Software-Teleskope Sternenforschung mit der Maus
Auf zu den Sternen. Wer wollte nicht schon einmal am dünnen Ende eines jener Riesenteleskope auf dem Gipfel eines fernen Bergs sitzen und in einer klaren Sommernacht das Universum erkunden? Bisher ist so etwas das Privileg der Astronomen. Aber mit der kostenlosen Software Worldwide Telescope (WWT) will Microsoft jetzt jedermann mit dem Rüstzeug ausstatten, das man braucht, um Sterne, Planeten und sogar ganze Galaxien zu erforschen.
Natürlich hat Microsoft dafür weder eine Sternwarte gekauft noch ein eigenes Riesenteleskop gebaut. Stattdessen fügt Microsofts Software in bester Google-Manier Daten diverser Zulieferer zusammen. So findet man im WWT beispielsweise Aufnahmen des Hubble-Teleskops neben Visualisierungen langfristiger Forschungsprojekte, etwa zur Intensität bestimmter Röntgenstrahlen im All. Und natürlich dürfen auch Aufnahmen der Marsoberfläche nicht fehlen.
Insgesamt zwölf Gigabyte Sternendaten haben die Microsoft-Forscher auf diese Weise von ihren Forscherkollegen eingesammelt und in Formate umgewandelt, mit denen ihre Software etwas anfangen kann. Doch das soll nur der Anfang sein. Genau wie das Universum expandiert, soll auch die Datenbasis der Online-Sternwarte kontinuierlich erweitert werden. Mit welchem Tempo das geschehen soll, ist allerdings noch offen.
Dass sich der Software-Konzern dem Thema Astronomie widmet, geht auf den Microsoft-Forscher Jim Gray zurück, der bereits seit etlichen Jahren an den Grundlagen für das Projekt arbeitete. Gray war der Ansicht, dass die enormen Datenmengen, welche die moderne Astronomie anhäuft, dazu führen würden, dass sich die Sternenkunde von einer beobachtenden zu einer Computerwissenschaft wandeln werde. Erleben konnte er die Fertigstellung seines Projekts allerdings nicht mehr. Gray kehrte 2007 von einem Segelausflug nicht mehr zurück.
Schön weich
Die Software-Grundlage bildet Microsofts sogenannte "Visual Experience Engine". Sie ist für sämtliche optischen Gimmicks verantwortlich - und die können sich sehen lassen. Wechselt man von einem Objekt zum nächsten, wird nicht einfach nur umgeschaltet. Stattdessen wird erst einmal aus dem aktuellen Bild heraus gezoomt, das virtuelle Teleskop auf einen anderen Himmelquadrant ausgerichtet und dann auf das neue Objekt eingeschwenkt. Das sieht schick aus, passt zur Teleskop-Metapher und erinnert ganz enorm an Google Earth, dessen Ortswechsel auf ganz ähnliche Weise durchgeführt werden.
Was man dabei zu sehen bekommt, ist fast durchweg ansehnlich - zumindest auf den ersten Blick. Sehr hübsch: Planeten, Monde oder auch gleich das ganze Firmament können mit der Maus angepackt und nach Lust und Laune hin- und her gewirbelt werden, so dass man sich etwa einen Überblick über die gesamte Oberfläche so zerklüfteter Trabanten wie dem Jupitermond Io machen kann.
Pixelwüsten
Nicht ganz so schick sind allerdings einige der Bilder, die einem als Detailaufnahmen vorgeführt werden. Das liegt sicherlich auch in der Natur der Sache. Schließlich fotografieren Teleskope in der Regel nur winzige Ausschnitte des Himmels. Vor dem leicht verwaschenen Hintergrund-Himmel erscheinen viele der Bilder wie aufgeklebt. Über einen digitalen Mischhebel kann man diesen Effekt abmindern, indem man das Mischungsverhältnis zwischen Hintergrund und Detailbild verändert. Allemal lästig ist, dass offenbar stets nur detailarme und niedrig aufgelöste Bildchen angezeigt werden.
Wer mehr sehen will, muss sich detailreichere Versionen der Aufnahmen herunterladen. Dazu muss man nicht viel mehr tun als das gewünschte Objekt mit der Maus auszuwählen und per Rechtsklick die entsprechende Datei anzufordern. Richtig gute Bilder werden allerdings im Fits-Format (Flexible Image Transport System) angeliefert. Das wiederum ist zwar unter Astronomen, nicht aber unter Gelegenheits-Sternenguckern weit verbreitet, wird von kaum einem Bildverarbeitungsprogramm erkannt. Wer die hochaufgelösten Bilder trotzdem anschauen will, findet bei der Nasa passende Anschau- und Konvertierprogramme .
Auch mit dem eigenen Teleskop
Freilich muss man sich nicht mit den vorgefertigten Bildern der Profi-Astronomen begnügen. Wer hat, kann und mag, kann auch sein eigenes Teleskop in die Microsoft-Software einbinden. In Kombination mit entsprechenden digital steuerbaren Geräten, kann man auf diese Weise sein eigenes Fernrohr mit wenigen Mausklicks genau auf jenen Himmelsausschnitt fixieren, den man sich gerade auf dem Bildschirm anschaut.
Lästig sind hin und wieder die Ladezeiten. Manche Objekte, wie etwa eine Detailansicht der Erde, erscheinen selbst bei einer schnellen DSL-Anbindung erst nach vielen Sekunden auf dem Bildschirm. Zoomt man dann näher an das jeweilige Objekt heran, muss man wieder warten, bis die entsprechenden Weltraumbilder nachgeladen worden sind. Aber mit solchen Problemen ist Microsoft nicht allein. Auch Google Earth hatte in der Anfangszeit damit zu kämpfen.
Googles eigenes Himmelstool, Google Sky, hingegen lief von Anfang an rund und bietet, zumindest Amateur-Astronomen ähnlich tiefe Einblicke in den Sternenhimmel. Zudem läuft Google Sky in einem Browserfenster - auch auf moderat ausgestatteten Computern.
Microsofts Worldwide Telescope stellt dagegen recht hohe Anforderungen an die Hardware. Einen Doppelkernprozessor mit zwei Gigahertz sollte man schon haben. Außerdem wird ein Gigabyte Arbeitsspeicher und eine 3D-Grafikkarte mit mindestens 128 MB Speicher benötigt. Es darf aber auch gerne in jeder dieser Kategorien mehr sein. Wichtig ist auf jeden Fall, dass man entweder Windows XP mit Service Pack 2 oder Vista braucht - auch wenn man einen Mac benutzt, für den Microsoft eigene Systemvoraussetzungen definiert hat.
Geführte Wanderungen
Angesichts der höheren Hardware-Anforderungen kann man mit dem WWT freilich auch kreativer umgehen. Anders als Google Sky, das primär als Anguck-Software konzipiert ist, könnte Microsofts Web-Teleskop sich sogar zur Community-Plattform ausweiten. Die notwendigen Funktionen sind bereits vorhanden, müssen nur noch mit Leben gefüllt werden. So kann etwa jedermann eigene geführte Wanderungen über den Nachthimmel erstellen, zum Download anbieten und so zumindest im Web zum Führer durch die Sternenwelt werden.
Fehlt nur noch ein passender Beamer, der die Sternenkarten, ganz wie im Planetarium, auf die Wände des Wohnzimmers zaubert.