Bauern: Mit dem Essen spielt man nicht - DER SPIEGEL
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Bauern Mit dem Essen spielt man nicht

"Schlachtungen täglich außer donnerstags und am Wochenende": Wer nach gehaltvollen Informationen über sein täglich Mahl sucht, bekommt im Internet den Tisch gedeckt. Die Bauern haben den Weg ins Netz gefunden.
Von Heiko Faaß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Treten Sie ein, meine Damen und Herren, seien Sie live dabei, kostenlos und unverbindlich. Erleben Sie, wie "Bauer Bärtschi gerade dabei ist, Gras für seine Kühe zu holen. Oder Selina, die angehende Landwirtin, arbeitet auf dem Feld."  Sehen Sie den Bifänglihof live und ohne Tabus. Melkstand- oder Stallkameras sind die neuen Stars unter den Livecams. Zwei Schweizer Biobauern haben das Netz entdeckt, um ihre Produkte zu vermarkten. Was sind da noch gestellte, unnatürliche Sex-Cams, wenn die Natur unverblümt mit kopulierenden Bienen ins Wohnzimmer kommen kann?

"Was der Bauer nicht kennt, das frißt er nicht. Würde der Städter kennen, was er frißt, er würde umgehend Bauer werden", sagte einmal der deutsche Schriftsteller Oliver Hassencamp. Und da in jedem ein kleiner Bauer steckt, wollen immer mehr Menschen immer genauer wissen, was ihnen denn so zum Fraß angeboten wird. Der Verkauf von Bioprodukten und solchen mit garantierter Herkunft boomt. Weil Vertriebstaktiker niemals genug verkaufen können, lassen sie sich immer neue Tricks einfallen, um das eine oder andere Schnitzel mehr an den Endverbraucher zu bringen.

Auf den Webseiten der Bergquell Naturhöfe zum Beispiel kann man freilaufende Hühner beobachten, die friedlich scharren und picken. Daß es bereits Juni ist, die Bäume draußen Blätter tragen, nur die in der Endlos-Bilderschleife noch nicht, fällt den Besuchern der Website in der Regel nicht auf. "Aus dem Stand", so Bergquell-Sprecher Hasso Mansfeld, "hatten wir im ersten Monat etwa eine Million Pageviews", und die Leute verweilten über acht Minuten auf den Seiten, auf denen außer den paar Bildern freilaufender Hühner eigentlich keine Informationen angeboten werden, die nicht innerhalb von fünf Minuten auswendig gelernt werden könnten. Doch für die Bergquell Naturhöfe war der Internet-Auftritt ein voller Erfolg: Kosten gleich null, weil gesponsert durch die Werbewirtschaft, Umsatzsteigerung etwa 30 Prozent. Natürlich nicht allein durch den Internet-Auftritt, sondern vielmehr durch den Medienrummel, der selbigen begleitete. "Und wenn nicht gerade der Kosovo-Konflikt Medienschwerpunkt gewesen wäre, hätte man da sicher noch mehr rausholen können", so Mansfeld.

Genau kennenlernen, was man später so zu sich nimmt, kann man auch auf den Seiten des Thönes Natur-Verbunds. Getreu dem auf der Startseite angegebenen Motto "Mit dem Essen spielt man nicht" findet auch der ungeübte Anwender schnell zur Rubrik "Bio-Schlachthof". Hinter der verbirgt sich nichts anderes als eine Verbindung zur Kamera in Thönes' realem Schlachthof. Wem die kleine Abbildung mit dem Fuß am Haken hängender Tierkadaver zu schemenhaft erscheint, kann mit einem Klick darauf das Bild vergrößern. Die Kadaver entpuppen sich dann als Schweinehälften in der edelstahlglänzenden und neonröhrenbeleuchteten Schlachtstraße. Zwischen sechs und zehn Uhr werden die Bilder stündlich aktualisiert. "Für Thönes steht die Dokumentation der Prozeßqualität im Vordergrund, weniger ein schnellebiger Werbegag", so Elmar Damke von der gleichnamigen Unternehmensberatung in Essen, die diese Maßnahme entwickelt hatte. Dazu wären auch die Besucherzahlen zu gering, "die Zahl schwankt, aber es werden zwischen 40 und 600 Zugriffe pro Tag verzeichnet."

Gediegen gibt sich der Internet-Auftritt des Deutschen Bauernverbands. Was man dort mit dem Internet verbindet, ist schnell entdeckt: Interessenvertretung, PR fürs Bauernvolk. So erfährt dort jeder, der es hören möchte, daß ein deutscher Bauer durchschnittlich 108 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt, daß es 1997 noch etwa 525.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland gab oder daß der gemeine Bauer im Jahr rund 38.000 Mark verdient. Neben diesen sorgfältig ausgewählten "Nachrichten" findet sich auch ein Link zum Angebot "Urlaub auf dem Bauernhof". Kurz entschlossene Bauernhof-Urlauber können so ihre Erholung zwischen Kuh, Schweinderl und Gockel noch schnell organisieren. Über 4.000 Urlaubsbauernhöfe im gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland informieren dort über ihre Angebote. Wen es nach Bayern zieht, der kann das gleiche Angebot auch nur auf bayerische Höfe beschränkt abrufen.

Der Schweizer Bauernverband gibt sich da schon kreativer. Neben Informationen über Schweizer Bauern bietet er dem Eierfreund die Möglichkeit, sich aus einer Auswahl von 25 Höfen sein eigenes Huhn zu leasen. Dazu wählt dieser einen in seiner Nähe gelegenen Hof aus, bei dem er die Eier zukünftig abholen möchte, und teilt per Online-Bestellung mit, wie viele Hühner er gerne leasen möchte. Laut Vertrag stehen dem Leasingnehmer dann sechs Eier seines Huhns pro Woche zu. Und muß das Huhn ersetzt werden, wird das Leasing automatisch auf ein neues Huhn übertragen.

Es bleibt allerdings fraglich, ob angesichts der verschwindend geringen Anzahl guter Internet-Seiten wirklich auch einige Bauern mehr davon fressen, was sie nicht kennen. Die bestehenden Seiten im www sind vielleicht ganz nett, um sie mal kurz zu besuchen. Profunde Informationen, gute Online-Shops und Seiten, die man gerne mal wieder besucht, sind allerdings auch nicht dabei.