Bit-Flut: Wachsende Datenhalde - DER SPIEGEL
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Bit-Flut Wachsende Datenhalde

Schätzungen zufolge wächst die gespeicherte Datenmenge jährlich um bis zu 60 Prozent. Ein Kostenfaktor, ein Geschäft und ein Problem sei das, behauptet eine aktuelle Studie: Mehr als 50 Prozent der gespeicherten Daten landeten auf der Halde, ohne je wieder gebraucht zu werden.
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"Datei speichern" ist ein Befehl, der für jeden PC-Nutzer zur täglichen Routine gehört. "Datei öffnen" ist da weit seltener: Auf jede erledigte Aufgabe folgt schnell eine neue, Abgehaktes landet auf der Platte und wird nur selten noch einmal angesehen. Relevant sind viele dieser Daten nur noch aus vertragsrechtlichen oder juristischen Gründen - aber wer macht sich schon die Arbeit, solche Altaufträge, Dokumente, Quittungen etc. aus den Beständen zu löschen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden?

Was für Einzelplatz- und Privatrechner gilt, gilt mehr noch für die in Unternehmen und Organisationen. Die Datenhalde wächst und nährt trotz rapide fallender Preise für Speichermedien eine ganze Branche, die sich auf Datenspeicher und deren Verwaltung spezialisiert hat - Storage und Data Management.

Im Schnitt der nächsten fünf Jahre, glaubt das Marktforschungsunternehmen IDC, werde die weltweite Datenhalde jährlich um 60 Prozent anwachsen. Andere Branchenbeobachter tippen auf Steigerungsraten um 20 Prozent, und selbst das führt zu astronomischen Zahlen: Bis 2010, behauptet Gary Cosgrave von Waterford Technologies, landeten so 988 Milliarden frische Gigabytes auf der Datenhalde.

Und Cosgrave sieht darin wirklich viel Müll: Sein Unternehmen führte im Auftrag der Datenspeicherungsfirma EMC eine Untersuchung durch, die ergab, dass über 50 Prozent aller einmal abgespeicherten Daten nie wieder gebraucht werden. Trotzdem müssten die Daten erfasst, verwaltet und zugänglich gehalten werden, was nicht zuletzt für Auftraggeber EMC erfreulich ist: der ernährt sich schließlich davon.

Marktvolumen Storage-Software 2006: 9,8 Milliarden Dollar

Doch Auftragstudie hin oder her, die Aussagen sind plausibel. Datenspeicherung wächst zu einem gigantischen Geschäft heran und verursacht trotz sinkender Speicherpreise wachsende Kosten. Allein auf die Telekommunikationsanbieter in Deutschland kommen nach Schätzungen des Branchenverbandes Bitkom nur durch die Verordnung zur Vorratsdatenspeicherung Infrastrukturkosten von 50 bis 75 Millionen Euro zu - plus eines zweistelligen Millionenbetrages für Betriebskosten und die Aufstockung der Kapazitäten.

Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die den Markt weiter befeuern, die Halde wachsen lassen. So führte die Verpflichtung aller Unternehmen und Selbstständigen zur elektronischen Steuererklärung Elster seit 2005 zur Umstellung von Zehntausenden Buchhaltungen auf digitale Datenverarbeitung. Der Speicherhunger stellt sich da ganz von alleine ein - so wie durch die Einführung neuer Software. Beispiel Windows: Wer das neue Microsoft-Betriebssystem nutzen will, braucht allein für die Installation von Vista schon einmal 10 GB pro PC. Kein Wunder, dass auch die Verkaufszahlen ganz profaner PC-Festplatten weltweit aktuell um rund 15 Prozent steigen - im Vierteljahresrythmus.

Storage-Markt in Europa (2006): 7,429 Milliarden Dollar

Kosten verursachen in der Wirtschaft laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung McKinsey aber vor allem drei Faktoren: gesetzliche Verpflichtungen zur Vorhaltung archivierter Daten, die fortschreitende Umstellung auf automatisierte betrieblichen Abläufe sowie immer komplexere Anwendungen mit größerem Ressourcenhunger. Personal und Qualifizierung schaffen zusätzliche Kosten. Obwohl die Preise für Speicher jährlich um gut 30 Prozent sänken, stiegen die Ausgaben der Wirtschaft darum um bis zu 20 Prozent im Jahr.

