"Second Life": Virtueller schwarzer Freitag - DER SPIEGEL
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"Second Life" Virtueller schwarzer Freitag

Ein virtueller Banken-Crash, eine gehackte Pixelbörse, ein realer Rechtsstreit um die Darstellung von Cybersex: "Second Life" ist ein Zerrspiegel der internationalen Finanz- und Geschäftswelt. Dabei stehen Hunderttausende echte Dollar auf dem Spiel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Donnerstag fror die Ginko Financial Bank alle Konten ein: Einlagen wurden nicht mehr akzeptiert, Auszahlungen nicht mehr getätigt, die Kontostände der Kunden wurden in handelbare Schuldverschreibungen konvertiert .

Die Ginko-Bank ist die größte virtuelle Bank in der Online-Welt "Second Life" (SL). Ihr - realer - Besitzer ist Andre Sanchez, ein Unternehmer aus São Paolo. Nach Angaben von "Second Life"-Betreiber Linden Labs verwaltet die virtuelle Bank 18.000 Konten, auf diesen lagern insgesamt rund 189 Millionen Linden-Dollar. Bei einem Wechselkurs von 270:1 sind das umgerechnet immerhin 700.000 echte Dollar, also etwas mehr als 534.000 Euro.

Mit anderen Worten: Die virtuelle Bank hat eine nicht unbeträchtliche Summe an realem Geld verbrannt. Auslöser des Crashs sei nicht die derzeitige Finanzkrise Als Erklärung für die eigene Pleite gab die Ginko-Bank in einer Erklärung auf ihrer offiziellen Webseite das Verbot von virtuellen Glücksspiel in "Second Life" an.

141.000 Euro Schulden

Am 26. Juli hatte Linden Labs Glücksspiel in "Second Life" verboten Bereits vor einigen Monaten hatte es in diesem Zusammenhang Medienberichte über angebliche FBI-Untersuchungen in SL gegeben, die jedoch nie bestätigt wurden. Nach dem offiziellen Zock-Verbot - inoffiziell findet man in SL weiterhin 3D-Casinos - lösten zahlreiche Kunden der Ginko-Bank ihre virtuellen Konten auf.

Durch Massenauszahlungen an abtrünnige Kunden trocknete die Bank finanziell aus. Inzwischen sind alle Geldreserven aufgebraucht. Die ungedeckten Schulden der Bank belaufen sich auf geschätzte 50 Millionen Linden-Dollar, etwas mehr als 141.000 Euro. Statt Linden-Dollar auszuzahlen, schreibt die Ginko-Bank nun Schuldscheine - sogenannte "Ginko Perpetual Bonds" .

In der Terminologie der internationalen Finanzmärkte würde man diese wohl als "Junk Bonds" bezeichnen: Zwar können die Kunden nun versuchen, die Schuldscheine an der World Stock Exchange (WSE), einer virtuellen Börse in "Second Life", loszuwerden; sie bekommen dort jedoch nur den Marktwert ihres Schuldscheins ausgezahlt. Und dieser liegt derzeit deutlich unter dem Nominalwert, also dem Geldbetrag, den die Kunden tatsächlich auf dem virtuellen Konto haben.

Im realen Finanzwesen ist diese Maßnahme als "Umschuldung" bekannt. Durch das Ausstellen von Schuldscheinen soll die Bank Zeit gewinnen, ihre Cash-Reserven wieder aufzustocken. Kunden, die es sich leisten können, haben durch diese Maßnahme noch immer die Option, abzuwarten und auf eine Sanierung der Bank zu hoffen, durch die ihre Konten wieder aufgetaut würden.

144 Prozent Rendite versprochen

Doch nicht jeder kann so lange auf sein Geld warten. "Für manche Menschen sind die verspielten virtuellen Summen durchaus ein Verlust, der auch real schmerzt", sagt Robert Bloomfield, Professor für Management und Finanzwesen an der Universität Cornell dem "Sydney Morning Herald".

Ohnehin gilt die Ginko-Bank unter Experten seit langem als unseriös. Ursprünglich hatte Bankchef Sanchez seinen Kunden eine Jahresrendite von 144 Prozent versprochen. LindenLab wird seit langem vorgeworfen, nichts unternommen zu haben, um das Phantasiekonstrukt auf Linie zu bringen.

