"World Cyber Games" Frauenfrei wie die Papstwahl
Die "World Cyber Games" (WCG), eines der großen E-Sport-Turniere, spielten in diesem Jahr zum ersten Mal ihr deutsches Finale auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) aus. Die Organisation war perfekt, das Konzept wie immer: Aus den besten deutschen Gamern soll die neue Nationalmannschaft fürs Weltfinale in Seattle Anfang Oktober geformt werden - und das Laufpublikum soll PC- und Videospiele endlich auch als Sport sehen. Die Messe soll zusammenbringen, was noch nicht so recht zusammenfindet - die deutschen Fernsehfans, die zur Anbetung neuer Flatscreens herpilgern, und die Hardcore-Zocker mit ihren Daddelboliden.
In Halle 10.1 einem alten Vorkriegsbau surrten die neuesten PCs, davor spielten junge Männer den Krieg der Zukunft, wie beispielsweise bei "Starcraft". Andere spielen die neue Version der Fußball-Simulation "Fifa-Soccer" - insgesamt gab es Matches in acht PC- und zwei Videospielen.
Am Ende des Wochenendes durften 23 der angereisten 200 Gamer ihre Tickets für Seattle und die neuen Nationaltrikots mitnehmen. Die kommen in diesem Jahr erstmals von Adidas. Der Sportartikelhersteller findet: "Der 'Gamer' entspricht schon lange nicht mehr dem Klischee von einst, er ist überdurchschnittlich sportlich und sozial sehr aktiv, stylisch und offen sowie markenaffin", heißt es in einer firmeninternen Studie.
Matches vor leeren Rängen
Was die Studie nicht erklärt, ist der der fehlende Teamgeist. Schon nach den Vorrunden reisen die ersten Ausgeschiedenen ab. Zwar fanden sich immer wieder Zuschauer-Trauben vor den Turnierbereichen, zwei Projektoren warfen die ausgewählte Matches auf eine Bühnenleinwand. Die 260 Stühle davor wurden aber nie voll.
Aus einem Kabuff ertönt Krawall, Jubel, männliche Stimmen brüllen: "Sauber!". Die typischen Zeichen eines "Counter-Strike"-Matches. Dabei trat das Schießspiel aus der Ich-Perspektive in diesem Jahr gar nicht richtig auf der WCG an. Die Organisatoren stellten vorab eine Mannschaft zusammen, nannten sie Team Germany und ließen die Jungs auf der IFA gegen andere deutsche Mannschaften trainieren. Zugang zu dem kleinen Raum erhielt nur, wer älter als 16 Jahre ist. Julia Tiskall und Anja Rösner sind beide 17 und durften in den winzigen, stickigen Raum - und werden spontan zu Aliens. Drinnen sitzen sonst nur junge Männer. Auch in diesem Jahr war das WCG-Finale so frauenfrei wie das Vatikan-Gremium für die Papstwahl.
Julia Tiskall und Anja Rösner glauben "eine Frau kann genauso gut 'Counter-Strike' spielen wie ein Mann." Die beiden Abiturientinnen wollen bald ein eigenes Team gründen - dafür suchten sie Inspiration bei "Tixo." Der heißt eigentlich Manuel Makohl und fliegt im "Counter-Strike"-Team Germany nach Seattle. Seine beiden weiblichen Fans zückten ihr Handy und machten ein Foto von "Tixo". Der lächelt ein wenig müde. Freizeit habe er nur am Wochenende, sagt er, wenn er nicht auf Turniere fährt oder Messen wie die IFA.
"Die Szene ist schnellebig"
Auf die hatte er gar keine Lust: "Das ist meine dritte Messe dieses Jahr, mich interessiert nicht mehr, was da gezeigt wird." Möchte er mal als Profi-Gamer arbeiten? "Ja, aber nur nach meiner Ausbildung und wenn dann für 4000 Euro im Monat." Netto oder brutto? "Netto." Er sagte seinen Fans noch "Tschüss" und dann rauschte er weiter, andere Matches sah er sich auch nicht richtig an.
"Die Szene ist schnelllebig, Leute kommen und gehen", erklärte Niklas Timmermann den fehlenden übergreifenden Zusammenhalt. Der 19-jährige fährt seit vier Jahren zu den WCG, fühlt sich mittlerweile wie ein Oldie, "mit so einem Bart." Die Hand stoppte auf Höhe seines Bauchnabels.
In Berlin gewann er souverän seine "Need for Speed"-Rennen. Geht er eigentlich mit den anderen Spielern mal weg? "Nein, eigentlich nur mit meinen Clanmitgliedern oder den Alten, wie den beiden Schellhasen." Die Zwillinge Daniel und Dennis Schellhase machten wie erwartet das Finale im Fifa-Soccer unter sich aus, Daniel gewann.
"Die zwei sind clever", findet Elfriede Strewe. Die 72-jährige selbst spielt keine Games, aber ihr Enkel David Jaschwili ist ein Fifa-Zocker. Gemeinsam mit seiner Oma verfolgte er das Spiel der Schellhase-Brüder. Sie meinte: "Die Schellhases haben nicht ehrlich gespielt, die wollten sich nicht weh tun." Aber David Jaschwili sagte: "Die wären doch schön blöd, wenn sie jetzt alle Tricks zeigen würden." Die müssten sie sich doch aufheben, für das Finale in Seattle. E-Sport-Profis sind Geheimnisträger.
Nach dem Endspiel der Fifa-Zwillinge folgte eine rasche Trikotübergabe für das Nationalteam, der Moderator forderte immer wieder Beifall für die Spieler in ihren neuen Shirts. Aber die ausgeschiedenen Gamer waren größtenteils abgereist und richtige Fans fanden sich nun wenige. Also tröpfelte der Applaus. Dann holte die frisch gekürte Nationalmannschaft noch schnell die Preise ab, sackte die Trikots ein und verschwand in alle Richtungen, nach Hause, zur Arbeit, zur Uni. Sie gingen nicht einmal gemeinsam einen trinken.
"Das ändert sich, wenn wir beim Finale Seattle sind," hofft Niklas Timmermann, "da halten wir dann zusammen - das war bisher immer so."