AOL: Becker ist schon wieder drin - DER SPIEGEL
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AOL Becker ist schon wieder drin

Die Inszenierungen werden aufwendiger, die Sätze kürzer: In seinem zweiten Werbespot für AOL reduziert Boris Becker seinen Kultsatz auf ein schlichtes "drin".
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Stargast lässt sich Zeit. Über den blauen Teppich huschen nur Journalisten. "Ist er schon drin?", wirft ein ankommender Reporter seinem wartenden Kollegen entgegen. Der schmunzelt kurz, schüttelt aber den Kopf.

Es ist Showtime. AOL Deutschland , mit rund 1,5 Millionen Kunden zweitgrößter Online-Dienst der Republik, hat nach Hamburg zur Pressekonferenz geladen. Keine übliche Pressekonferenz mit langen Zahlenreihen und endlosen Monologen, sondern eine Filmpräsentation. Denn Boris "Ich bin drin" Becker, Ex-Tennis- und Neu-AOL-Star, steht wieder für den Online-Dienst vor der Kamera. Und so ein Spot muss standesgemäß präsentiert werden.

Allerdings: Im abgedunkelten, ganz in AOL-Blau gehaltenen Saal darf sich die versammelte Presse erst einmal die Erfolgsgeschichte der "Ich bin drin"-Kampagne ansehen. Untermalt von eingängigen Discorhythmen flimmern Zeitungsausschnitte - von "FAZ" bis "Gala" - und Umfragewerte über die Leinwand.

Demnach ist es dem Online-Dienst in den vergangenen vier Monaten gelungen, seine "Markenbekanntheit" von 77 auf 85 Prozent zu steigern. Mehr als drei Viertel der Befragten können sich - mit etwas Hilfe - an den Becker-Spot erinnern. Im Oktober lag die "Werbeerinnerung" noch bei 56 Prozent.

Andreas Schmidt, Chef von AOL Europe, geizt daher nicht mit Superlativen: "Das war der Kultspot der letzten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte." Auch Uwe Heddendorp, Geschäftsführer von AOL Deutschland, kommt ins Schwärmen. "Kaum ist ein Satz so schnell berühmt geworden." Und: "'Ich bin drin' ist die erfolgreichste und wohl auch beliebteste Werbung im deutschen Markt."

AOL strickt an der eigenen Legende. Und so wird den Journalisten nicht nur der zweite Becker-Spot präsentiert, sondern gleich noch ein aufwendig gestaltetes "Making of" - mit schnellen Schnitten und lauter Musik: Sägende Schreiner, pinselnde Maler, aufgeregte Regie-Assistenten. Dann der Auftritt des Superstars. Locker, leger, mit der Sporttasche über der Schulter.

Zuletzt der eigentliche Werbespot: Becker, im roten Bademantel, schlurft ins Wohnzimmer und verschickt über AOL eine Test-SMS auf sein bereitliegendes Handy. Ein skeptischer Blick, ein kurzes Piepen, ein überraschtes "Nee, näh?". Becker macht kehrt, sagt in Richtung Schlafzimmer "komme". Auf dem Display des Mobiltelefons sieht der Fernsehzuschauer ein großes "drin".

Das war's. Schon? "Und deswegen der ganze Aufwand?", mag sich der ein oder andere Journalist gedacht haben. Schließlich ist der Versand von SMS-Nachrichten übers Internet nun wirklich nichts Neues mehr.

Schmidt lässt solche Bedenken nicht gelten. "Unser Spot nimmt Ängste, baut Barrieren ab", sagt der AOL-Chef. Während einer "kostenlosen Einführungsphase" sollen die Handy-Nachrichten, bei Jugendlichen schon sehr beliebt, allen AOL-Kunden nahe gebracht werden. AOL-SMS funktioniere, so Schmidt, "in alle Netze, rein und raus".

Die Presse-Show ist perfekt organisiert. Die Fragen, die sich die AOL-Chefs und ihr Pressesprecher auf dem Podium zuwerfen, sind wohl überlegt. Becker, so scheint es, würde da nur stören.

Doch ganz ohne den Star geht es nicht. Und so kommt er dann, umringt von zwei dutzend Fotografen und Kameraleuten. Hier ein Lächeln, dort ein Händeschütteln, schließlich kann die Präsentation weitergehen.

Fragen an Becker sind nicht eingeplant. Übers Geld spricht man eh nicht. Ob der Tennis-Star, wie der SPIEGEL berichtete, an AOL beteiligt werde? Schmidt wird einsilbig: "Kein Kommentar."

Der Smalltalk vor der AOL-Tapete wirkt abgesprochen, bisweilen sogar auswendig gelernt. Von Film-Angeboten über den Davis Cup und Steffi Grafs Hochzeitspläne landet das Quartett schließlich bei der gemeinsamen Zusammenarbeit.

"Durch Zufall" habe man vergangenes Jahr in Beckers Büro zusammengesessen. Ein persönlicher Draht habe sich entwickelt. Und als Beckers Frau Barbara, seit drei Jahren "begeistertes AOL-Mitglied", schließlich zu der Runde stieß, sei der Deal perfekt gewesen.

Becker, der wie die AOL-Chefs krawattenlos locker zur Präsentation erscheint, lacht. Doch so richtig gelöst ist das Tennis-Idol nicht. Ein ums andere Mal greift der Star zum Wasserglas, nippt ganz kurz daran, stellt es wieder ab.

Anscheinend dem Drehbuch folgend erzählt Becker, wie ihm sein Sohn den Umgang mit Maus und Computern erklärt hat. Noah surfe in der Schule schon regelmäßig im Internet. Doch dann stockt AOL-Chef Schmidt für kurze Zeit das Lächeln. "Bei Sechsjährigen", entfährt es Becker, "ist so was leider schon normal."