3D-Modell Dresden: Google-Gleitflug durchs Elbflorenz - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

3D-Modell Dresden Google-Gleitflug durchs Elbflorenz

Nach Berlin launcht nun auch Dresden ein hochauflösendes 3D-Modell seiner Stadtsilhouette auf Google Earth - mit über 154.000 Gebäuden. Stadträte und Geschäftsleute machen sich bereit für eine virtuelle Ära jenseits von Second Life.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie ein waagerechter Lift gleitet die virtuelle Kamera über Dresden, umkreist Schloss und Stallhof, stürzt hinab, schwebt im Tiefflug über Hofkirche, Fürstenzug und Ständehaus, fliegt im Schritt-Tempo weiter zur Frauenkirche, zum Zwinger, zum Johanneum.

Seit Montagmittag existiert die sächsische Landeshauptstadt Dresden als hochauflösende 3D-Simulation  auf Google Earth. Rund 154.000 Bauten umfasst das Modell - Dresden 3D ist damit etwa dreimal so groß wie das virtuelle Berlin  und weltweit der größte online verfügbare Nachbau einer Stadt.

Touristische Attraktionen und Gebäudekomplexe im Stadtinneren werden in der höchsten möglichen Auflösung dargestellt: Die Gebäude- und Dachgeometrie, die Anzahl der umliegenden Bäume, die Textur der Fassade - alles ist genau wie beim Original.

Zugrunde liegt dem Modell eine ausgeklügelte Software namens LandXplorer. Das Programm, das auch dem virtuellen Berlin zu seiner Web-Präsenz verhilft, wurde am Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam entwickelt. Das endgültige 3D-Modell der sächsischen Landeshauptstadt entstand in Zusammenarbeit mit den Firmen virtualcitysystems GmbH aus Chemnitz und 3D Geo GmbH  aus Potsdam.

Gigantische Datensätze

LandXplorer verwaltet riesige Datensätze: Die Höhe der einzelnen Gebäude und Dachformen, die Beschaffenheit des Geländes - ganz Dresden wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart per Laserscanner erfasst. Der LandXPlorer errechnet daraus zunächst die Oberflächenstruktur - nicht viel mehr als Klötzchen mit grauer, neutraler Oberfläche.

"Mit einem neuartigen Verfahren werden darauf dann die Fassaden positioniert, die aus speziell aufgenommenem Bildmaterial herausgeschnitten wurden", beschreibt Marc Hildebrandt, Geschäftsführer von 3D Geo. Allerdings sei bislang nicht immer gewährleistet, dass das Originalgebäude haargenau dieselbe Textur oder Farbe hat wie seine virtuelle Replik. Der Grund: "Die 'Bebilderung' der virtuellen Stadt läuft aus Kostengründen weitgehend automatisch ab."

Noch keine Schrägluftbilder

Zwar gebe es bereits eine Technik, mit der man jede Gebäude-Fassade individuell fotografieren und dem richtigen grauen Klötzchen zuordnen könnte, sagt Ingolf Jung, Geschäftsführer der virtualcitysystems GmbH. "Diese heißt Schrägluftbild-Verfahren. Salopp gesagt gleitet dabei ein mit Kameras vollgestopftes Flugzeug über die Stadt und fotografiert diese aus allen Richtungen."

Die auszuwertenden Datenmengen seien allerdings riesig und derzeit von keiner herkömmlichen Internet-Verbindung zu tragen. Schon das 3D-Dresden auf Googles virtuellem Parallelplaneten sei eine abgespeckte Version der LandXplorer-Simulation. "Um die Nutzbarkeit zu erhöhen fehlen in der Google-Earth-Version Details wie Bäume oder Geländedaten", meint Jung.

Trotz Light-Version kann es eine ganze Weile dauern, ehe man zu Hause 3D-Modelle sieht. Allein die Simulation des Dresdner Zentrums ist über 40 Megabyte schwer. Zudem sind nach Angaben Jungs derzeit die Server am Anschlag. Sprich: "Wer Dresden virtuell in 3D sehen möchte, braucht im Moment ein wenig Geduld."

Wachsende Bedeutung virtueller Standorte

Doch auch in der abgespeckten Version steckt in den virtuellen Standorten bereits ein beträchtliches Nutzungspotential. Die Möglichkeit, sich einen ortsgebundenen und dennoch von überall erreichbaren Standort aufzubauen, reizt den Immobiliensektor ebenso wie den Handel, die Gastronomie und Hotellerie sowie Anbieter aus den Bereichen Kultur, Medien, Werbung, Freizeit und Tourismus.

Alles kann am Computer simuliert werden: von Katastrophen bis zum Fließen des Verkehrs. Während der virtuelle Tourist in der Simulation schon einmal die geplante Radtour abfährt, kauft sich die Shopperin in der Simulation einer 3D-Boutique Hut und Kleid. Die Faszination liegt in der intuitiven Nutzbarkeit, im 1:1-Bezug zur Realität. Spinnt man den Gedanken des virtuellen Standorts ein wenig weiter, liegt Second Life bald in Dresden.

"Die Möglichkeiten, die sich durch 3D-Städte ergeben, sind noch gar nicht absehbar", meint auch Jung. "Derzeit plant die Stadt Dresden, íhre Bürger via Simulation in die Planungsprozesse des Städtebaus miteinzubeziehen." Schon sehr bald soll über strittige Projekte per Volksentscheid abgestimmt werden. Findet sich schnell genug eine technische Form für solche Referenden, könnte sogar das Kapitel Waldschlösschenbrücke neu aufgerollt werden.

Virtuelles München offenbar fast fertig

Nach Meinung von Jürgen Döllner, dem Leiter des Fachgebiets Computergrafische Systeme am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI), werden die Beispiele Berlin und Dresden bald Schule machen. "Schon in naher Zukunft werden sich immer mehr Kommunen ihren eigenen virtuellen Nachbau zulegen", erklärt der Professor, der an der Entwicklung des Basistechnologie zur 3D-Visualisierung maßgeblich beteiligt war.

Jung bestätigt. "Wir verhandeln derzeit mit mehreren Städten über ähnliche Projekte." Um wen es sich im einzelnen handelt, wolle er noch nicht sagen. In Branchenkreisen heißt es allerdings, die Stadt München habe ihr virtuelles Pendant fast fertig gestellt.

Die Stadt Hamburg, die am 17. Januar vollmundig ein 3D-Modell angekündigt hat, ist indes noch immer nicht online gegangen.

Verwandte Artikel