Simulationen Herz-Chirurgie mit der Wiimote
Irgendwo in "Second Life" steht ein Schloss wie aus einem keltischen Märchen. Es thront direkt an der Küste, vor seinen Mauern rauscht das Pixelmeer. Im angrenzenden Garten zirpen Zikaden, Schmetterlinge flattern zwischen japanischen Zierkirschenbäumen herum.
Doch das Traumschloss am Pixelstrand hat ein Problem: In seinem Inneren hat sich Ungeziefer eingenistet. Schwarze Käfer flitzen über den Perserteppich, vor dem Gobelin krabbelt eine kniehohe gelbe Kakerlake stereotyp im Kreis herum. Burgherrin Lois, eine hübsche Avatarin mit schwarzen Locken, erträgt das Gekrabbel mit stoischer Gelassenheit.
Sie sagt, das sei schon lästig, so viele Kriechtiere zu beherbergen. Im Moment, allerdings, könne man dagegen nicht viel machen. "Das Kakerlaken-versuchte Artus-Schloss fungiert als Showroom für einen Kunden."
Lois heißt auch im wirklichen Leben Lois. Sie ist die Marketing-Sprecherin der Firma WorldWired, ein Unternehmen, das darauf spezialisiert ist, die menschliche Motorik an die Simulationen von Pixelwelten zu koppeln. Für die Firma ist das ein Geschäft der Zukunft, für die Wissenschaft ein Anstoß, darüber zu spekulieren, ob sich die Interaktion zwischen Nutzer und Interface bald nachhaltig ändern wird.
Kakaerlakenjagd mit der Wiimote
Der Kunde heißt Orkin und ist in den USA ein bekannter Spezialist für Schädlingsbekämpfung. Seit sich einige Orkin-Mitarbeiter bei einem Kammerjäger-Job in Kansas zu tief in den Fußboden einer Methodisten-Kirche vorgebohrt haben, nennen böse Zungen das Unternehmen "The Exterminators from Hell".
Bei WorldWired gaben die "höllischen Kammerjäger" kürzlich ein Simulationsprogramm in Auftrag. Mit diesem sollen Angestellte in "Second Life" trainieren, wie man Chemikalien-Cocktails gegen Ungeziefer zusammenbraut, Häuser auf Feuchtigkeits- und Wärmequellen untersucht und feuchte Kellerlöcher korrekt mit Anti-Kakerlaken-Dampf besprüht.
Bedient wird diese Simulation mit der Wiimote, der bewegungsempfindlichen Fernsteuerung von Nintendos neuster Spielkonsole. Diese lässt sich mit einer Software namens Glovepie per Bluetooth mit dem PC verbinden. Eine von WorldWired entwickelte Software verkoppelt sodann die Wiimote mit der virtuellen Umgebung. In der Orkin-Simulation wird der Controller zur Giftspritze, die Kakerlakenjagd zum Point-and-Click-Adventure. Angehende Kammerjäger sollen in dem Trainingsraum für ihre Abschlussprüfung trainieren.
Spritztour auf der virtuellen Teststrecke
Bereits fertiggestellt ist die das Demonstrationsvideo eines Fahrsimulators. Via Bluetooth-Verbindung hat WorldWired Deep Silvers kostenlosen Furnacer "Trackmania Nations" mit der Wiimote gekoppelt, um zu demonstrieren, wie Autofahrer zukünftig auf den Straßen ihrer Stadt virtuell probefahren können. "Dem Kunden ging es darum, einen günstigen Simulatoren für den Desktop zu entwickeln - mit vielfältigen geozentrierten Anbindungsmöglichkeiten", sagt WorldWired-Chef David E. Stone.
In den USA sterben jedes Jahr 40.000 Menschen in Verkehrsunfällen, die Kosten für Blechschäden belaufen sich auf jährlich rund 77 Milliarden Dollar. "Im Simulator könnten Autofahrer gefährliche Ecken virtuell abfahren - und sich so ein Bild davon machen, wie es an diesen Orten zugeht", meint Stone. Angedacht sei zudem, an besonders gefährlichen Stellen Unfallstatistiken in den Simulator einzubauen.
