Apple-Betriebssystem Leopard geht an den Start
Mehr als 300 Neuerungen soll das neue Betriebssystem bringen. Doch schon ein flüchtiger Blick auf die von Apple online gestellte Auflistung zeigt, dass hier zumindest teilweise alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird. Ganz oben auf Apples Liste: das Adressbuch. Mit Leopard soll man dessen Kontakt-Kartei mit auch mit einem Yahoo-Online-Adressbuch synchronisieren können. Zudem wird als neu angepriesen, dass man sich per Mausklick eine Umgebungskarte der angegebenen Adresse anzeigen lassen kann.
Beide Funktionen sind allerdings schon im Adressbuch von Mac OS X 10.4 enthalten. Mit nur einem winzigen Unterschied: während das neue Adressbuch Google Maps verwendet, ruft die ältere Version den Kartendienst Mapquest auf.
Von solchen kleinen Ungereimtheiten abgesehen, bringt das Mac OS X10.5 Leopard allerdings viele kleine und ein paar größere Nettigkeiten mit, die Macs zu noch mehr Glanz verhelfen.
Viel Glitzerkram
Denn Apples Betriebssysteme waren schon immer für ihre Optik berühmt. Und die Optik ist es auch, die beim neuen Mac OS als erstes ins Auge sticht. Das liegt vor allem am sogenannten Dock, einer Leiste am Bildschirmrand, die Schnellstartsymbole für Programme, Ordner und Dokumente aufnimmt. Dieser Leiste hat Apple einen 3D-Look verpasst. Sieht gut aus, ist aber zu nichts nütze und kann bei Nichtgefallen auch abgeschaltet werden.
Während das hochglanzpolierte neue Dock schick aussieht, hat es einen gewaltigen Nachteil gegenüber seinem Vorgänger: Es zeigt die Inhalte von Ordnern, die man für den schnellen Zugriff im Dock ablegt, zu üppig an. Klickt man einen solchen Ordner mit der rechten Maustaste an, springen die Dokumentensymbole wie ein Jack-in-the-Box hervor und werden als Vorschaubilder ihrer Inhalte angezeigt. Die Anzahl so darstellbarer Symbole wird durch Symbolgröße und Bildschirmauflösung limitiert. Früher dagegen bekam man eine schlichte Textauflistung, durch die man bequem scrollen konnte.
Ähnlich wie es Microsoft bei Vistas Bildschirmboxen macht, hat Apple jetzt semitransparente Menüs eingeführt. Das sieht zwar schick aus, wird aber von manchen Kritikern als störend empfunden. Sie klagen, die Menüeinträge seien schlecht zu lesen, wenn darunter beispielsweise ein Text durch die Transparenzen hindurchschimmert.
Dateiinhalte im Direktzugriff
Für mehr Durchblick sorgen dagegen die von Apple ins Betriebssystem integrierten virtuellen Desktops. Mit deren Hilfe kann man sich nach belieben Arbeitsumgebungen zusammenstellen, zwischen denen man flink umschalten kann. Also beispielsweise ein Desktop zum Websurfen und Chatten, einer für E-Mail und Textverarbeitung und einer mit dem Videoschnittprogramm. Das ist praktisch und hilft, die Übersicht zu wahren, da man sich nicht mehr durch etliche Fenster kämpfen muss, um zum Ziel zu gelangen.
Und schließlich hat Apple dem Finder, dem Gegenstück zum Windows Explorer, einen ordentlichen Schuss iTunes-Optik eingeimpft. Wie in Apples Musik-Software sowie auf iPod und iPhone, kann man jetzt mittels Cover-Flow in Dateiablagen wühlen. Damit nicht genug, hat Apple eine Vorschaufunktion direkt ins Betriebssystem eingebaut. Um also den Inhalt einer Datei zu betrachten, muss man künftig kein Programm mehr starten. Das funktioniert mit etlichen Bild- und Videoformaten, Office-Dateien, PDF sowie Apples iLife- und iWork-Dateien - und spart wirklich Zeit.
Bootcamp: Parallelbetrieb von Windows
Hightech für Power-User
Zeit sparen kann man mit Leopard auch, will man parallel zum Mac OS auch Windows installieren. Die dafür notwendige Apple-Software Boot Camp ist jetzt Bestandteil des Betriebssystems und muss nicht mehr separat heruntergeladen werden. Wer jetzt schon Bootcamp nutzt, muss allerdings quasi zwangsweise auf Leopard umstiegen, da die bisherige Version zum Jahresende ausläuft, also nicht mehr für Neuinstallationen genutzt werden kann. Bereits damit laufende Windows-Systeme werden aber brav weiter funktionieren.
Ein Highlight unter der Haube ist die Fähigkeit, Festplatten jetzt im laufenden Betrieb beliebig in kleinere Einheiten aufzuteilen. Dieser als Partitionieren bezeichnete Vorgang war bislang stets damit verbunden, die Platte zu formatieren und das Betriebssystem neu aufzuspielen, Windows-User kennen das. Mit Leopard hingegen kann man beispielsweise eine eigene sogenannte Partition auf der Festplatte nur für Videos einrichten, ohne am System herumspielen zu müssen. Das mag auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, ist aber gerade für Power-User ein Segen.
