Bilderjäger: Bezahlte Fahnder im Web - DER SPIEGEL
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Bilderjäger Bezahlte Fahnder im Web

Die Kasseler Firma Cobion hat sich darauf spezialisiert, Bilder im Web zu finden. Das kann sie besser als jede öffentlich zugängliche Bild-Suchmaschine. Cobion sind Profis, die in Industrie-Auftrag nach Urheberrechts-Verletzern und Markenpiraten fahnden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kassel - Mit einer riesigen Computeranlage gehen drei junge Firmengründer aus Kassel im Internet auf Bilderjagd. 50 Millionen Abbildungen pro Tag durchsucht der Rechner der ehemaligen Mathematik-Studenten nach illegal kopierten Firmenlogos, Hakenkreuzen oder Fotos vermisster Personen. Die drei rühmen sich der Entwicklung der weltweit ersten Software zur Bilderkennung, die die Leistung des Gehirns beim Sehen kopiert. In Zukunft kann die Software auch zum Analysieren bewegter Bilder genutzt werden.

"Wir können gucken, ob sich auf einer Internet-Seite von den Fidschi-Inseln ein Foto von Fußballern mit Sporthemden einer bestimmten Marke befindet", sagt der Geschäftsführer von Cobion , Jörg Lamprecht. Pixel für Pixel vergleichen Computer alle Abbildungen im Internet mit dem gesuchten Objekt. Dabei werden zunächst Bilder aussortiert, in denen Symbole der gesuchten Farbe und Form vorkommen. Die gewünschte Treffergenauigkeit ist dabei variabel. Bei der Suche nach einem Markenzeichen etwa können auch stark ähnelnde Symbole selektiert werden.

"Wir hatten den Wunsch, eine Software zu entwickeln, die nicht nach Text, sondern nach Bildern sucht", sagt Lamprecht. Mit zwei Studienkollegen bastelte er an der Kasseler Universität an Computerprogrammen, die ähnlich arbeiten wie das Gehirn. "Wir wollten Computer sehen lassen". Mit der ersten Software ließ sich beim Abfüllen von Flaschen prüfen, ob das Haltbarkeitsdatum an der richtigen Stelle aufgedruckt war. Eine weitere Anwendung wurde in der Bio-Medizin zum Zählen und Vergleichen von Krebszellen eingesetzt. 1997 gründeten die drei ein eigenes Unternehmen, das inzwischen 50 Mitarbeiter in Kassel und San Francisco beschäftigt.

Wie in einem Raumschiff sieht es in der kreisrunden Kommando- Zentrale von Cobion aus, die die Mitarbeiter deshalb "Brücke" nennen. Unter bläulichem Licht sind in einer Wandvertäfelung zahllose Bildschirme angeordnet, von denen aus sich die Suchaufgaben steuern lassen. "Für die Internet-Nutzung zahlen wir jeden Monat 100.000 Mark", sagt der 30 Jahre alte Firmengründer. Glasfaserstandleitungen verbinden die derzeit 500 Computer mit vier Internet-Providern. Bei einer Million neuer Websites pro Tag müssen die Kasseler immer neue Rechner heranschaffen. "Bisher konnten wir mit dem Wachstum des Internets noch mithalten".

Nutzer der neuen Technik sind Firmen, die Produktpiraten auf die Schliche kommen wollen. Sportartikel-Hersteller wollen sich vor dem Missbrauch ihrer Marken schützen, und Pharmafirmen versuchen zu verhindern, dass nachgemachte Medikamente per Internet vertrieben werden. Zu den Olympischen Spielen werden Sponsoren mit dem Kasseler Know How nach ihren Logos fahnden. Auf 50.000 Hakenkreuze weltweit stieß das Software-Unternehmen im Internet, die Ergebnisse wurden dem Bundeskriminalamt übermittelt. Der "Weiße Ring", das Rote Kreuz und eine Elterninitiative suchen mit Hilfe der Software nach Fotos vermisster Kinder im Internet.

"Mit so einer Technik ist es denkbar, in Filmen nach einem bestimmten Schauspieler zu suchen", sagt Michael Schacht, der sich bei der Bertelsmann Broadband Group in Hamburg mit der Entwicklung interaktiven Fernsehens beschäftigt. Auch ohne den Namen eines Schauspielers zu kennen, könne ein Computer dann per Gesichtserkennung Filme mit demselben Darsteller finden. Vorläufig sei dies aber noch Zukunftsmusik.

Michael Evers, dpa