Archos 10: Netbook für Kinder - DER SPIEGEL
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Archos 10 Netbook für Kinder

Der Boom der Netbooks ruft immer neue Player auf den Plan: Nun versucht sich auch die Firma Archos, bisher eher bekannt für edle Mediaplayer, auf dem Markt der Mini-Rechner. Die Franzosen setzen dabei auf ein Nischenkonzept - und werben mit Design, Preis und Kinder-Kompatibilität.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die französische Firma Archos ist ohne Frage ein Pionier unter den Multimedia-Geräteentwicklern. Jahre vor Apple und Co. warf das Unternehmen MP3-Player und später Multimedia-Geräte auf den Markt, die Standards setzten. Maschinchen wie die Jukebox 6000 (auf den Markt gebracht im Jahr 2000, 350 Gramm schwer, 6 GB Speicherplatz) hätten das werden können, was der iPod dann wurde: Als der Boom der MP3-Player begann, hatten die Franzosen die Nase ganz weit vorn - und sind heute doch nur ein Hersteller von vielen.

Dabei hat Archos durchaus ein Händchen für Innovationen und das Besetzen von Nischen. Aktuelle mobile Multimedia-Geräte des Herstellers sind zugleich Auto-Navigatoren und digitale Videorekorder. Seine Internet-Surftablettchen macht Archos über eine leidlich preiswerte Dockingstation zum Wohnzimmer-Mediaserver und -rekorder. Teil des Angebotes ist dabei seit längerem auch der Archos Media Club, eine virtuelle Videothek, über die sich im Bedarfsfall ganz spontan Kinofilme aus dem Netz laden lassen, die dann ganz unkompliziert auf dem Flachbild-Fernseher landen. Mit solchen Ideen, die letztlich weit schlüssiger, flexibler und bequemer sind als manch teuer verkaufter Mediaserver, hat sich Archos mit seinen Produkten preislich im oberen Mittelfeld etabliert.

Vieles davon findet sich nun auch im neuesten Produkt der Franzosen, das durchaus ein Wagnis darstellt: Wie viele andere hat sich Archos vom Boom der Netbooks dazu verführen lassen, es auch einmal auf dem wahrlich hart umkämpften Markt der mobilen Mini-Rechner zu versuchen.

Obwohl die sich generell verkaufen wie geschnitten Brot, ist das gar nicht so einfach. Die eng definierten Spezifikationen der Netbooks sorgen dafür, dass sich die Produkte technisch bisher weitgehend entsprechen: Das Standard-Netbook hat heute einen Intel-Atom-Prozessor mit 1,6 GHz Taktgeschwindigkeit, ein 10-Zoll-Display, 1 GB Arbeitsspeicher und Windows XP installiert auf einer 160 GB Festplatte. Auch das Archos 10, das erste Netbook des Herstellers, ist da keine Ausnahme.

Man muss anders sein

Wie viele andere neue Player auf dem Markt nimmt Archos darum wahr, dass man seine Alleinstellungsmerkmale anders definieren muss: Wer jetzt noch Netbooks dieser Definition auf den Markt bringt, braucht eine Nische. Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die Archos aber nur zum Teil wahrnimmt:

