Videospiel Microsoft wirft Halo 3 in die Konsolen-Schlacht
Im US-Fernsehen laufen aufwendig produzierte Werbespots, bei Burgerketten und Brauseherstellern gibt es die passenden Themenmenüs oder den trinkbaren "Game-Fuel". In Anzeigen sieht man nur den Satz "Finish the Fight" und muss unweigerlich an den Krieg im Irak denken. Und tatsächlich sieht man die Figur eines Soldaten in olivgrüner Rüstung und der Blick fällt auf dessen verspiegeltes Visier. Seine Kennung lautet Spartan-117, er heißt ganz einfach John, wird von seinen Fans der Master Chief genannt. Er stammt aus einem Krieg, der im Jahr 2552 ausgetragen wird. Und zum Glück ist "Halo 3" nur ein Videospiel.
Doch diese einfache Einordnung wäre allein eine Untertreibung, denn die Halo-Trilogie hat sich seit der Erstveröffentlichung zu einem vielschichtigen Phänomen gewandelt. Für Microsoft wurde das Spiel zur wirtschaftlichen Antriebsfeder ihrer Xbox-Konsole und bereits der erste Teil der Spielserie begeisterte im Jahre 2001 Spielanfänger und Profis mit seinem Rezept aus intensiven Kämpfen unter einem epischen Soundtrack.
Der zweite Teil wurde 2004 veröffentlicht und obwohl das Spiel mit einem enttäuschenden Cliffhanger endete, wurde es wieder zum Millionenerfolg. Fans bauten die Rüstung des Marine-Soldaten in Handarbeit nach, im Internet etablierten sich animierte Halo-Serien wie "Red vs. Blue". Selbst Regisseur Peter Jackson (Der Herr der Ringe) wurde vom Halo-Fieber gepackt und sicherte sich die Filmrechte.
250 Millionen Dollar US-Umsatz erwartet
Andere Videospiele spielen noch nicht einmal ihr Entwicklungsbudget ein, "Halo 3" dürfte dagegen alle bisherigen Rekorde brechen. Allein in den USA liegen 1,5 Millionen Vorbestellungen vor, erwartet werden Verkäufe im Wert von 250 Millionen US-Dollar. Für kein Videospiel zuvor wurden derart viele Allianzen und Produkte geschmiedet.
Welchen Einfluss "Halo 3" in Amerika hat, zeigte vorgestern auch ein ganz anderes Schlachtfeld: Der Aktienkurs von Microsoft stieg in Erwartung der Spielverkäufe am vergangenen Montag um 3,35 Prozent, der größte Tagesgewinn der Aktie an der Nasdaq seit April.
Die Macher: Geschichtenerzähler aus der Industriehalle
Doch was macht das "Halo" zu solch einem Ausnahmespiel, das bisher weltweit 15 Millionen Mal verkauft wurde? Halo schafft den schwierigen Spagat zwischen einem Shooterspiel für Hardcoregamer und einer Abenteuergeschichte von der Rettung der Welt, die selbst Spielanfänger in ihren Bann zog.
Erdacht wurden das ursprünglich als Strategiespiel angelegte Konzept und die Hintergrundgeschichte von der Firma Bungie, die 1991 von Alex Seropian und Jason Jones gegründet wurde. Noch vor dem ersten "Halo" bewies Bungie mit zwei Spielen für Mac-Computer ihre Ausnahmequalitäten: "Myth" setzte bei den Adventurespielen optisch neue Maßstäbe und "Marathon" verlieh den First-Person-Shootern erstmals einen wirkliche Geschichte.
1999 wurde dann "Halo" auf der MacWorld-Messe von Steve Jobs und Jason Jones vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass im Publikum Vertreter von Microsoft gerade den Launchtitel ihrer kommenden Videospielkonsole Xbox gefunden hatten. Nur drei Monate später wurden die Bungie Studios dann für rund 50 Millionen Dollar aufgekauft.
Der Master Chief schweigt und schießt
Das galaktische Schlussgefecht der Spielserie entstand seit 2004 in einem unscheinbaren Industriekomplex im sehr aufgeräumten Vorort Kirkland vor den Toren der Stadt Seattle, wo die Bungie Studios untergebracht sind. Für die Geschichte von "Halo 3" und allen Nebenprodukten wie Romanen oder Comics zeichnet sich bei der Entwicklerfirma der 36-jährige Frank O"Conner verantwortlich.
Und trotz allen Erwartungsdrucks zeigt sich der geborene Schotte drei Monate vor dem Verkaufsstart beim Interview im Hinterhof des Studios sehr entspannt. Fragt man O'Conner nach dem Geheimnis des Erfolges der Trilogie, steht schnell wieder die grüne Hoffnung im Mittelpunkt: Der zentrale Charakter sei definitiv der Master Chief. "Der", so O'Connor, "gibt sich im Spiel absichtlich sehr wortkarg , weil er als Avatar für den Spieler steht." So hat die Identifikation mit der Figur von Anfang an sehr gut funktioniert.
Das Spiel: Perfekte Mechanik, mächtiger Level-Editor
Abseits der markanten Identifikationsfigur liegt die wohl beste Erklärung für den Erfolg der Spielserie vor allem in der Spielmechanik. Diese Struktur belohnt die ständige Variation der eigenen Vorgehenstaktik und den Wechsel der jeweiligen Mittel zum Zweck, seien es Waffen oder Fahrzeuge.
Die intelligenten Gegner ändern dabei fast immer ihr Verhalten und so spielt sich selbst bei mehreren Wiederholungen ein bestimmte Sequenz ganz unterschiedlich. Der Spieler hat die Auswahl zwischen vier Schwierigkeitsstufen, "Heldenhaft" für Spielprofis, für Anfänger ist eher "Normal" geeignet.
Das Spiel selbst besteht aus insgesamt zehn Levels mit jeweils drei bis vier Unterabschnitten und nur die Sektion unter dem Namen "Durchgedreht" dürfte wegen ihrer Unübersichtlichkeit bei Spielern und Kritikern ein paar Schimpfworte provozieren. Gleiches gilt für manch Nahaufnahme der menschlichen Gesichter, bei denen die Haut leider wie ein Gammelfleischdöner aussieht.
Auch Teile der deutschen Synchronisation - inklusive einem fehlbesetzten B-Promi wie dem Pro7-Moderator Elton - stören. Für das wirkliche Ende des Spiels sollte man nicht zu ungeduldig sein - erst nach dem vollständigen Durchlauf des Abspanns erfahren die Spieler, wie es um die Zukunft des Master Chief bestellt ist.
Julia Roberts ballert sich gern durch Halo
Bei "Halo 3" nur die Einzelspielerkampagne zu bewerten, wäre oberflächlich. Weltweit investierten Spieler bisher gut 650 Millionen Onlinestunden in die ersten beiden Halo-Teile und nun wurde der Onlinemodus nochmals um diverse Funktionen und Optionen erweitert. Vor allem die Möglichkeit von persönlichen Mitschnitten ganzer Spielszenen oder die Erstellung individualisierter Spiellevel mittels des Editors "Die Schmiede" dürften gewährleisten, das die Zahl der "Halo-Witwen" enorm ansteigt.
Doch selbst in diesem Punkt kann man noch überrascht werden, denn während Shooter sonst generell bei Frauen kaum beliebt sind, wird Bungies Spiel für diese neue Zielgruppe als besonders Einsteigerfreundlich gepriesen. Und wer hätte gedacht, dass selbst die Schauspielerin Julia Roberts sich in Interviews als begeisterte Halo-Spielerin zu erkennen gibt?