re:publica: Netzneutralität - DER SPIEGEL
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Netzneutralität auf der re:publica Drosselkom-Diskussion ausgebremst

Kommt das Zwei-Klassen-Internet? Auf der re:publica wollten Hunderte Antworten von der Telekom. Die will künftig Vielnutzern die Flatrate kappen, wenn sie zu viel aus dem Web laden, für ein eigenes Entertainment-Angebot aber eine Ausnahme machen.
Internetkonferenz re:publica: Teilnehmer kritisieren die Telekom
Internetkonferenz re:publica: Teilnehmer kritisieren die Telekom

Internetkonferenz re:publica: Teilnehmer kritisieren die Telekom

Foto: Jörg Carstensen/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Sie sitzen auf dem Boden, stehen in den Gängen: In einem völlig überfüllten Saal drängen sich am Dienstag viele hundert Besucher der Netzkonferenz re:publica. Sie wollen wissen, wie der Telekom-Manager Jan Krancke die Pläne seines Unternehmens verteidigt, den Kunden künftig nach der Übertragung einer bestimmten Datenmenge die Flatrate zu drosseln. Gedrosselt wird zunächst aber die Diskussion.

Als die Runde geplant wurde, auf der außerdem ein Wirtschaftslobbyist, ein Rechtsexperte und eine Vertreterin der Bundesnetzagentur sitzen, gab es den Begriff Drosselkom noch nicht. Deswegen soll es erst 40 Minuten Nachhilfe in Sachen Internettechnik geben. Nur eine Viertelstunde soll es zum Schluss um das Thema gehen, das derzeit die Netzgemeinde in Aufruhr versetzt.

Die Besucher lassen es stumm über sich ergehen. Ein leises Buh gibt es, als Telekom-Manager Krancke vorgestellt wird, das war es auch schon. Die Runde spricht über Content Delivery Networks. Mit Hilfe solcher Dienstleister können große Mengen Daten schnell zu den Nutzern übertragen werden, die Datenanbieter legen ihre Kabel möglichst dicht zu den Rechenzentren der Provider. Die ersten Zuschauer verlassen gelangweilt den Saal.

Überholspur gegen Aufpreis

Dann erklärt Krancke, dass die Telekom mit ihrem Entertain-Angebot nicht nur Internetverbindungen, sondern auch Inhalte anbietet. Genau daran entzündet sich die Kritik: Das eigene Angebot, Fernsehen und Apps, schickt die Telekom ungebremst durch die Leitungen. Managed Services, nennt die Telekom diese Vorfahrtsspur. Anbieter datenintensiver Online-Angebote sollen sich künftig einen Platz auf dieser Spur bei der Telekom erkaufen können. Wer das nicht tut, muss damit rechnen, dass Telekom-Kunden seine Dienste nach einer etwaigen Drosselung nicht mehr nutzen können.

Aus dem Publikum wird Cara Schwarz-Schilling von der Bundesnetzagentur gefragt, ob eine Trennung von Inhalte- und Verbindungsanbieter angesichts solcher Pläne nicht sinnvoll sei. Schwarz-Schilling warnt, dass der Ausbau der Netze dann auf der Strecke bleiben könnte - das Zwei-Klassen-Internet, so umstritten es auf der Netzkonferenz auch ist, kann kommen.

Die Datendrosselung, die ab 2016 greifen soll, bezeichnet Krancke als "eine Frage der Gerechtigkeit". Er könne die Aufregung verstehen, aber 97 Prozent der elf Millionen Telekom-Nutzer würden gar nicht so viele Daten verbrauchen. Wer doch mehr Volumen brauche, könne ja zusätzliche Übertragungsvolumen hinzubuchen. Künftig soll transparent gemacht werden, wie viel Datenvolumen die Nutzer verbrauchen.

Klicken ohne Drosselangst

"Die Telekom steht für ein offenes, freies Internet", sagt Krancke mehrfach. Das re:publica-Publikum, darunter mutmaßlich einige der angesprochenen Vielnutzer, starrt stumm auf das Podium, einige schütteln ungläubig den Kopf. Verbraucherschützer haben bereits eine Klage angekündigt, der Wirtschaftsminister hat sich eingeschaltet, die Bundesnetzagentur will die Pläne prüfen, seit Tagen wird das Unternehmen als Drosselkom verspottet.

Klaus Landefeld vom Wirtschaftsverband Eco warnt vor einer Rückkehr in die Internetfrühzeit, in der nach Datenvolumen abgerechnet wurde: "Ich weiß einfach nicht, wie viele Mega- oder Gigabyte sich hinter einem Link verbergen", sagt er. Die Informationsgesellschaft würde ausgebremst von der Sorge, zu viele Daten zu verbrauchen. Klicken ohne Drosselangst: Das gibt großen Applaus.