Télécoms Sans Frontières: Der Samariter-Mobilfunk - DER SPIEGEL
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Télécoms Sans Frontières Der Samariter-Mobilfunk

Nach Naturkatastrophen und in Kriegsgebiete liefern internationale Hilfsorganisationen nicht nur Lebensmittel und medizinische Versorgung. Télécoms Sans Frontières installiert mobile Kommunikationsinfrastrukturen, um die Hilfe zu koordinieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die internationale Hilfsmaschinerie, die nach Naturkatastrophen oder dem Ausbruch bewaffneter Konflikte anläuft, wird gemeinhin mit Lebensmittellieferung und medizinischer Versorgung assoziiert. Aber bevor Decken und Vitaminpillen verteilt, und Verletzte versorgt werden können, muss die Hilfe zunächst koordiniert werden. Jedenfalls sind nur mit einem Mindestmaß an Abstimmung halbwegs effiziente Hilfsmaßnahmen denkbar. Da aber in Katastrophengebieten in der Regel auch die Kommunikationsinfrastruktur nicht mehr funktioniert, müssen möglichst schnell Alternativen geschaffen werden.

Europäische Forscher haben dazu vor kurzem eine Funknetz-Lösung vorgestellt, die nur zehn Kilo wiegt und sich im Handgepäck transportieren lässt. Und zu diesem EU-System namens Wisecom  gesellt sich jetzt eine ähnliche Entwicklung der Unicef: Die Uno-Hilfsorganisation hat nach einem Bericht der Mobilfunk-Seite 160 Charachters eine mobile Basisstation vorgestellt, mit der Helfer am Einsatzort Wifi und SMS erhalten. Das Unicef-System fungiert zudem als UKW-Sender, mit der die Bevölkerung informiert werden kann.

Infrastruktur-Catering

Vorreiter der Kommunikationsnothilfe ist aber keine der großen Organisationen unter Obhut der EU oder der Uno, sondern die französische Initiative Télécoms Sans Frontières  (TSF). Die Organisation versorgt nämlich schon seit zehn Jahren Betroffene und Helfer in Katastrophengebieten rund um den Globus mit mobiler Kommunikationsinfrastruktur.

Und anders, als es zu erwarten wäre, wurde TSF nicht von Mobilfunknerds gegründet, sondern vom Betreiber einer französischen Catering-Firma. Die ersten Hilfsaktionen, die Jean-François Cazenave initiierte, waren daher auch Lebensmittellieferungen. Mitte der Neunziger brachte Cazenave Nahrung und andere konventionelle Hilfsgüter zu Kurden in der Türkei und in die Bürgerkriegszonen auf dem Balkan. Dabei erlebte er aber immer wieder, dass die Betroffenen ihm die Telefonnummern von Verwandten und Bekannten mitgaben, mit der Bitte, diese nach seiner Rückkehr anzurufen.

Der gute Telko

Die Idee, statt Lebensmitteln Funknetze in Katastrophengebiete zu liefern, entstand demnach aus der Praxis heraus. Und die ersten Einsätze der 1998 ins Leben gerufenen Télécoms Sans Frontiers bestätigten Cazenave eindrucksvoll in seinem Vorhaben. 1998 bot TSF in einer Schule im albanisch-bosnischen Grenzgebiet bosnischen Flüchtlingen die Möglichkeit, ein Satellitentelefon zu benutzen: "Die nächsten Tage kamen dann Verwandte und Freunde, um die Flüchtlinge abzuholen", erzählte Cazenave jetzt dem "Guardian".

1999 folgte ein TSF-Einsatz in Mazedonien, wo nach Cazenaves Angaben am ersten Tag 400 Menschen den Telefonservice nutzen wollten - zwei Tage später harrten 25.000 Menschen in der Schlange vor der TSF-Station aus. Seitdem hat TSF 70 Einsätze in 50 Ländern durchgeführt, und die Organisation hat neben dem Hauptquartier in Frankreich zwei weitere ständige Niederlassungen in Managua und Bangkok. Von dort brechen die Helfer auf, um in Notfällen innerhalb von 48 Stunden ihre mobile Kommunikationsinfrastrukur an jeden Ort der Welt zu bringen. Zuletzt waren das Georgien und erst vor wenigen Tagen Haiti, wo der Hurrikan "Gustav" die regulären Mobilfunknetze lahmgelegt hatte.

Sascha Koesch / Fee Magdanz / Robert Stadler

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