit sitzt Paterson in einem Zelt an der Bucht des Vatnajökull und gibt der Presse Interviews. Natürlich per Handy. "Es ist wirklich poetisch", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters, "ein langsamer Eisstrom, der sich auflöst, sehr zurückhaltend, fast unsichtbar. Ständig brechen kleinere Stücke ab, es kracht und knarzt." Gegenüber der Zeitung "The Guardian" wird Paterson noch pathetischer: "Diese Bucht ist ein Gletscher-Friedhof. Es kann einem das Herz brechen, wenn man weiß, dass man etwas Wundervollem beim Sterben zuhört."
Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler