Motorola-Handys Design statt Technik
Es steht nicht sonderlich gut um Motorolas Handy-Sparte. In den vergangenen Jahren musste der Elektronikkonzern mächtig Federn lassen, verlor kräftig Marktanteile: Die Mobilfunk-Modellpalette konnte kaum überzeugen. Im rasant wachsenden Markt für Smartphones kann Motorola wenig konkurrenzfähige Geräte vorweisen. Statt innovative Modelle à la iPhone zu entwickeln, brachte das Unternehmen nur Me-Too-Produkte wie das Windows-Handy Q9 zustande. Nun plant der Konzern sogar, sich selbst zu zerlegen, die strauchelnde Handy-Abteilung selbständig zu machen.
Ausgerechnet jetzt aber bringt Motorola neue Modelle auf den Markt, die durchaus Charme haben. Zwar können es die Neulinge immer noch nicht mit den hippen Smartphones aufnehmen, sind dafür aber stylish, schick, leicht - und werden von den Netzbetreibern zudem zu günstigen Preisen angeboten.
Das knubbelige U9 beispielsweise, ein extrem designorientiertes Lowtech-Modell, ist bei O2 bei Vertragsabschluss zu Preisen von 10 bis 30 Euro zu bekommen. Das an den Megaseller Razr V3 angelehnte Motorazr2 V9 gibt Vodafone gegen Zahlung von 1 bis 80 Euro ab - wenn man parallel dazu einen Vertrag abschließt.
Vor allem aber bedient Motorola mit beiden Modellen einen Markt, den die meisten anderen Hersteller vernachlässigen, den Markt für Klapphandys. Deren größter Vorteil: Um damit telefonieren zu können, klappt man sie einfach auf. Starre Mobiltelefone hingegen erfordern meist die Eingabe einer Tastenkombination, um die sogenannte Tastensperre zu lösen. Vielen Anwendern ist das zu kompliziert.
Aber genügt dieser Designvorteil, um die beiden Motorolas zu Kassenschlagern zu machen? Oder steckt unter der schicken Schale womöglich noch mehr?
Moto U9
Die gelungene Kombination aus abgerundeten Ecken, mattierter Rückseite und geringen Außenmaßen macht das U9 zu einem perfekten Handschmeichler. Zumindest auf die Hände eines durchschnittlich großen Mitteleuropäers ist es perfekt zugeschnitten. Enorm cool ist das hinter Plexiglas verborgene Frontdisplay. Es ist zwar nur mäßig hell und ausgesprochen klein, verschmilzt aber so gelungen mit dem Gehäusedeckel, dass es im Ruhezustand nicht zu erkennen ist
Die Verarbeitungsqualität macht durchweg einen sehr guten, das Gelenk einen sehr robusten Eindruck. Nicht vollkommen überzeugend sind die Musikfunktionen. Ganz offensichtlich zielt Motorola mit dem U9 auf Kunden, die das Handy auch als MP3-Player nutzen wollen. Das gelingt größtenteils auch gut. So gibt es beispielsweise eine mit einem Notensymbol versehene Taste, über die sich die Musikabspielsoftware starten lässt. Die wiederum verfügt über alle üblichen Funktionen, vor allem aber über einen Bass Boost, der den dünnen Klang billiger Kopfhörer etwas aufmotzt. Das tut auch den mitgelieferten Ohrhörern gut, die einen durchaus brauchbaren, aber etwas bassarmen Klang verbreiten.
Hilfestellung für iTunes-Nutzer
Hinzu kommt, dass man das Gerät mit einer microSD-Speicherkarte auf bis zu vier Gigabyte aufrüsten kann. Das reicht je nach Qualität für einige hundert bis tausend Songs. Die wiederum dürfen wahlweise in Microsofts WMA-Format oder als MP3 vorliegen. Wohlwissend, dass es auch andere populäre Musikformate gibt, findet sich im U9-Handbuch allerdings auch eine Anleitung, die erklärt, wie man AAC-Dateien aus Apples iTunes-Software ins Motorola-konforme MP3-Format umwandelt.
Technisch ist Motorola beim U9 freilich einige Kompromisse eingegangen. So beschränken sich Datenübertragungen auf GPRS und EDGE, von UMTS keine Spur. Damit nicht genug ist der innenliegende Hauptbildschirm zwar brillant, aber mit fünf Zentimeter Diagonale ausgesprochen mickrig. Damit beschränkt man sich bei Web-Surftouren automatisch auf das Nötigste, was ja wiederum mit der fehlenden UMTS-Unterstützung harmoniert. Die integrierte Zwei-Megapixel-Digicam ist für Schnappschüsse brauchbar, mehr aber auch nicht.