Mit der Wii-gesteuerten Teststrecke, die inzwischen auch in "Second Life" ausprobiert werden kann, soll es nicht nur möglich sein, den schnellsten Weg zum nächsten Einkaufszentrum zu finden; der Simulator werde auch dazu dienen, Autofahrer über besonders gefährliche Verkehrsknotenpunkte zu informieren.
Chirurgie im virtuellen Krebslabor
Geht es nach Stone, wird man mit Wiimote-gesteuerten Simulationen demnächst noch ganz andere Dinge trainieren können: am offenen Herzen operieren zum Beispiel, Pestizide verrühren oder ein Atomkraftwerk bedienen. "Zum Kundenstamm von WorldWired gehören schon jetzt Hersteller medizinischer Geräte und eine Firma, die Training für Arbeiten in Atomkraftwerken anbietet", sagt Stone. "Und erst kürzlich bekundete ein Konsortium europäischer Universitäten Interesse an einem virtuellen Krebslabor."
Der Firmenchef und Forscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist davon überzeugt, Einsteigern eines beliebigen Fachgebiets mit bewegungssensitiven "Second Life"-Simulationen grundlegende Fertigkeiten vermitteln zu können. Egal ob Klinik, Chemielabor oder Reetdachhaus - alles lasse sich schnell und günstig simulieren. "Die Steuerung der Wiimote ist dem Nutzer von Anfang an vertraut, die Leute wissen sofort, was sie zu tun haben", so Stone. Der motorische Lerneffekt übertrage sich auf die reale Welt. Daraus ergeben sich zahllose neue Möglichkeiten des virtuellen Lernens.
Technisch, so Stone, ließen sich schon heute höchst ausgefeilte Simulationen entwickeln. Für detailreiche Umgebungen könne man auf eine Zoom-Funktion zurückgreifen; Passagen, in denen die "Second Life"-Grafik zu krude ist, könnten in Video-Sequenzen ausgelagert werden. Mittels solcher Kniffe sei es sogar möglich, chirurgische Operation zu simulieren. Die Wiimote wird in diesem Fall zu Skalpell, der Nunchuck, die Controller-Ergänzung für die Führhand, abwechselnd zu Tupfer, Schere, Pinzette.
Für den Patienten seien die virtuellen Trainings-Camps der Zukunft ein entscheidender Vorteil. "Niemand will schließlich bei einem Arzt unters Messer, der seine Eingriffe nicht ausreichend trainiert hat", meint Stone. Durch bewegunssensitive Simulationen könnten angehende Mediziner so gut wie alles trainieren: "Von virtuellen Anatomiekursen bis zur Einbindung von Live-Übertragungen aus dem OP, bei denen die Medizinstudenten jeden vorgeführten Handgriff am virtuellen Objekt imitieren, ist alles möglich."
Dämmerung des Simulationszeitalters
Nach Stones Meinung ist die Koppelung von Wiimote und "Second Life" nur ein erster Gehversuch in eine neue Zeit. "Das Informationszeitalter wird immer mehr auch zum Simulationszeitalter. Nur fehlte diesem bislang die adäquate Fernbedienung."
"Simulationen kranken seit langem an ihrer schlechten Bedienbarkeit", sagt auch Paul Terlemezian, der Präsident der IT-Beratungsfirma iFive Alliances, zum Magazin "Wired". Hauptproblem sei stets, eine Steuerung zu entwickeln, die den Nutzer intuitive motorische Aktivitäten in der virtuellen Welt ausführen lässt.
"Eines ist sicher", meint Stone, "der Erfinder der 'Wiimote Deluxe', jene Fernbedienung, die die Bewegungen des Nutzers allumfassend ins Virtuelle überträgt, muss sich finanziell keine Sorgen machen." Die intuitive Steuerung virtueller Welten werde "unsere Interaktion mit technischen Geräten entscheidend verändern".
Glaubt man dem Professor, sind die höllischen Kammerjäger in Lois' Pixelschloss nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Simulationen einer neuen Zeit. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kammerjäger der Zukunft ihren Job dadurch ein klein wenig besser machen - und in Kirchenböden keine Löcher mehr in die Unterwelt bohren.