Automatisierter Autor: Brutus, der Verräter - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Automatisierter Autor Brutus, der Verräter

Brutus schreibt Geschichten. Das ist nicht ungewöhnlich, und auch, dass es bei ihm meist düster zugeht, die Geschichten mithin immer einem Strickmuster folgen, hat den Erfolg anderer Autoren nicht verhindern können. Was Brutus von den Schreibern diverser Groschenromane scheidet: Er ist eine Software.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Brutus schreibt Geschichten über Lügen, Selbsttäuschung und Verrat. Es ist aber keine dunkle Muse, die Brutus zu seinen Werken inspiriert, und auf der Seele des Verfassers liegt kein quälend dunkler Schatten. Denn Brutus ist schließlich nur ein Software-Roboter, ein kühnes Experiment zu der Frage, ob Computer zu eigener Kreativität fähig sind. Gefüttert wird er mit literarischen Figuren und dem Rahmen für eine bestimmte Umgebung. Heraus kommt eine kurze Geschichte von 500 Wörtern.

"Dave Striver liebte die Universität", fängt etwa eine der Geschichten von Brutus.1 an, wie das Computerprogramm von seinen Schöpfern genannt wurde. "Ihm gefielen die mit Efeu bewachsenen Glockentürme, das alte und unerschütterliche Backsteingemäuer, die in Sonne gebadeten Grünanlagen und die eifrigen Jugendlichen."

Nun ja, das ist nicht gerade Grass. Aber in einer Zeit, in der Computer bereits lesen, sprechen und Schachweltmeister schlagen können, wirft der bescheidene literarische Erfolg von Brutus.1 die Frage auf: Können Computer auch gute Geschichten schreiben?

"Immerhin bekomme ich E-Mails von Leuten, die sich dabei gegruselt haben", sagt Selmer Bringsjord, Direktor des Zentrums für Künstliche Intelligenz (Minds and Machines Lab) am Polytechnischen Institut Rensselaer bei Troy im US-Staat New York. Bringsjord ist einer der Väter von Brutus.1 und hat im Internet einige Werke des Geschichten-Generators veröffentlicht .

Diese sind bereits sehr viel weiter gediehen als die Beiträge einer bereits 1970 entwickelten Erzählmaschine. Dennoch bleibt der künstliche Geist von Brutus.1, benannt nach dem berühmten Verschwörer gegen Caesar, in einem eng abgesteckten Rahmen: Er bewegt sich ausschließlich im akademischen Umfeld und kennt nur ein emotionales Thema, den Verrat und damit verwandte Regungen.

Bringsjord weist darauf hin, dass die dunklen Seite des Lebens besonders faszinierend sein können. Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Grund für die einseitige Veranlagung des Software-Agenten: Brutus.1 hat keinerlei Ahnung von Liebe. "Wenn man zu der guten Seite der Dinge gelangt, dann muss man ausrechnen, was Liebe ist", erklärt Bringsjord. "Und wir haben keine Idee, wie wir das anfangen sollen."

Verrat hingegen ließ sich für Bringsjord und seinen Mitentwickler David Ferrucci vom IBM-Forschungszentrum T.J. Watson auf mathematische Formeln reduzieren. In der Welt von Brutus.1 sieht das dann so aus, dass die Figur X eine andere Figur Y betrügt, aber nur, wenn es einen positiven Wert Z gibt, an dem Y brennend interessiert ist. Die Figuren gehen wie Pingpong-Bälle durch eine Serie solcher Formeln und schaffen so den Handlungsstrang der Geschichte.

Nur jeder Vierte erkannte den Computer als Autor.

Brutus.1 kennt darüber hinaus die grammatischen Regeln für die Konstruktion englischer Sätze und einige Grundsätze für die Gestaltung belletristischer Texte, etwa zur Platzierung eines Zitats. Und dann hat der digitale Agent die Anweisung, mit adjektivischen Beschreibungen so etwas wie eine szenische Atmosphäre zu schaffen.

Bei einem literarischen Online-Wettbewerb schätzte nur jeder vierte Befragte den Beitrag von Brutus.1 als Werk eines Computers ein. Aber die Geschichte von Brutus.1 erhielt von allen fünf Werken die schlechtesten Noten. Leser seien meist in der Lage, einen guten Stil zu erkennen, wüssten aber nicht, wie sie diesen beschreiben sollten, erklärt dazu die Computerwissenschaftlerin Kathleen McCoy von der University of Delaware. "Grammatisch mag das alles perfekt sein, und selbst der Gedankengang kann völlig plausibel wirken. Aber es ist trotzdem kein echter Text."

Praktisch eingesetzt werden könnten Forschungsergebnisse zur elektronischen Generierung von Sprache in Systemen, die Bildunterschriften, Zusammenfassungen von Zeitungsartikeln, medizinische Berichte oder Museumsführer erstellen. Das Unternehmen CoGenTex in Ithaca bei New York hat ein System entwickelt, das aufgrund meteorologischer Daten Wettervorhersagen schreibt. Aber von solchen Texten zu Menschheitswerken wie "Krieg und Frieden" ist es ein riesiger Schritt.

Bringsjord denkt denn auch, dass Brutus.1 oder seine Nachfolger allenfalls eine Art formalistischer Belletristik schaffen können, etwa das Drehbuch für einen anspruchslosen Action-Film oder die Handlungsbeschreibung für ein interaktives Computerspiel. Aber nach siebenjähriger Entwicklungsarbeit gesteht Bringsjord ein, dass nur menschliche Autoren erstklassige Geschichten erzählen können. "Ich weiß, was ich sage, wenn ich erkläre, dass Menschen Dinge schaffen können, die völlig erstaunlich sind. Ich weiß, wie schwer das ist, weil ich es nicht bauen kann."

Michael Hill