Kinder-Software: Perlen im Misthaufen - DER SPIEGEL
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Kinder-Software Perlen im Misthaufen

Jedes Jahr erscheinen Hunderte von neuen Software-Titeln für Kinder, die dafür sorgen, dass weihnachtliche Wunschlisten weit kryptischer ausfallen als früher. Entscheidungshilfen, um Spreu und Weizen zu trennen, gibt es im Web und am Kiosk.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das waren noch Zeiten, als auf den Wunschzetteln der Kinder Dinge wie Märklin-Eisenbahnen, Lego-Sets und Carrerabahnen standen. Seit dort aber Transformer mit Bionicles, die Legend of Zelda mit Crazy Machines und beide mit WOW - The Burning Crusade konkurrieren, verstehen viele Eltern nur noch Bahnhof.

Das gilt ganz besonders in Bezug auf Software-Produkte für Kinder und Jugendliche. Was passt wirklich zu meinem Kind, was ist altersgerecht, was ist intelligent und was einfach nur dämlich, was ist gut umgesetzt und was nur eilig zusammengeschustert - das alles sind Fragen, auf die man nur mühsam eine Antwort findet. Denn anders als Games für Erwachsene werden Kinder- und Jugendprodukte nur selten besprochen. Doch es gibt Angebote, die Abhilfe schaffen.

Ganz bequem: Der Software-Ratgeber von der IT-Bibel

"c't" gilt als Deutschlands seriöseste, schwerste und trockenste Computerzeitschrift: Das Blatt, von seinen Fans wegen seines Stils wie Umfangs als "Telefonbuch" geneckt, hat sich nie auf den weit verbreiteten "Das sind die coolsten Gadgets"-Trend eingelassen. "c't"-Tests und -Geschichten sind Fachberichte, die oft auf Laboruntersuchungen beruhen. Am Ende muss sich der Leser sein Urteil dann noch selbst bilden, denn ein pauschales Urteil will "c't" grundsätzlich nie liefern - das, glaubt man in Hannover, sei unseriös und habe mehr mit Entertainment als mit Kompetenz zu tun.

Nur im hinteren Drittel einer jeden "c't" macht die Redaktion eine Ausnahme. Dort finden sich einige wenige Rezensionen aktueller Spiele für Kinder - und die haben fast grundsätzlich Tipp-Charakter. Während die IT-Redakteure ihren Lesern jede Kompetenz zur Beurteilung von Benchmarks und Motherboard-Chipsatz-Konfigurationen zutrauen, nehmen sie sie in Bezug auf Kinder-Software führend an die Hand. Gut so.

Denn den Überblick über den Wust an Veröffentlichungen in diesem Marktsegement hat kaum jemand. Die Perlen im Misthaufen zu finden, ist eine Kunst. Denn gerade auf dem Markt für Kinder-Software landet haufenweise Müll, der aber mitunter trotzdem mit bekannten Markennamen verbunden sein kann.

Denn zu den Topsellern gehören natürlich zahlreiche Merchandizing-Produkte. Allein: Nicht alles, was den Namen einer berühmten Kinderfigur im Namen führt, muss gut sein - und hinter so manchem altbacken wirkenden Spielchen mit Mikro-Auflage verbirgt sich ein echtes Kleinod.

Einmal im Jahr leistet sich die "c't"-Redaktion dann die totale Service-Orientierung und veröffentlicht den Ratgeber "Software für Kinder" (am Kiosk, 8,50 Euro). Über die 52 Rezensionen des zurückliegenden Jahres aus dem "c't"-Heft hinaus trägt ein Team aus Redakteuren, Autoren und Pädagogen zusammen, was der Markt an aktuellen Perlen hergibt. Das Ganze hat fast Katalog-Charakter: Aufgeschlüsselt nach Genres von "Spielgeschichten" über "Denksport, Geschicklichkeit" bis zu "Sprachen lernen" oder "Lexika, Lernhilfen" bietet die Ausgabe 2007 satte 129 Rezensionen. Erfasst werden Produkte für PC, Mac, Playstation, Xbox 360, Nintendo DS und Wii.

Hilfe im Netz - Aktuelle Datenbanken und Ratgeber

Hilfe im Netz: Aktuelle Datenbanken und Ratgeber

Orientierungshilfen für Eltern gibt es auch im Internet. Ganz grundsätzliche Regeln für die Auswahl von Kinder-Software hat das "Internet ABC", ein Web-Projekt von 13 Landesmedienanstalten und dem Adolf-Grimme-Institut, in einem Newsletter  zusammen getragen.

Der verweist natürlich auch auf die bereits seit einigen Jahren gepflegte Spieledatenbank  der Internetseite. Ähnlich wie das "c't"-Heft erschließt sie die Spielewelten nach Genres. Das ist online allerdings weniger bequem als im gedruckten Heft: Blätternd stöbern ist unaufwendiger, als sich über eine Eingabemaske mit viel Hin und Her durch ein Angebot zu klicken. Eine Chance, den Wunschzettel des lieben Nachwuchses gezielt in allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen, bietet die Suchmaske leider nicht direkt.

Dafür erleichtert sie den umgekehrten Weg, die Suche nach einem passenden Überraschungsgeschenk - und hier ist das Web dem Heft in Sachen Bequemlichkeit überlegen. So kommt man durch Vorgaben wie "ab 6 Jahre", "PC" und beispielsweise "Rollenspiel" zu einer Auswahl. Zu versteckt am linken Seitenrand findet sich darüber hinaus dann auch noch eine freie Suchmöglichkeit, mit der man auch bestimmte Titel finden kann, wenn auch auf kleinen Umwegen. Trotzdem: Das Internet-ABC ist derzeit wohl das beste Angebot seiner Art im deutschsprachigen Web. Hinter dem Angebot steht ein Team aus Journalisten und Pädagogen, darunter so bekannte IT- und Spielexperten wie Jörg Schieb oder Thomas Feibel.

Dagegen fällt die "spielbar"  der Bundeszentrale für Politische Bildung klar ab. Sie verfügt zwar über die direkte Titel-Suche im Angebot, dieses aber fällt merklich kleiner aus. Letztlich ist die spielbar eine Art Archiv-Schnittstelle zu den gesammelten Texten zum Thema. Interessant ist hier, dass Texte aus verschiedenen Quellen zusammengeführt werden, im günstigsten Fall also unterschiedliche Einschätzungen verglichen werden können.

Notnagel, fit für die Oldie-Recherche

Reichhaltiger ist zwar die sogenannte "Search&Play" -Datenbank, die ebenfalls von der Bundeszentrale verantwortet wird, aber leider hoffnungslos veraltet ist. Im Fundus von 545 Spielerezensionen finden sich immerhin zahlreiche Klassiker. Erschließen kann man die Liste entweder alphabetisch oder per Volltextsuche.

Die fördert dann allerdings stark angestaubte, mitunter laienhafte Texte zu Tage. Stichproben erbrachten falsche oder stark veraltete Preisangaben. Screenshots, die ahnungslosen Eltern einen Einblick oder zumindest Eindruck von den besprochenen Spielen geben könnten, fehlen weitgehend. Immerhin aber ist auch dieses Angebot - wie das Internet-ABC - um Sachlichkeit bemüht: Beide wollen Reiseführer durch eine Entertainment- und Lernwelt für Kinder sein, die als gegeben akzeptiert wird - die Hysterie und Ahnungslosigkeit, die vor allem die politische Debatte prägt, geht diesen Angeboten ab.

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