Singsang-Software Microsoft entwickelt Popstar-Programm
Regelmäßige DSDS-Gucker wissen es schon lange: Nicht jeder ist zum Popstar geboren. Ist ja in der Regel auch furchtbar anstrengend, berühmt zu werden. Da muss man jahrelang Instrumente lernen, seine Stimme trainieren und womöglich auch noch Musiktheorie büffeln. Aber es geht auch einfacher, ganz ohne Schweiß und Tränen. Man braucht nur die richtige Software - und die wird derzeit in den Labors von Microsoft Research entwickelt .
Die Zielgruppe für das als "MySong" betitelte Programm haben die Entwickler klar umrissen: Leute, die im Auto singen, in der Dusche oder in Karaoke-Bars. Vor allem aber Leute, die es sich ersparen wollen, Zeit in das Erlernen eines Musikinstruments zu investieren. Genau diese Leute sollen, so das Versprechen, per MySong zu passablen Songwritern werden.
Wie die Entwickler sich das vorstellen, zeigt ein Demonstrationsvideo. Darin zu sehen: Junge Leute, die mal mehr, mal weniger erfolgreich versuchen, selbst erdachte Mini-Songs zu singen. Die Software analysiert, was ihr da vorgesetzt wurde und ermittelt rechnerisch die zum Gesang passende Akkordfolge. Als Ergebnis kann man sich seinen eigenen kleinen Song mit Klavierbegleitung vorspielen lassen. Besonders talentiert ist der elektrische Pianist freilich nicht. Spätestens nach dem dritten Hörbeispiel merkt man, dass er stets dasselbe rhythmische Muster abnudelt.
Aus einem Geburtstagssong wird ein Liebesleid-Lied
Hört sich nach einer Spielerei an, ist aber keine, zumindest nicht für die Entwickler. Die mussten sich knietief in mathematische Theorien einarbeiten und mit stochastischen Verfahren wie dem sogenannten Hidden-Markov-Modell beschäftigen, um ihre Software soweit zu bringen, dass sie selbständig aus einer Datenbank die passenden Akkorde zu den geträllerten Tönen errechnen kann. Wie sie das im Einzelnen gemacht haben, beschreiben die Forscher in einer zehnseitigen Abhandlung (PDF) .
Mit den darin beschriebenen Einzelheiten müssen sich angehende Hobby-Komponisten glücklicherweise nicht befassen. Stattdessen zeigt sich die Software bislang ausgesprochen schlicht - und doch wirkungsvoll. Über zwei Schieberegler können Stimmung und Stil des jeweiligen Songs in Maßen variiert werden. So kann man stufenlos zwischen fröhlicher und trauriger Grundstimmung wechseln. Der sogenannte Jazz-Faktor schaltet zwischen eher traditionellen und moderneren Harmonien um.
Wie das in der Praxis aussehen kann, wird plastisch im Beispielvideo gezeigt. Dort singt Proband Conner einen Geburtstagssong für seine Liebste ins Mikrofon. Etwas später jedoch wird der dann deutlich geknickte Conner erneut ins Bild gerückt, muss mitteilen, dass ihn seine Freundin verlassen hat. Aber das ist kein Grund für Traurigkeit, außer im Song. Schließlich muss Conner nur ein wenig am Regler für den Happyness-Faktor drehen, um aus seinem Geburtstagsständchen ein melancholisches Liebesleid-Lied zu machen. Schwupps, fertig ist der nächste Song.
Hilfestellung von der Kapelle im Karton
Zumindest fast fertig. Denn ein wenig Gesang und ein bisschen Klavierbegleitung, das reicht kaum, um an Pop gewöhnte Ohren zufriedenzustellen. Doch auch dafür haben die Forscher eine Lösung gefunden. Die mussten sie freilich nicht selber erfinden, sondern nur ins Regal ihres Softwarehändlers greifen. Dort gibt es die Software Band-In-A-Box , ein Programm, das aus Akkorden komplette Song-Arrangements erzeugt - inklusive Schlagzeug und allem übrigen drum und dran. Also die perfekte Ergänzung zu MySong. Wie das dann klingen kann, lassen die Forscher anhand etlicher Beispiele auf ihrer Webseite hören.
Dort wird allerdings auch klargestellt: MySong wird und soll niemals professionelle Songwriter ersetzen können. Als akustisches Notizbuch für musikalische Ideen hingegen sei das Tool auch für gestandene Musiker absolut tauglich. Die, so Microsoft-Forscher Dan Morris, wünschen sich schon lange eine solche Software. Schließlich, so das Argument, könnten sie das Harmonie-Grundgerüst von MySong verwenden, um die so erstellten Akkordfolgen später professionell weiterzuverarbeiten.
Bisher jedoch gibt es bei Microsoft offenbar keine konkreten Pläne, was aus MySong einmal werden soll. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass der Windows-Konzern eine solche Perle ungenutzt im Schrank verstauben lassen wird. Vielleicht, so lauten Vermutungen, wird die Technologie darin zur Grundlage eines Microsoft-eigenen Kostenlos-Musikprogramms, das eines Tages jeder Windows-Kopie beiliegen könnte.
Mit einer solchen Software hätte die Firma endlich eine angemessene Antwort auf Apples Garageband im Portfolio. Dieses Musikprogramm liegt zwar jedem Mac bei, verlangt seinem Anwender aber zumindest grundlegende musikalische Fähigkeiten ab. Eine Hürde, die mit MySong fallen würde.