Schockanrufe: So funktioniert die Rentner-Abzocke am Telefon - DER SPIEGEL
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Senioren sind meist Opfer der Betrüger

Senioren sind meist Opfer der Betrüger

Collage: Lea Rossa / DER SPIEGEL; Westend61, MarioGuti / Getty Images; Karl-Josef Hildenbrand / dpa / picture alliance

Massenhafter Betrug Das System der Schockanrufe

Durch perfide Tricks haben Betrüger Tausende um ihr Erspartes gebracht. In Düsseldorf wurden nun drei Handlanger zu langen Freiheitsstrafen verurteilt. Was ihnen zum Verhängnis wurde und warum ihre Masche immer noch gefährlich ist.

Im Saal E.116 im Landgericht Düsseldorf herrscht an diesem Dienstag im März eine lockere Atmosphäre. Auf den Plätzen der Angeklagten sitzen die drei jungen Männer Ahmad A., 22, Mohamed F., 24, und Jendrick B., 21. Obwohl sie bereits seit Monaten in Untersuchungshaft sitzen, wirken sie entspannt, schauen ab und an in den Zuschauerraum, wo sich überwiegend etwa Gleichaltrige aus ihrem Freundeskreis versammelt haben.

Die Vorwürfe gegen die drei wiegen schwer: Betrug, räuberischen Diebstahl, schweren Bandendiebstahl und Körperverletzung wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor. Die Angeklagten, die allesamt die deutsche Staatsbürgerschaft haben, sollen im Auftrag einer aus der Türkei operierenden Bande in mindestens neun Fällen Senioren im Alter von 72 bis 91 Jahren ausgenommen haben.

Innerhalb von vier Monaten sollen sie weit mehr als eine halbe Million Euro in Bargeld, Schmuck und Goldmünzen erbeutet und an eine kriminelle Bande in der Türkei geschickt haben. Der Schaden könnte allerdings noch größer sein, weil viele Opfer sich in solchen Fällen aus Scham nicht bei der Polizei melden.

In ihren Aussagen stellen die Angeklagten ihre Tatbeteiligung als gering dar. Sie hätten etwa keinerlei Kontrolle darüber gehabt, wen sie bestählen, berichteten sie.

Das Landgericht verurteilte die beiden Haupttäter Ahmad A. und Mohamed F. dennoch Ende Mai zu Freiheitsstrafen von fünf Jahren und vier Monaten sowie fünf Jahren und zwei Monaten. Jendrick B., der bei einigen Taten als Fahrer fungiert haben soll, kam mit einer Bewährungsstrafe nach Jugendstrafrecht davon.


Akzentfreies Deutsch, geschickte Manipulation

Die Masche, mit der sie ihre Opfer betrogen haben sollen, wird »Schockanruf« genannt. Oft verlieren einzelne Opfer fünfstellige Beträge, manchmal auch Schmuck oder Geld im Wert von mehr als 100.000 Euro. Bei einer Auswertung von etwa 1000 ähnlich gelagerten Fällen seit Anfang 2024 kamen Experten des LKA Baden-Württemberg auf einen durchschnittlichen Schaden von 44.000 Euro, die Dunkelziffer ist aber hoch. Wie viele Opfer es gibt und wie viel Geld sie insgesamt verloren haben, ist unklar, weil viele Opfer aus Scham keine Anzeige erstatten. Zählt man andere Betrugsmaschen wie Lovescammer hinzu, zeigt sich das ganze Ausmaß der Betrugsindustrie: Die Polizei erfasste für das Jahr 2024 insgesamt mehr als 500.000 Betrugsfälle , bei denen die Täter mutmaßlich aus dem Ausland operierten, der erfasste Schaden liegt bei 1,3 Milliarden Euro, die in diesen Betrugsstrukturen landen. Auch hier gibt es eine hohe Dunkelziffer.