Der virtuelle Banken-Crash ist bei weitem nicht der einzige Vorfall, bei dem im Virtuellen echtes Geld abhanden kommt. Die Finanzwelt von "Second Life", der so mancher Volkswirtschaftler eine blühende Zukunft prophezeit, steckt nicht nur voller Potentiale, sondern auch voller Risiken. Und offenbar auch voller leichtsinniger Menschen, die sich und ihr Geld diesen Risiken nur allzu bereitwillig aussetzen.

Börse gehackt. Dieb erbeutet 30 Euro.

Erst Ende Juli wurde der World Stock Exchange (WSE), die größte von insgesamt drei virtuellen Börsen in "Second Life", von einem Unbekannten gehackt. Der Finanz-Hacker knackte laut eines Berichts der "Business Week"  einen Börsencomputer, spekulierte mit gefälschten Geldbeträgen und machte sich schließlich mit umgerechnet 10.000 US-Dollar aus dem Staub.

Der WSE-Hack verursachte in der virtuellen Finanzwelt tiefe Verunsicherung. Die WSE machte nach der Attacke für eine Weile dicht - um den Verbrecher aufzuspüren und um die Sicherheitslücke, durch die er geschlüpft war, zu schließen. Inzwischen hat der Börsen-Hack einen Hauptverdächtigen: einen Softwareentwickler, den WSE seinerzeit als Berater eingestellt hatte.

Wie bei der Ginko-Bank ist das Kapital, das an der virtuellen Börse gehandelt wird, etwas mehr als nur Spielgeld: Insgesamt wurden laut "Business Week" an einem einzigen Tag 1,1 Millionen Aktien im Wert von 1,3 Millionen Linden-Dollar im gehandelt. Umgerechnet ist das ein Börsenvolumen von immerhin 3000 Euro.

Insgesamt 65 Unternehmen sind an der WSE dotiert. Seit den Sicherheitsproblemen haben manche davon die virtuelle Börse verlassen. Luke Connell, der Eigentümer der World Stock Exchange, erläuterte der "Business Week", die meisten Unternehmen, die nicht mehr dabei sind, seien von der WSE selbst gesperrt worden, weil sie gegen deren Richtlinien verstoßen hatten.

Nachtrag: Im obigen Abschnitt war zunächst von einer Summe von 10.000 Lindendollar die Rede - es handelte sich aber um US-Dollar. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Realer Rechtsstreit um virtuellen Sex

Mit - ganz realen - legalen Problemen schlägt sich derweil der Unternehmer Kevin Alderman herum. Der 46-Jährige ist Erfinder der sogenannten SexGen-Scrips, eines Programms, das "Second Life"-Avatare in erotischen Etablissements eindeutige Bewegungen vollführen lässt. Der Unternehmer investierte sogar 25.000 Dollar in einen Motion-Capture-Anzug, um realistische Sex-Bewegungen aufzeichnen und in "Second Life" einzuspeisen.

Mit Erfolg: Viele der dort ansässigen Orgienräume betteten Aldermans Skript in ihre Pixelmöbel ein. SexGen wurde so populär, dass der Besitzer eines Avatars namens Volkv Catteneo es Alderman zufolge raubkopierte und illegal weiterverkaufte. Der SexGen-Programmierer beschäftigt nun einen realen Anwalt, Francis Taney Jr., der der Raubkopiererei auf den Grund gehen soll.

Am 3. Juli leitete dieser am Bezirksgericht in Tampa, Florida ein ziviles Gerichtsverfahren gegen Catteneos Besitzer ein. Die Anklage lautet: Verletzung des Kopierschutz- und Markenrechts. "SexGen ist ein Stück Software, das man kopierschutzrechtlich schützen kann", argumentiert Taney gegenüber der AP.

Laut Catherine Smith, der Marketingleiterin von Linden Lab, ist es der erste Rechtsstreit zweier Avatare, der von realen Anwälten ausgefochten wird. Eine außergerichtliche Einigung scheint nicht möglich gewesen zu sein: Alderman sagt, er habe den Avatar Catteneo in "Second Life" mit seinen Taten konfrontiert. Dieser habe ihn ausgelacht und geantwortet: "Und? Was willst du dagegen tun? Mich verklagen?" Genau das habe er dann getan, sagt Aldermann.

Nach Meinung von Catherine Smith statuiert der SexGen-Prozess durchaus ein Exempel. "Viele Menschen denken, sie seien als Avatar unantastbar." Indem Altmann seinen virtuellen Rechtsstreit vor ein echtes Gericht bringt, zeige sich, das dies nicht stimmt. "Man ist in 'Second Life' seht wohl antastbar", sagt Smith, "man kann sogar strafrechtlich verfolgt werden."

ssu

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