  1. Energie: Die Netbooks der ersten Generation leiden alle an Konditionsmängeln - nach 1,5 bis 2 Stunden geht ihnen der Saft aus. Neuere Modelle setzen auf 6-Zellen-Akkus, die vier bis neun Stunden halten sollen. Das Archos 10 gibt es mit 3-Zellen-Akku (2,5 Stunden Laufzeit laut Hersteller, im Test 1,75 Stunden) und 6-Zellen-Akku (5 Stunden Laufzeit)
  2. Schnittstellen und Kommunikation: Zum üblichen W-Lan kommt in der zweiten Gerätegeneration der Netbooks gegen teils saftige Aufpreise auch die UMTS-Anbindung. Archos verzichtet darauf, leider aber auch auf eine HDMI-Schnittstelle, die inzwischen einige Anbieter bieten (Asus beginnt bei Nettops gerade damit, Dell im nächsten Monat). Das schränkt die Möglichkeit ein, das Netbook als Mediaserver einzusetzen - was naheläge, wenn man die Anbindung an den Archos Media Club bedenkt
  3. Preis: Hier hatte sich Archos im Vorfeld vorgenommen, richtig zu punkten, "massiven Druck" (Firmen-PR) auf den Markt auszuüben. Dann kamen CES und Cebit, und plötzlich waren die Preise nicht mehr niedrig. Archos reagierte konsequent und senkte sie erstmals zeitgleich zur Produkt-Veröffentlichung. Das 3-Akkuzellen-Modell kostete nun 329, das 6-Zellen-Modell 349 Euro. Das ist konkurrenzfähig, wenn auch nicht außergewöhnlich. Wohl deshalb ist das leistungsstärkere Gerät als Sonderangebot aktuell schon ab 318 Euro zu haben, das 3-Zellen-Gerät bieten viele Händler erst gar nicht an
  4. Design: Hand aufs Herz, ein Laptop ist ein Laptop. Man kann ihm verschiedene Farben geben, das Display matt oder spiegelig gestalten, es dicker oder dünner machen, billigere oder teurer wirkende Materialien verbauen. Auch Archos erfindet das Rad nicht neu, präsentiert aber ein solide wirkendes Gerät mit angenehm abgerundeten Kanten, das hochwertig wirkt und präsentabel. Das Display ist angenehm matt und hinreichend hell. Eine echte Schwäche aber ist die Tastatur: Die fällt nicht größer aus als bei einem 8-Zoll-Gerät und ist für das Tippen längerer Texte schlicht nicht geeignet. Das können viele Konkurrenten (z.B. Asus, Medion, MSI, Samsung oder LG) deutlich besser
  5. Software: Die "weiche", weil variable Seite der Ausstattung sind die vorinstallierten Programme - und hier braucht sich das Archos 10 absolut nicht zu verstecken. Wie die meisten Hersteller setzt Archos auf Windows XP statt Linux und nimmt sich so die Möglichkeit, die Hardware auszubauen (Microsoft verpflichtet Netbook-Hersteller zu den oben genannten Spezifikationen). Für ein XP-Netbook ist das Archos aber gut ausgestattet: Foto-, Internet-Radio und-TV-Software gehört dazu, Skype, ein Officepaket von Lotus, Virenscanner, Anbindungen an den Musik-Streamdienst Deezer und den Archos Media Club. Vor allem aber eine Nische besetzt Archos durchaus geschickt: Der Rechner wird mit einem Programm ausgeliefert, das Internet-Inhalte filtert und den Nutzer mit einem Zeitbudget konfrontiert - das Archos 10 ist ein "Kinder-Netbook".

Genau damit hatte ursprünglich auch derErfinder der Mini-Rechner, das Unternehmen Asus, geworben: Auf den ersten Werbebildern des EeePC sind es stets Kinder oder aber junge Frauen, die den Kleinrechner nutzen. Netbooks sollten also Einsteigerrechner sein oder Laptops für IT-Ferne.

"Parental Control" - Der Witz am Archos sind Zeitmanagement und Inhalte-Filter. Letzteres ist übrigens ein Witz

Wir wissen heute, dass sich das Marktsegment völlig anders entwickelt hat: Offiziell heißt es von Seiten der Hersteller nun zumeist, Netbooks seien Zweit- oder Drittrechner für unterwegs. In der Realität genügen die Mini-Rechner immer mehr Menschen als handliches Surfbrettchen - und nagen kräftig am bisher hochpreisigen Laptop-Markt und seinen Preisniveaus.