Wer ist wie schnell im mobilen Netz?
Nach vielen Anschlüssen sucht man beim U9 vergeblich. An der Unterseite befindet sich hinter einer Abdeckung ein USB-Anschluss. Über den wird der Akku geladen, die Verbindung zum PC aufgebaut und hier werden auch die Kopfhörer angestöpselt. Wehe dem, der die mitgelieferten Kabel verliert oder vergisst, denn die Buchse ist als Micro-USB-Anschluss ausgeführt. Dafür ein passendes Kabel zu finden, gestaltet sich nicht immer leicht. Immerhin: Im Paket liegt ein Adapter, über den man Headsets von Drittherstellern mittels gewöhnlicher Klinkenbuchse anstöpseln kann.
Motorazr2 V9
Noch schärfer und noch schneller als seine Vorgänger soll das neue Motorazr2 V9 sein. Ein Anspruch, den es nur zum Teil erfüllen kann. Denn gegenüber seinem Urahn, dem Razr V3, ist es alles andere als scharf. Vielmehr hat es deutlich an Umfang zugenommen, ist an den Ecken sanft abgerundet. Und schwer ist es geworden, hat gegenüber dem V3 um 30 Gramm auf nunmehr 125 Gramm zugelegt. Ein Marketingmanager würde vermutlich sagen, dass es an Wertigkeit gewonnen hat.
Und irgendwie ist das tatsächlich so. Das gesamte Gehäuse ist aus Metall hergestellt. Selbst der Batteriefachdeckel liegt satt und stabil in der Hand, wenn man ihn zum Einsetzen der Sim-Karte entfernt. Das Drehgelenk des Klapphandys ist derart fett dimensioniert, dass es einen fast unkaputtbaren Eindruck macht. Darauf ankommen lassen sollte man es freilich nicht.
Knallbunt mit HSDPA surfen
Das Versprechen, schneller zu sein, erfüllt das V9 allerdings mit Bravour. Datenverbindungen stellt es nicht nur per UMTS, sondern, wo vorhanden, auch per HSDPA. Damit macht mobiles Surfen so viel Spaß, dass man vorher dringend einen Datentarif zum Handy hinzubuchen sollte - sonst könnte das Telefon schnell teuer werden.
Wer ist wie schnell im mobilen Netz?
Ist man aber bereits an ein Smartphone mit Großbildschirm gewöhnt, dämpft das vergleichsweise kleine Display ein wenig die Freude. Zudem steuert der Browser bevorzugt Mobilseiten an, zeigt also nur einen Ausschnitt des Internets. Notebook-Besitzern dient sich das V9 allerdings per Bluetooth als drahtloses Mobilfunk-Modem an, bringt Laptops auch ohne W-Lan mit annähernd DSL-Geschwindigkeit ins Netz.
Bunte Bonbonfarben
Im Gegensatz zum dezenten Äußeren ist die Benutzeroberfläche sicher nicht jedermanns Geschmack. Knallbunte Icons weisen auf Ladezustand, Netzanbindung, Klingeltonlautstärke und etliches mehr hin. Die Untermenüs sind noch einen Klacks kräftiger eingefärbt und zusätzlich auch noch animiert. Wer sich an solchen Spielereien stört, sollte lieber zu einem Standardmodell von Nokia greifen.
Eine weitere Spielerei und gleichzeitig ein Hingucker ist allerdings das Außendisplay. Es ist zwar nicht berührungsempfindlich, immerhin aber mit drei Sensortasten am unteren Bildrand versehen. Über die kann man beispielsweise den Musikplayer auch im zugeklappten Zustand steuern, Fotos und Filme abrufen. Deren Qualität allerdings ist, so sie mit der eingebauten Zwei-Megapixel-Knipse aufgenommen wurden, eher mittelmäßig. Ein echter Zusatznutzen ist, dass auf dem Außenbildschirm, wie schon beim Razr V3, eine dezente Digitaluhr mitläuft.
Motorola im Aufwind?
Ihre Zielgruppen dürften beide Geräte finden. Das U9 als schmuckes Accessoire für Datenverweigerer, die bestenfalls mal eine SMS versenden, dabei aber gut aussehen wollen. Und das V9 als Highspeed-Mobilsurfstation, die sich leicht bedienen lässt. Den aktuellen Trends laufen die beiden Designstücke allerdings hoffnungslos hinterher. Mit der Integration von HSDPA ist das V9 immerhin von der Netzanbindung auf der Höhe der Zeit. Mit dem Web-Komfort, den Geräte wie das iPhone bieten, kann es freilich nicht mithalten.