Augmented Reality: Geister jagen Menschen - DER SPIEGEL
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Augmented Reality Geister jagen Menschen

Die Realität ist nicht genug: Weltweit arbeiten Wissenschaftler an computergenerierten "Anreicherungen" für alltägliche Umwelten. Eine Forschergruppe aus Singapur entwickelt Spiele, bei denen in realen Umgebungen Fantastisches auftaucht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer früher das Bedürfnis hatte, Dinge zu sehen, die nicht wirklich da sind, musste zu illegalen Substanzen greifen - kein rundum empfehlenswerter Ansatz. Inzwischen gibt es weniger drastische Methoden - wenn auch erst in der Entwicklung. Am "Mixed Reality Lab" der National University of Singapore etwa wird an Wegen gearbeitet, auf geradezu magische Weise Dinge in der Welt erscheinen zu lassen. "Augmented Reality" (AR), erweiterte Realität, lautet das Schlagwort für solche Anwendungen.

Das neueste Projekt der Forschergruppe um Adrian Cheok: Ein Kinderspielzeug mit überraschendem Inhalt. Grundlage ist ein "magischer Würfel" ein traditionelles Spielgerät, das aus einzelnen, miteinander verbundenen Holz- oder Plastikwürfeln besteht. Die Würfel können auf verschiedene Weise auseinandergefaltet werden, dabei werden kleine Rätsel oder Bilder sichtbar. In der AR-Version erzählt der Würfel, wenn man ihn korrekt aufklappt, die Geschichte von Noahs Arche - und zwar als dreidimensionale Animation. Auf der aufgeklappten Fläche erscheinen Landschaften und Figuren, wie ein Video zeigt, dass sich hier  per Rechtsklick herunterladen lässt.

Herz des Systems, das von den Studenten Zhou Zhi Ying und Pan Ruth mitentwickelt wurde, ist ein am Kopf zu tragendes Headset mit Virtual Reality Brille und einer Kamera. Die fängt die Bilder vor den Augen des Betrachters ein, das Signal wird dann mit dem aus einem Computer stammenden AR-Signal verknüpft. Das Ergebnis: Die virtuellen Einblendungen scheinen tatsächlich in der realen, mit den Händen manipulierbaren Umwelt aufzutauchen.

Der magische Würfel ist nicht das einzige Projekt von Adrian Cheok und seinem Forscherteam. Auf der fröhlich bunten Webseite  des Labors kann man sich verschiedene verblüffende Anwendungen ansehen, viele davon auch als Videodateien.

Da gibt es etwa das "Human Pacman" Projekt: Mit tragbaren Computern und Headsets ausgerüstete Spieler laufen durch eine reale Umwelt, einige als Geister, ein Spieler als Pacman. Wie in der klassischen Vorlage aus der Spiel-Arkade kann der menschliche Pacman Kugeln oder Kekse "fressen", einfach indem er sie berührt - wenn ihn ein Geist erwischt, verliert er ein Leben. Die Kugeln existieren nur im Display am Kopf des Spielers - und in dem Rechner, der das System koordiniert. Die Geister sind echt, "Human Pacman" ist im Grunde nichts anderes als Fangen Spielen mit elektronischer Unterstützung. Daten über Position und Bewegung der Spieler werden über eine Kombination verschiedener Systeme bestimmt, unter anderem ein GPS-Modul und Trägheitssensoren.

Damit den Spielern im Freien nicht zu schnell die Energie ausgeht, arbeiten einige im Mixed Reality Lab auch daran, menschliche Bewegungen in Strom umzuwandeln. Ein Spezialschuh soll beispielsweise durch den Druck auf die Sohle bei jedem Schritt kleine Spannungen erzeugen, die dann drahtlos direkt an einem Empfänger weitergegeben werden können.

Andere Projekte sind unter Anderem reale Bilderbücher oder Reiseführer, in denen beim Blättern dreidimensionale Animationen auftauchen. Der Betrachter kann gleichzeitig Text und Bilder auf der Seite sehen und einem lebensechten virtuellen Reiseführer, der auf der Seite steht, lauschen.

Die recht unhandlichen Head Mounted Displays werden wohl noch eine Zeit lang verhindern, dass sich die elektronisch erweiterte Realität auf dem Massenmarkt durchsetzen kann. Die Entwicklung wird in diesem Bereich aber weltweit  kräftig vorangetrieben.

"Aktuelle Displays sind noch zu groß, aber sie werden das nicht mehr lange bleiben", sagte Adrian Cheok dem "New Scientist". "Der Magic Cube ist ein Prototyp dafür, wie wir Information manipulieren und auf eine neue Weise mit Menschen und Computern interagieren können." Wundern Sie sich also nicht, wenn sie demnächst die kleine Raupe Nimmersatt über den Kinderzimmertisch kriechen sehen.

Christian Stöcker

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