Hier ist das Archos anders

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal hat das Archos durch seine "Parental Control"-Software: In Windows Vista ist so etwas eingebaut, XP fehlt es jedoch, hier schließt Software von Drittanbietern die Lücke.

Als Default-Nutzer wird ein Minderjähriger angenommen, der auf dem Rechner nur eingeschränkte Rechte besitzt. Die legen die Eltern als System-Admins fest. Dazu gehört das Zeitbudget, das über eine Wochenkalender-Übersicht festgelegt und verwaltet wird. Daran vorbei kommt der Sprössling nicht: Vor dem Zugriff aufs Betriebssystem liegt das Login ins Kinder-Nutzerkonto.

Das alles ist gut gelöst: Da bekommt der Nachwuchs beispielsweise zwei Stunden täglich, wenn man will innerhalb eines definierten Zeitabschnitts, dazu ein wöchentliches Maximal-Zeitkonto. Wird das eine oder andere überschritten, geht der Rechner einfach aus.

Als Zensor wirkt das Programm zudem in Sachen Internet: Die leicht zu bedienende Kontroll-Software erlaubt, Sperrlisten von Webseiten zu führen oder Seiten gezielt frei zu geben. Hier kann man am Objekt bestaunen, wie dämlich solche Filterlisten, die sich auch so mancher Innenpolitiker sehnlich wünscht, wirklich sind.

Der Gaga-Beweis: Stern.de ist böse, Porno ist gut

Die Vorgaben der Software verhindern zuverlässig, dass etwa die (sicher in gewisser Hinsicht nicht kindgerechten) Nachrichten von Stern.de aufgerufen werden können: Die berüchtigte Webseite überschreitet die "zulässigen Sicherheitsstufen für ... Drogen, Geldspiele, gewaltsame Webseite". Focus.de und Zeit.de sind übrigens okay, SPIEGEL ONLINE nur zeitweise - warum, konnten wir nicht herausfinden. Amüsant ist es allemal: Grüße an die Kollegen vom "Stern", wir Nachrichtenmacher sind offenbar die neuen Schmuddelkinder.

Nicht ganz begriffen haben wir auch, warum man zwar den "Stern" nicht lesen darf, dafür aber die menschliche Anatomie bis hinein in die Details der Kopulation nach Herzenslust studieren: Zwar blockiert die Software bekannte pornografische Seiten, via Google und Co aber kommt man dann doch wieder ran ans Fleisch. Mit Verlaub: So doof ist kein Teenager, dass er sich von solchen Filtern aussperren lässt.

Trotzdem ist der Ansatz nicht grundsätzlich schlecht. Als ängstlicher Elternteil kann man Filterregeln erweitern oder einschränken und dem Nachwuchs auf dessen Anfrage sogar das Lesen von Stern.de erlauben, wenn man will. Dass der Filter in seinem Grundzustand absolut nichts taugt, ist dagegen nur typisch. Wenn man so etwas testweise im Bundestag installierte, wäre die leidige Debatte um Web-Zensur wohl schnell vom Tisch.

Aber will man all das denn nun auf dem Tisch? Durchaus, das Zeitmanagement und die Rechteverwaltung des Rechners sind durchdacht, die Ausstattung ist gut, Design und Wertigkeit auch, der Preis angemessen. Den Filter könnte man deaktivieren und dem Kind besser Medienkompentenz vermitteln: Das ist der beste Filter, denn den hat man immer dabei. Ein echter Minuspunkt ist die Tastatur, die nur nervt - unabhängig davon, ob man kleine oder große Finger hat.

Wenn Archos hier nachbesserte, wäre der erste Netbook-Versuch des Multimedia-Spezialisten durchaus ein respektabler Wurf. Denn Platz für ein Kinder-Netbook hätte der Markt durchaus: Kein Feature des Rechners traf im Rahmen des Tests auf so viel Interesse wie das Zeitmanagement und die Einschränkungsmöglichkeiten für Installationen etc..

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