Die jungen Männer wirkten im Prozess sichtlich eingeschüchtert, wenn sie vom Umgang mit den Kriminellen berichteten, die in der Rangordnung über ihnen standen. Einer ihrer Kontaktleute sei etwa regelmäßig von einem Mitglied der Hells Angels begleitet worden, sagten sie gegenüber der Polizei aus. Auch hätten sie an den Treffpunkten regelmäßig Schlägertypen gesehen. »Da waren stramme Ochsen«, erzählt Jendrick B. Ihre Kontaktperson in der Türkei wiederum, die die Angeklagten nur »Ammo« nennen, soll früher einmal mit dem berüchtigten Betrüger »Papa Kralle« zusammengearbeitet haben. So sei es ihnen zumindest erzählt worden.

Wie weit unten die Männer in der kriminellen Hackordnung standen, zeigt eine Anekdote, die Ahmad A. schildert. Als die Bande damit gescheitert war, wertvollen Schmuck noch am selben Tag gegen Bargeld einzutauschen, wurde der Düsseldorfer angewiesen, die Beute zu Hause zwischenzulagern. Doch offenbar vertrauten die Drahtzieher ihrem Handlanger nicht und griffen auf das gleiche Rezept zurück wie bei den Opfern, die oft über Stunden im Gespräch gehalten wurden: Er wurde beschäftigt. Er sei angewiesen worden, das Gold zu wiegen, sagt der junge Mann aus. Da er jedoch keine Waage in seiner Wohnung gehabt habe, habe er sich von der Mutter einer Freundin eine Küchenwaage ausleihen und anschließend Bericht erstatten müssen, bevor er sich habe schlafen legen können.


Verschlüsselte Chats ohne Effekt

Nachdem dies einige Monate so gelaufen war, hatte die Polizei die Spur aufgenommen, neben der nordrhein-westfälischen Abholerzelle wurden auch Verdächtige in Bayern überwacht, Gespräche abgehört. Das ist mittlerweile eine übliche Ermittlungsmaßnahme: Indem die Kommunikation der kriminellen Callcenter mitgehört wird, können echte Polizisten bei den Opfern sein, bevor die Abholer auftauchen. Laut LKA Baden-Württemberg konnten so bereits Tausende Betrugsfälle verhindert werden. Auch die nordrhein-westfälische Abholerzelle war so ins Visier geraten.

Die Gefahr, abgehört zu werden, war den kriminellen Hintermännern durchaus bewusst. Sie hatten deshalb technische Vorkehrungen getroffen, um eine Identifizierung der Handlanger und ihrer Kontaktleute zu verhindern. So hatten sie den Angeklagten eine Art Diensthandy gegeben, etwas in die Jahre gekommene Mobiltelefone, wie etwa ein iPhone 8. Aus Angst vor Funkzellenabfragen der Polizei, bei denen festgestellt wird, welche Mobiltelefone sich im Bereich eines Tatorts befanden, sollten die Männer während der Beutezüge ihre Privathandys zu Hause lassen. Organisiert wurden die Aktionen über verschlüsselte WhatsApp-Chats, bei denen sich niemand mit vollem Namen meldete.

Als die Polizei die Handys sicherstellte, fand sie allerdings schnell heraus, dass die Männer sich nicht gut abgesichert hatten. Sie verwendeten in WhatsApp Profilbilder von sich selbst, was die Identifizierung sehr erleichterte. Außerdem nutzte einer der Angeklagten sein Privathandy als mobilen Hotspot, was im Speicher des iPhones einfach auszulesen war. Auch private Instagram-Accounts fanden sich auf den Geräten, obwohl die eigentlich nur für die Abwicklung der kriminellen Geschäfte gedacht waren. Neben den WhatsApp-Textnachrichten fanden IT-Ermittler aus Neuss auch Fotos von Tatorten, erbeuteten Goldmünzen und Juweliergeschäften.