Ein wachsender Kostenfaktor ist dabei auch die benötigte Energie. Unternehmen wie Hitachi und andere reagieren darauf mit der Entwicklung besonders Energieeffizienter Speichermodule, Firmen wie Unisys mit dem Einstieg in einen neuen, boomenden Markt: Sie offerieren Speicherplatz gegen Miete. In dieses Segment fallen sowohl das Leasing großformatiger Storage-Lösungen, als auch die Vernetzung von Firmennetzwerken mit zentralen Speichernetzwerken ("Storage-Area-Network"). Großunternehmen leisten sich die dafür nötigen Serverparks selbst, kleinere mieten sich bei einem Dienstleister ein. Zu haben ist so etwas ab 5 Euro/GB für kleinere Datenmengen, Großkunden zahlen erheblich weniger.

Für Privatpersonen ist so etwas weit billiger. Letztlich stellen auch Dienste wie flickr oder Googles Gmail nichts anderes dar, als die Möglichkeit, große Datenbestände extern zu lagern. Dienstleister wie Mozy.com offerieren Privatkunden unlimitierten Speicherplatz für Backups und Archive für gerade einmal 4,95 Dollar im Monat - eine externe Datenbank bis 2 GB ist kostenlos.

Die Rechnung des Unternehmens geht nur auf, weil Privatpersonen hier noch immer in GB, statt in Terabyte denken - und die Accounts auch nur zur privaten Nutzung freigegeben sind. Geschäftskunden werden anders abgerechnet, und wie viel sie zahlen, ist Verschlusssache: Mozys erster Großkunde, das Großunternehmen General Electrics, zahlt einen unbekannten Millionenbetrag, um für jeden einzelnen der rund 300.000 Rechner im weltweit verteilten Firmennetzwerk ein Online-Backup zu gewährleisten.

Vom Heim-Netzwerk zum Storage-Netzwerk: Speicher ist ein Schlüsselelement der Multimedia-Zukunft

1,03 Petabytes: Gesamtvolumen der im letzten Quartal 2006 verkauften Storage-Systeme

Mozy zeigt exemplarisch, wie fließend die Grenzen zwischen den einst so deutlich getrennten Märkten der Business-Welt und der Privatanwender inzwischen sind. Unermesslichen Datenhunger haben sie alle, und er wächst weiter: Sun Micrososystems stellte soeben einen ganz gezielt auf die Bedürfnisse multimedial aktiver Medienunternehmen abgestimmten Streaming-Server vor.

Der "Streamstar" kombiniert ein modular ausbaubares Storage-System mit einem Medienserver mit 2 TByte Arbeitsspeicher und 32 Ports für eine 10-GB-Webanbindung. Das Schätzchen kostet rund acht Millionen Dollar und ist ein lohnendes Investment, wenn man rund 160.000 Videostreams gleichzeitig ausliefern will - für TV-on-demand, Videoauslieferung und ähnliches.

Was da an großen Datenmengen am anderen Ende ins Wohnzimmer schwappt, muss natürlich auch verarbeitet werden. Schon bald, glauben Branchenbeobachter, ist das im zunehmend multimedial vernetzten Haus nicht mehr mit PC und immer dickerer Festplatte getan: Dann würden auch in Privathaushalten Storage-Netzwerke einziehen, wie es sie bisher nur im Geschäftsleben gibt.

Das klingt im Augenblick noch wie Science Fiction, doch das ist in digitalen Zeiten ein Begriff mit extrem kurzer Halbwertszeit. So gehen die Marktforscher von IDC davon aus, dass "Personal Storage" im Laufe des nächsten Jahres zu einer der Haupteinnahmequellen für die Entwicker und Hersteller würde. Anfang Mai ließ es sich der Netzwerk-Spezialist Netgear (DSL-Modems, WLans etc.) satte 60 Millionen Dollar kosten, sich fit zu machen für diesen neuen Markt: Er verleibte sich Infrant Technologies ein, eine auf kleine Netzwerk-verbundene Storage-Lösungen spezialisierte Firma. Sieht so aus, als träte an Stelle des Media-Centers ein richtiger Media-Server.