Ein Segen für alle, die gelegentlich Freunden und Verwandten bei Problemen am Mac helfen müssen, sind die Fernsteuerungsfunktionen in Leopard. Via iChat kann man im Netzwerk oder via Internet die Kontrolle über einen anderen Leopard-Mac übernehmen. So etwas ging zwar früher auch schon über Zusatzprogramme, ist nun aber viel einfacher und eleganter zu bedienen als zuvor.
Automatik für Sicherheitskopien
Mit Time Machine integriert Apple in Leopard eine Backup-Software, die es in sich hat. Zwar ist das Thema nicht neu, wird aber von Apple reizvoll gelöst. Denn um die sonst so ungeliebte Datensicherung anzuwerfen, muss man nicht viel mehr tun, als eine zusätzliche Festplatte in den Mac einzubauen oder einfach von außen anzustöpseln. Sofort erwacht die Software und fragt, ob sie den neuen Datenträger als Backup-Medium nutzen darf. Beantwortet man diese Frage mit ja, war es das auch schon.
Fortan legt Time Machine automatisch Backups von allem und jedem an. Programme, Texte, Filme, Bilder, alles wird archiviert. Und das tut das System ausgesprochen intelligent. Einmal pro Stunde werden alle kürzlich geänderten Dateien gesichert. Einmal am Tag werden diese Sicherungsdateien zu einem Tagesbackup zusammengefasst. Die Backups einer Woche wiederum landen in einem Wochenbackup der seinerseits am Ende des Monats in einem Monatsspeicher landet.
Durch Raum und Zeit
Tritt nun der Ernstfall ein, und man muss eine Datei wiederherstellen, wird's richtig spacig. Der Desktop tritt in den Hintergrund und ein Sternenfeld erscheint, in dessen Mitte die verschiedenen Inkarnationen der Datei wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht sind. Per Maus kann man nun quasi durch die Zeit reisen und jene Version der Datei heraussuchen, mit der man weiterarbeiten will. Das ist so hübsch, dass man es förmlich darauf anlegt, mutwillig wichtige Dateien zu löschen, nur um sie wiederherstellen zu dürfen.
Einziger Knackpunkt: Time Machine braucht Speicher, viel Speicher. Aber der ist heutzutage glücklicherweise nicht mehr sonderlich teuer. Eine interne 250 Gigabyte-Platte kosten keine 60 Euro, externe 500-Gigabyte-Modelle sind für unter 100 Euro im Handel. So viel darf einem die Sicherheit wichtiger Daten, zumindest bei beruflicher Nutzung, locker wert sein.
Inwieweit sich der rege Backup-Dienst auf die Arbeitsleistung des Rechners auswirkt, bleibt freilich noch abzuwarten.
Big Mother
Nicht mehr warten müssen dagegen Eltern, die sich Sorgen um das Surfverhalten ihrer Kinder machen. Für sie könnte Leopard zum Hort der Glückseligkeit werden. In bester Big-Brother-Manier können sie das Online-Treiben ihrer Kinder überwachen und reglementieren. So kann man per Software exakt vorgeben, wie viele Stunden die lieben kleinen täglich mit ihrem Mac verbringen dürfen. Damit nicht genug, lässt sich sogar eine Bettruhe einstellen, also ein abendliche Uhrzeit, nach der sich der Mac zu keiner Schandtat mehr bewegen lässt.
Auf Wunsch der Eltern versucht die Software zudem, per Web-Filter Pornowebseiten und ähnlich ungeeignete Web-Inhalte auszusperren. Sogar aus der Wikipedia sollen Obszöne Inhalte ausgefiltert werden. Bei Bedarf kann man die Zügel aber auch lockern und bestimmte Webseiten wieder frei schalten.
So richtig fies wird es aber, wenn die Eltern auch noch protokollieren lassen, was die kleine Racker so alles an ihren Rechnern treiben. Selbst Chat-Sessions werden dabei lückenlos aufgezeichnet. Spätestens an dieser Stelle sollten aufgeklärte Sprösslinge die Stichworte "Privatsphäre" und "Datenschutz" am Abendbrottisch erwähnen.
Nichts für Uralt-Macs
129 Euro verlangt Apple für das neue Mac OS X. Verglichen mit Windows-Vista, so Apple-Chef Steve Jobs, sei das geradezu ein Schnäppchen. Schließlich bekommt bei Apple jeder das, was bei Vista die mehrere Hundert Euro teure Ultimate-Version wäre. Allerdings bittet Apple seine Kunden auch häufiger zur Kasse. Während Microsoft für Vista mehr als fünf Jahre brauchte, liefert Apple im Schnitt alle 18 Monate eine neue Betriebssystemversion - was beileibe kein Nachteil ist.
Überlebenswichtig ist das neue System allerdings nicht. Es ist schön anzusehen, bietet etliche nützliche und viele belanglose neue Funktionen. Besitzer älterer Macs sollten sich den Kauf des Upgrades ohnehin genau überlegen. Apple legt als Minimum einen Power PC G4-Prozessor mit 867 Megahertz sowie 512 Megabyte Arbeitsspeicher fest. Mit einer solchen Ausstattung dürfte der Leopard allerdings nur fußlahm laufen. Schließlich galt schon für das erste Mac OS X, dass es erst mit 768 Megabyte Arbeitsspeicher richtig in Schwung kam.
Aber vielleicht - und darauf spekuliert Apple natürlich - nimmt der eine oder andere Mac-Anwender die neuen Funktionen und die schicke Optik des Leoparden ja zum Anlass, einen neuen Mac zu kaufen. Denn die werden ab sofort mit Leopard an Bord ausgeliefert.