"Abschied vom Mainstream": Yahoo! setzt auf Sex - DER SPIEGEL
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"Abschied vom Mainstream" Yahoo! setzt auf Sex

Es ist so eine Sache mit dem E-Commerce. Nach wie vor gilt "Sex sells" als Erfolgsgarantie - und Erfolg hat die taumelnde Marke Yahoo! bitter nötig. Klammheimlich baute das Info-Portal einen Sex-Shopping-Bereich auf.
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Es sei ein "Aufbruch" für Yahoo!, ein "Abschied vom Mainstream", schreibt P. J. Huffstutter in der "New York Times": Bisher habe sich Yahoo! doch immer am Mainstream orientiert. Zwar waren über Yahoo! auch immer erotische und pornografische Inhalte zu erreichen, doch war das Portal bloßer Mittler von Adressen, nicht aber Anbieter im Sex-Markt.

Das ist jetzt anders. Ohne groß die Publicity-Trommel zu rühren erweiterte Yahoo! seinen Shopping-Bereich um das Angebot "Adult and Erotica".

Und das hat es in sich. Tausende von pornografischen DVDs und Videos sind dort zu finden. Ein Novum: Bisher hat sich keines der großen amerikanischen Portale auf den schlüpfrigen Markt mit den fleischlichen Gelüsten eingelassen. Doch der verspricht Gewinne, und die hat die gebeutelte Marke Yahoo! bitter nötig.

"Im Sex-Markt", meint dazu Dan Lavin vom Marktanalysten International Venture Research, "kommt es auf Größe an. Und keiner ist größer als Yahoo!".

Weltweit, so schätzt man, besuchen rund 185 Millionen Menschen irgendwann im Laufe des Monats eines der zahlreichen, landessprachlichen Yahoo!-Portale. Das ist rein numerisch ein Hammer - hilft der Marke in den Zeiten zunehmender Web-Abstinenz der Werbewirtschaft aber nicht wirklich weiter. Seit die Dot.com-Krise unter den Start-ups wütet, finden sich immer weniger Firmen, die über die tatsächlich werbewirksame Website "ein paar Augenbälle kaufen" wollen, wie man in Amerika sagt.

Da wird "Sex sells" zur letzten Zuflucht: Einzig im Schmuddelmarkt rollt seit Anbeginn des WWW ganz ungehemmt der Rubel.

Das Yahoo!-Management zeigt sich ungewöhnlich schüchtern, den Gewinn versprechenden Schachzug zu kommentieren. "Bereits seit zwei Jahren", beantwortete die Firmenleitung eine Anfrage der "New York Times", "sind Produkte für Erwachsene unter einer strengen Kontrolle über Yahoo! erhältlich". Für Rückfragen steht derzeit niemand zur Verfügung.

Branchenanalysten sehen den Schritt im bigotten, vordergründig prüden amerikanischen Markt durchaus als problematisch. Zwar sind es amerikanische Websites, die die größten Umsätze mit Online-Pornografie machen. Von den großen Publikumsmarken jedoch wird erwartet, dass sie ihre Westen weiß halten.

So glaubt Van Baker vom Marktforschungsunternehmen Dataquest, dass die Profite, die Yahoo! im "Adult"-Shop erwirtschaften mag, durch Imageverluste bei den Werbekunden durchaus wieder verloren werden könnten: Die Werbewirtschaft achte streng auf saubere Umfelder. Baker: "Wir reden über ein Unternehmen, dass defizitär arbeitet und darüber hinaus unter sinkenden Werbeumsätzen leidet. Dieser Schritt wird Yahoo! im Werbemarkt, der sich an junge Männer richtet, kaum schaden. Doch für Werber, die sich mit ihren Produkten an Kinder oder gläubige Christen richten, ist das ein schockierender Schritt".

Das "Adult"-Angebot ist im Übrigen auch über die deutsche Yahoo!-Site einsehbar. Ein schnelles "Vorbeisurfen" ist allerdings nicht möglich: Yahoo! verlangt zunächst eine umständliche Registrierungsprozedur, in deren Verlauf man einige Persönlichkeitsdaten angeben muss, die am Ende durch die Eingabe einer gültigen Kreditkartennummer verifiziert werden sollen - nur als Altersnachweis natürlich, nicht um irgendetwas abzubuchen. Das allein dürfte - das zeigen die traurigen Erfahrungen vieler E-Commerce-Aspiranten - den größten Teil des potenziellen Geschäftes nachhaltig verhindern.

Vielleicht liegen die Yahoo!-Mächtigen mit ihrer ungewohnten Schweigsamkeit also gar nicht so falsch: Die Aufregung um den Yahoo!-"Adult"-Shop könnte schnell verpuffen, bleibt letztlich "typisch amerikanisch". Eigentlich nicht der Rede wert.