25 Jahre PC Geigen und Computer
In greller Föhnsonne sitze ich vor einem Bergbach. Felsabsätze verursachen schäumende Strudel. Ich höre das Rauschen des Baches, das Plätschern der Wasserwirbel, ab und zu einen Vogelschrei.
Mein Kind sitzt mit krummem Rücken im dunklen Zimmer und starrt auf den Bildschirm. Es tippt Wörter in den Terminal die Schnittstelle zwischen Mensch und Computer wie mir erklärt wird. Der Sohn verständigt sich mit dem Computer in Englisch, das er in der Schule noch nicht gelernt hat.
Nicht immer versteht die Maschine die Anweisungen. Das sind Fehler in den Programmen, die zu suchen das Spannende sei. Der Junge versteht nicht, wie ich stundenlang, giftig besonnt, einen Bach anstarren kann, ohne vor Langeweile zu sterben. Ich leide, wenn ich an die Einsamkeit des Sohnes denke. Er sei nicht einsam, hatte er gesagt, sonst würde er aus seinem Zimmer kommen. Das Haus sei ja voll von Brüdern und Freunden.
Ein Enterich schläft im Schilf, den grünen Kopf unter den Flügeln. Leuchtende Sumpfdotterblumen wippen. Schaum in einer Bucht.
In fünf Lektionen täglich lernt mein Kind die Maschinensprache, um schnellere Programme zu bekommen. Für jeden Buchstaben ist eine, meistens zweistellige Zahl im Kopf zu behalten. Das sei höhere Programmierkunst. Das Schillergedicht mit dem Handschuh, das er auswendig lernen müsse, könne er auf diese Weise rascher auswerten. Im Nu sei es ausgedruckt, gespeichert, die syntaktischen Probleme analysiert wie die semantischen. Routinearbeit - man würde frei für Wichtigeres.
Das Auswendiglernen sei eine wichtige Konzentrationsübung - das Schiller-Gedicht in eine numerische Sprache zu übertragen auch. Das Wort "und", das bei Schiller 21 Mal vorkomme, entspreche beispielsweise: 55, 4e, 44.
Der Fünfzehnjährige zeichnet mit in den Terminal getippten Anweisungen direkt auf den Bildschirm: Zeichnungen, die sich bewegen. Das ist mehr als das papierene Kindergekritzel. Mit Dreizehn entwarf der Junge sein erstes Programm. Ich wurde eingeladen, es anzusehen. Ein Männchen, offenbar ein Dirigent, warf ständig die Arme in die Luft, darunter der Satz: "Ich hasse Künstler."
Ein emanzipiertes, ein abgenabeltes Kind hatte ich, das sich von meinem Kulturwahn absetzte. Begeistert erzählte ich davon meinen Künstlerfreunden und verdarb dem Sohn die Freude. Er hatte mit mehr Enttäuschung gerechnet. Der Entschluss, nicht der Eltern ausgetrampelte Pfade zu gehen, sondern neue Wege zu suchen, war kein Gag gewesen.
Ich locke den Sohn in die Natur, er mich vor den Bildschirm
Von der Natur bekommt er Heuschnupfen und auf allen Wegen sieht er überfahrene Frösche. Beim Computerspiel muss ich Frösche über die Autobahn bringen, was schnellste Reaktion verlangt, sonst erscheint ein Totenkopf. Betroffenheit. Bald ist der Totenkopf nur ein Signal für langsame Reaktion. Noch grössere Betroffenheit.
Ich sitze in einer Gartenwirtschaft und esse eine Forelle. Sie liegt auf der Platte mit aufgesperrtem Maul und glasigen Augen. Links und rechts von mir sitzen Katzen, sie bekommen Kopf und Schwanz. Es schmeckt lecker. Der Sohn aber hätte sich bis zum Erbrechen gegraust.
Er sitzt mit einem Freund in der Küche vor der Pizza aus dem Tiefkühler und sagt: "Man kann das ROM in RAM kopieren, dann das ROM mit einem Disassembler auflisten und den Assembler loaden. Dann das ROM im RAM verändern und mit einem Compiler auf ein Eprom brennen."
"Was ist daran schöpferisch?" hatte ich gefragt. "Die 80 Prozent Fehler, die einen zwingen, die falschen Befehle zu finden. Neuland ist das!"
Auch entsteht künstliche Kunst: Ästhetik mal Zufall. Alles Pionierarbeit - die Probleme, das Fehlen von Ersatzteilen und niemand verstünde etwas, am wenigsten die Mütter. Längst hatte ich gelernt, meine Begeisterung nicht zu zeigen, hatte gesagt: "Und ihr bekommt Rückenschmerzen, Augenflimmern und werdet Mühe haben, euch mit anderen zu unterhalten."
Stimmt, sagten sie, bei Gesprächen fielen ihnen oft technische und amerikanische Ausdrücke oder eben Zahlen ein. Rückenschmerzen, klar. Doch mein Fleck am Kinn vom Geigenspielen und die Mückenstiche seien auch nicht schön.
Ich fühle mich zerrissen. Wenn ich versuche, den See zu beschreiben, kann ich mit meinen Augen nur die Oberfläche sehen. Die Computertechnik aber zeigt die Bewegungen des Wassers, die Temperatur, die Dichte und Masse im Wasser oder eine Darstellung des Seegrunds, was die Entdeckung von Öl begünstigt. Etwas vom schönsten sind, bei Verwendung von Falschfarben, unsere Nieren.
Ich hatte gelernt, Geigen zu bauen, Holz zum Klingen zu bringen. Die Zeiten sind vorbei, wage ich zu behaupten. Die Katzen, lediglich am Fisch interessiert, trollen sich.
Sibylle Severus