Opfer fühlen sich selbst schuldig

Angelika Treibel leitete fünf Jahre lang in Heidelberg eine Beratungsstelle für Opfer von hoch belastenden Ereignissen wie Überfällen und bekam dort Kontakt mit zahlreichen Opfern von Schockanrufen. »Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, ist sehr hoch.«

Die Opfer fühlten sich selbst schuldig, da sie eine aktive Rolle beim Betrug gespielt hätten und sich im Nachhinein nicht erklären könnten, wie sie auf die Behauptungen der Betrüger hätten hereinfallen können. Doch mit ihrer perfiden Vorgehensweise erzeugten die Täter einen psychischen Druck, dem sich niemand hundertprozentig entziehen könne. Neben dem hohen finanziellen Schaden müssten die Opfer mit dem Vertrauensverlust kämpfen, ihr soziales Umfeld reagiere oft mit Unverständnis. »Soziale Isolation ist oft die Folge, bis zu Gedanken an Suizid«, sagt Treibel.

Kriminaldirektor Markus Kubo ermittelt beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg gegen die Schockanruferbanden. Er kennt die Maschen der Kriminellen und berichtet, dass sie in Telefonbüchern gezielt nach Einträgen mit Vornamen suchen, die auf ein hohes Alter schließen lassen.

Trotz einzelner Erfolge wie in dem Düsseldorfer Verfahren stehen die Ermittler vor einem grundsätzlichen Problem. »Allein durch die Festnahme der Abholer lassen sich in der Regel nicht die eigentlichen Haupttäter ermitteln«, sagt Kubo. Die austauschbaren Handlanger hätten meist wenig Kenntnisse über die Hintermänner, die sich ohnehin im Ausland befänden.


Internationale Zusammenarbeit gegen Callcenter-Banden

Die Polizei will nun mit dem EU-geförderten Projekt Callcenterbetrug Enkeltrick/Schockanruf (kurz: Cesa) verstärkt gegen die Strukturen der Schockanrufer vorgehen. In dem von Kubo geleiteten Projekt wird die Arbeit von mehr als 20 deutschen Polizeibehörden gebündelt und die Zusammenarbeit unter anderem mit Ermittlern in Osteuropa koordiniert, wo sich die Callcenter der Betrugsbanden oft befinden.

Cesa baut momentan eine Stimmdatenbank auf, damit die einzelnen Schockanrufe und Betrugsfälle individuellen Keilern und damit bestimmten Banden zugeordnet werden können. Mit den Daten wollen Kubo und seine Leute die Hinterleute für möglichst viele ihrer Taten vor Gericht bringen. Denn da die Banden oft die Telefonnummern wechseln, fällt der Nachweis mitunter schwer, welche Taten zusammengehören.

Landgericht Düsseldorf: Freiheitsstrafen für Handlanger

Landgericht Düsseldorf: Freiheitsstrafen für Handlanger

[M] Olaf Döring / imageBROKER / picture alliance

Heute nutzen die Täter, mit denen die Cesa-Ermittler zu tun haben, oft Wegwerf-SIM-Karten, die ihnen nicht zugeordnet werden können. Hier wünscht sich Kubo eine international einheitliche Registrierungspflicht, die es erleichtern würde, die Anrufer zurückzuverfolgen. Zwar haben bereits einige Länder entsprechende Vorschriften umgesetzt, aber es gibt für Kriminelle noch viele Ausweichmöglichkeiten.

Daneben erhofft er sich mehr Unterstützung durch die Telekommunikationsindustrie. Ein Ansatz ist es, die Opfer direkt zu warnen, bevor es zu einem Betrug kommen kann. Eine Maßnahme hat beispielsweise Vodafone bereits umgesetzt. Wenn etwa ein Anruf von einer Nummer kommt, die mehrfach als betrügerisch gemeldet wurde, erscheint auf dem Telefondisplay automatisch eine Warnung »Vorsicht: Betrug möglich!« Allerdings hat die Technik einen Haken: Die Warnungen erscheinen nur auf Mobiltelefonen, nicht im Festnetz. Viele aus der besonders betroffenen Zielgruppe der Senioren werden deshalb vorerst nicht von der Initiative profitieren.

Immer wieder erreichen uns Meldungen über Schockanrufe. Der SPIEGEL hat daher Tipps zum Schutz vor der Betrugsmasche aufbereitet, inklusive eines PDFs zum Ausdrucken. Den Artikel finden Sie hier.