Aufgeschrieben: Bill Gates Visionen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Aufgeschrieben Bill Gates Visionen

Der Mann lebt in einem Haus, in dem ihm seine Lieblingsbilder an den Wänden folgen: Die Rede ist nicht von Harry Potter, sondern von Bill Gates. Der erzählte "Bild", wie er sich die digitale Zukunft vorstellt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wer Visionen hat", sagte dereinst Helmut Schmidt, "sollte zum Arzt gehen." Nun war der trockene Hanseat Schmidt aber auch Chef eines damals noch florierenden Landes, nicht des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft: Von dem werden Visionen geradezu eingefordert - und alle Welt hört hin, was er zu sagen hat.

So auch "Bild", Deutschlands auflagenstärkstes Fachorgan für knapp angerissene Info-Häppchen. Dort darf man in den nächsten Tagen das Protokoll eines Interviews mit William Gates III. nachlesen, serviert in überschaubaren Portionen. Teil 1 breitet vor dem Leser in knappen fünf Fragen die Microsoft-Vision der digitalen Zukunft aus: "Wie werden wir in Zukunft leben, Mr. Gates?"

Bills Antworten darauf sind kaum überraschend: vermicrosoftet, natürlich.

Sodann fasst Gates den Inhalt diverser bekannter Werbepräsentationen seiner Firma zusammen: PC-Technologie wird zur Haushalts-Steuerzentrale. Der Rechner erkennt den Hausherrn schon an Gesicht oder Stimme und lässt ihn ein (oder auch nicht), er arrangiert Musik und Bilder um den jeweiligen Aufenthaltsort des Hausbewohners, liest seines Herren Handschrift und hört auf seine Stimme. Auf dem Fernseher erscheinen auf Wunsch Bilder der Familie, das Handy wird zum Daten- und Informationen sammelnden Einkaufshelfer.

Also alles wie gehabt.

Doch dann - Obacht! - kommt es: "Sicher nicht mit einem DVD-Player", antwortet Gates auf die Frage, wie wir denn in Zukunft fernsehen werden.

Schockschwerenot, das hat gesessen! Gates wörtlich: "Diese Technik wird sich spätestens in zehn Jahren erledigt haben. Wenn man bedenkt, dass wir heute Musik oder Filme auf silbernen Speicherplatten mit uns herumtragen oder in den Computer einstecken müssen, ist das eigentlich lächerlich. Diese Dinger können zerkratzen oder einfach verloren gehen."

Wohl wahr, aber muss man den Kram darum gleich wieder entsorgen?

Künftig, so Gates, werde das fernsehen "ganz einfach das zeigen, was wir wollen - und wann wir es wollen. Wenn wir nach Hause kommen, wird der Heimcomputer wissen, wer wir sind. Er wird wissen, was wir gerne gucken, unsere Lieblingsprogramme kennen und was zum Beispiel für unsere Kinder verboten ist."

Das klingt klasse und ist auch für Microsofts Zukunft viel naheliegender: Schließlich produziert der Konzern unter anderem Software für Settop-Boxen für das Pay-TV und nicht etwa DVD-Player. Es sind alle anderen, die bereits an Nachfolgeformaten basteln, weil es in keiner anderen Nische des Marktes dermaßen brummt wie bei DVD-Playern.

Und morgen in "Bild": "Wie der Computer Kranke heilen wird und wovon der reichste Mann der Welt träumt". Wir raten und übersetzen schon mal vorab: Uns alle mit der für die Digitalisierung des Alltags nötigen Software zu versorgen und an jedem alltäglichen Handgriff mit zu verdienen?

Frank Patalong

Mehr lesen über