Babylon: "Lexikon" der Lexika - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Babylon "Lexikon" der Lexika

Das israelische Unternehmen Babylon hat einen ehrgeizigen Plan: Über ihre Website und eine dort vertriebene Freeware wollen sie die Wörterbücher, Lexika und Glossare des Internet bündeln. Finanziert werden soll das alles aus Werbeerlösen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Turmbau von Babylon ist Symbol für Zwietracht und Missverständnis - die nach der alttestamentarischen Stadt benannte Firma will genau das Gegenteil erreichen. "Wir machen es einfacher, miteinander zu kommunizieren", sagt die Mitbegründerin des israelischen Internet-Unternehmens babylon.com , Michal Frenkiel. Dazu soll jetzt eine Plattform beitragen, die Fachwörterbücher zu allen Wissensbereichen für die einfache und kostenlose Nutzung bereit stellt.

In den ersten zweieinhalb Wochen seit dem Start des Projekts wurden bereits 1200 Lexika auf die Web-Site von Babylon gebracht - von der Britannica-Enzyklopädie bis zum Pokémon-Wörterbuch. Sie können entweder online oder nach dem Download der Daten auch ohne Internet-Verbindung genutzt werden. Dazu dient ein kleines Software-Werkzeug, das bei babylon.com heruntergeladen werden kann (die Datei hat einen Umfang von 1,4 MB).

Nun kann je nach Einstellung des Programms mit einem Mausklick auf einen beliebigen Begriff im Web-Browser oder in der Textverarbeitung nach Einträgen in einem der Wörterbücher gesucht werden. Die Ergebnisse tauchen in einem kleinen Bildschirmfenster auf.

Etwa 90 Prozent der bereit gestellten Glossare stammen von Privatleuten. Darunter sind winzige Spezialverzeichnisse wie die Liste der Fußballspieler von Inter Mailand (mit Fotos) ebenso wie Wörterbücher mit mehreren hundert oder tausend Einträgen. Da gibt es etwa ein Glossar irischer Slang-Ausdrücke oder ein Wörterbuch für Funkamateure. Unter den von Firmen oder Organisationen beigesteuerten Werken gibt es ein deutsch-chinesisches Wirtschaftswörterbuch sowie ein Glossar von Begriffen der Krebsforschung. Die Wörterbücher für einzelne Sprachen von Afrikaans bis Urdu betreut Babylon weiter selbst.

Und das Geld? Babylon hofft auf Werbung...

"Das ist einer der Vorteile eines Einwanderungslandes", sagt Frenkiel. "Es gibt so viele Leute aus verschiedenen Ländern." Die Wörterbücher werden nach ihren Angaben fortlaufend erweitert und aktualisiert.

Mit Sitz in Or-Jehuda bei Tel Aviv beschäftigt das Unternehmen 60 Mitarbeiter. Die Einnahmen kommen aus der Online-Werbung, wobei die für das Marketing zuständige Babylon-Vizepräsidentin auch auf neue Formen wie "gesponsorte Links" setzt: "Immer wenn jemand auf einen solchen Link klinkt, kann ich die Münzen fallen hören." Wie viele andere Internet-Unternehmen auch schreibt Babylon noch keine schwarzen Zahlen, aber Frenkiel sagt: "Wir wollen Mitte 2001 profitabel sein." Für das nächste Jahr wird auch an die Börseneinführung gedacht.

Mit der Plattform für Wörterbücher aller Art will Babylon das im Netz schlummernde Wissen aufbereiten. Wer selbst ein Glossar bereit stellen will, kann die Begriffe online eingeben oder das Wörterbuch mit einer speziellen Builder-Software erstellen. Auf der Web-Site von Babylon kann dann nachgeschaut werden, wie oft das eigene Wörterverzeichnis heruntergeladen wurde.

"Dies gibt vielen Internet-Nutzern das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, was auch gebraucht wird", erklärt Frenkiel. "Damit entsprechen wir auch ganz dem Geist des Internets, dass Informationen miteinander geteilt werden." Keine Verantwortung übernimmt Babylon für die Inhalte; dies wird von den Glossar-Autoren in einer Lizenzvereinbarung bestätigt. Babylon übt auch keine inhaltliche Kontrolle aus, so dass sich die Nutzer eines Glossars bei fehlerhaften Informationen nur direkt an die Autoren wenden können.

Babylon 3.0 gibt es bislang erst in der Beta-Version; die Vollversion wird in einigen Wochen da sein. Insgesamt haben sich bisher rund sechs Millionen Nutzer registrieren lassen, darunter mehr als 700.000 in Deutschland und über 120.000 in der Schweiz. In den USA war der Anklang anfangs weniger groß, doch werden dort jetzt die größten Zuwächse registriert. Eine große Nachfrage gibt es nach Angaben der israelischen Managerin auch aus arabischen Ländern: "Die Menschen möchten sich einfach in Frieden miteinander austauschen, da kümmern sie sich nicht um Politik."

Peter Zschunke, ap