Push-Klingeltöne: Bei Anruf Werbung - DER SPIEGEL
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Push-Klingeltöne Bei Anruf Werbung

Bald soll der der Anrufer bestimmen können, wie das Handy des Angerufenen klingelt. Freie Auswahl aus den Charts - gegen Bezahlung. So will sich die Musikindustrie neue Vertriebswege erschließen - und Handys als unfreiwillige Werbeträger zu nutzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit das Geschäft mit klassischen Klingeltönen schwächelt, suchen Mobilfunk- und Musikbranche gleichermaßen nach neuen, zukunftsträchtigen Modellen für den Musikvertrieb via Telefon - Explizit auch jenseits von Handys. Im Idealfall sollte nämlich der mobile Erfolg mit Klingeltönen nicht nur fortgesetzt, sondern auch auf andere Netze ausgeweitet werden.

Bei dieser Suche nach dem neuen Klingelton-Eldorado lagen die Hoffnungen zuletzt vor allem auf "Ringback"-Tönen. Die auch "Freizeichen-Töne" genannten Sounds werden Anrufern vorgespielt, bis das Gespräch angenommen wird. Ringback-Töne sind in den USA und einigen europäischen Ländern wie Spanien recht erfolgreich, aber offensichtlich noch nicht der gesuchte Anschlusserfolg.

Handy-Hijacking

Die Warteschleifenmusik der Ringback-Töne dürfte daher nicht das Ende der Klingelton-Evolution darstellen. Aktuell gelten statt dessen "Push-Ringer", also auf das angerufene Handy vorausgeschickte Klingeltöne, als Zukunftsmodell. Bei denen meldet sich der Anrufer beim Angerufenen mit einem Klingelton seiner Wahl. In den USA bietet beispielsweise die Firma Vringo eine Klingelton-Personalisierung nach diesem Prinzip an. Hier dürfen sogar Filmchen in YouTube-Manier, quasi als multimediale Visitenkarten, einem Anruf vorausgeschickt werden. Die Provider wird's freuen, zahlt doch der Angerufene für jedes übertragene Bit hohe Transfergebühren.

Genauso multimedial, aber besser auf die Bedürfnisse der Musikindustrie ausgerichtet, funktioniert der "Ringjacker"-Service  von Emotive Communications . Dort können die Push-Klingeltöne aus Musik oder einem Musik-Video bestehen, das vom Anrufer ausgewählt wird. Den voreingestellten Klingelton des angerufenen Handys unterdrückt die Software einfach. Für die gebeutelte Musikbranche ist dieser Service aufgrund einer trickreichen Zusatzfunktion besonders interessant: Der per Push-Klingelton Angerufene kann den ihm übermittelten Klingelton bzw. das Klingelvideo nämlich mit einem Tastendruck kaufen. So wird jeder Anruf zur potentiellen Werbung für Musik-Downloads, zielgerichtet und personalisiert - und ganz nebenbei erhöht das Gedudel bekannter Melodien im öffentlichen Raum natürlich deren Bekanntheit in der Bevölkerung.

Ringjacker

Neben dem Musikvertrieb sind die Push-Klingeltöne aber auch deshalb so bemerkenswert, weil sie nachweislich nicht nur Handy- sondern auch VoIP-Nutzer ansprechen: Seit Ende letzten Jahres bietet Emotive seinen Push-Ringer-Dienst auch für Skype an. Die entsprechende "Ringjacker-"Software wurde bereits von 800.000 Usern heruntergeladen.

Dieser netzübergreifende Erfolg hat sich für Emotive jetzt ausgezahlt. Bertelsmann Digital Media Investments und die Warner Music Group haben gerade gemeinsam mit der D. E. Shaw Group 7,7 Millionen Dollar in das Unternehmen investiert.

Umso so viel Geld auf herkömmlichen Weg einzunehmen, hätte Emotive eine Menge Klingeltöne verkaufen müssen.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler