Analyse: Clicks & Bricks - die Elefantenhochzeit - DER SPIEGEL
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Analyse Clicks & Bricks - die Elefantenhochzeit

AOL absorbiert - sorry! - fusioniert mit Time Warner. Was am Montagmittag als lapidare Meldung über die Ticker ging, hat das Potenzial, die Internet- und Medien-Welt bis in die Grundfesten zu erschüttern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das ist ein historischer Moment", sagte AOL-Chef Steve Case am Montag vor der Presse, "in dem die neuen Medien wirklich erwachsen werden". Tatsächlich, Geschichte hat das Ereignis schon geschrieben: Börsengeschichte. Die News von der anstehenden Fusion sorgten für Börsenbewegungen ganz gegen den herrschenden Trend. AOL stieg im europäischen Handel um satte 16 Prozent, während Time Warner den Vogel abschoss: Angesichts 65,3 Prozent Wertsteigerung über Nacht wäre wohl mancher froh, hätte er ein paar Aktien des alten Medienhauses unter der Matratze.

Steve Case traf den Nagel auf den Kopf, als er vom "Erwachsen werden" der neuen Medien sprach. Erwachsene stehen auf eigenen Füßen, sorgen für sich selbst. Im Gegensatz zu Kindern: Denen spricht man viel Potenzial zu, investiert in sie. Am Ende erfüllen oder enttäuschen sie die Erwartungen.

Seit dem Beginn des Internet-Booms sprach man den neuen, wenig "stofflichen" Unternehmen ein riesiges Potenzial zu. Sie handelten vornehmlich mit Konzepten, Ideen, mit Anleihen auf eine anscheinend goldene Zukunft. Für Jahre war das genug. Anleger akzeptierten, dass die neuen Geschäftsideen Jahre brauchen würden, bis aus nur langsam wachsenden Umsätzen irgendwann auch Profite werden würden. Man gab den jungen Unternehmen Zeit.

Allerdings nicht unbegrenzt viel davon, wie das Beispiel des E-Commerce-Musterknaben Amazon.com zeigt: Ende 1999 fiel die Börsenbewertung des Unternehmens, obwohl Amazon die größte Umsatzsteigerung seiner Geschichte melden konnte. Allein, das Unternehmen schrieb weiterhin rote Zahlen, obwohl Amazon-Chef Jeffrey Bezos seit nunmehr fast fünf Jahren den "Break-even in zwei Jahren" verspricht - und dieses Fernziel immer vor sich herschiebt.

AOL ist anders. Immerhin kam der amerikanische Onlinedienst im letzten Jahr auf einen Umsatz von 4,8 Milliarden Dollar. Das ist eine Menge Holz - gleichzeitig sind es aber "Peanuts" im Vergleich zum Time-Warner-Umsatz von 26,8 Milliarden Dollar. Warum AOL an den Börsen dann fast doppelt so hoch wie Time Warner gehandelt wurde, ist einem Finanzanalysten über 40 kaum mehr zu erklären.

Das Zauberwort heißt "Überzeichnung", die zu-hoch-Bewertung eines Unternehmens, die schlicht dadurch zustande kommt, dass mehr Leute Aktien kaufen wollen, als vorhanden sind. Der Nachfragedruck treibt den Preis nach oben. Wenn diese Überzeichnung so hartnäckig und stabil ist wie bei AOL, Yahoo und anderen Internet-Firmen, dann ist das ein Statement der Anleger: Dieses Unternehmen hat die Zukunft noch vor sich. Die Zukunft, darin sind sich die Experten einig, gehört dem elektronischen Markt, dem Markt der "Clicks".

Der wurde bisher gern getrennt vom Markt der "Bricks", der "Ziegel-Unternehmen", der fest gebauten Unternehmen mit ihren harten Waren. Viele dieser traditionsreichen Unternehmen wagten den Sprung nach Cyberia nur zögerlich und verbanden mit ihren virtuellen Unternehmungen Geschäftsmodelle, mit denen sie in der "Offline"-Welt Erfahrung hatten - und zu oft erfahren mussten, dass sie "Online" nicht funktionieren.

Wie Time Warner, die jetzt einen Partner gefunden haben, der weiß, was er tut. AOL braucht Inhalte. Warner braucht einen Partner, der Inhalte professionell über das neue Medium verteilt. Ist die Sache so einfach?

Wohl kaum. Schon seit längerem weisen Experten darauf hin, dass die neuen "Click"-Unternehmen dringend bezifferbare Werte schaffen müssen, um ihren an den Börsen gewonnenen Wert zu stabilisieren. "Click" wird "Brick" aufkaufen, munkelte es seit langem, weil "Click" das Geld hat - und "Brick" die Profite. Die Fusion beider Welten ist zu beiderseitigem Vorteil - und vor allem zum Vorteil der Anleger.

Hauptgewinner der Fusion: die gemeinsamen Besitzer

Wie zum Beispiel das US-Unternehmen Janus Capital Corporation. Janus ist der größte institutionelle Aktionär von Time Warner - und auch der größte institutionelle Aktionär von AOL. Zu den zehn größten Aktionären des Onlinedienstes gehören außerdem die Barclays Bank, die Taunus Corporation und die Vanguard Group - und alle finden sich natürlich auch unter den Top-Aktionären von Time Warner. Sie zählten am Montag zu den ersten Gewinnern der anstehenden Fusion. Kapital gesichert, Gewinn gemacht.

Dann sind da die Unternehmen selbst: Ein Onlinedienst, der zwar über die Infrastruktur zur Verteilung von Inhalten verfügt, seit längerem mit Plänen im Interactive TV-Bereich spielt - aber nicht genügend Inhalte hat. Auf der anderen Seite steht ein gigantisches, traditionelles Medienhaus mit einem unüberschaubaren Angebot an Inhalten, das sich aber schwer tut, diese auf neuen Medienwegen an den Mann zu bringen. Top: Das passt ja wie Topf und Deckel. Wie die Börsenreaktion zeigte, wird der Deal auch genauso wahrgenommen: Mit der Fusion stießen die Unternehmen die Tür zur Zukunft der Medien ein wenig weiter auf. War das also alles?

Nein, denn eine Fusion ist nie nur für irgendjemanden, sondern auch immer gegen. Wer wird das neue, machtvolle Unternehmen AOL Time Warner schmerzlich im Nacken spüren?

Da sind zunächst einmal die großen Medienunternehmen. Bertelsmann ist vergleichsweise fein raus: In Europa und Australien an AOL beteiligt treffen die Gütersloher zum Beispiel am Verhandlungstisch bei Vox künftig "Verwandte" aus den Staaten. Disney weiß seit langem, wohin der Zug fährt: Seit 1995 investieren die Micky-Maus-Macher in die Entwicklung von Verteilkonzepten für digitalisierte Film- und Fernsehangebote. Es ist kaum vorstellbar, dass Disney lang stillsitzt, ohne ebenfalls zu versuchen, einen potenten Partner in der Online-Welt zu finden. Murdoch hat sich gerade bei Deutschlands schlingerndem Medien-Mogul Leo Kirch "eingebracht", der nun die Beine in die Hand nehmen darf, um seine digitalen TV-Pläne umzusetzen, bevor ihn die virtuelle Konkurrenz rechts und links überholt.

Time Warner und Bertelsmann, Medienkonzerne mit verwandten Profilen, stützen ihre Zukunftsplanung für die Verteilung von Musik, Buch, Film und Fernsehen auf die Vision eines sich aus dem Internet entwickelnden Netzwerkes, dass Angebote wie die von Kirch (Premiere World) und Murdoch (BskyB) schlicht überflüssig machen soll. Mit der Fusion von AOL und Time Warner wird eine Lawine ausgelöst: Sie ist das Signal, dass die Wartezeit vorbei ist. Jetzt geht es konkret zur Sache, jetzt soll der Rubel rollen. Telekommunikationsunternehmen, Kabelnetzbetreiber, Internet- und klassische Medienunternehmen werden von den Marktbewegungen betroffen sein. Dies sind genau die Branchen, deren Börsenkurse durch die Fusions-Nachrichten Rückenwind erhielten.

Für Cyber-Skeptiker dürften damit harte Zeiten anbrechen. AOL, größter Onlinedienst der Welt, fusioniert mit Time Warner, dem mächtigsten Medienhaus. So interessant wie pikant ist, wie die Machtverteilung im neuen Mega-Konzern aussehen wird: Chef wird Steve Case von AOL, Vize wird Gerald Levin, bisher Time-Warner-Chef. "Click", so scheint es, schluckt "Brick". Willkommen im Zeitalter des E-Commerce.