Brennen im Fuß No Apple-Video on Demand
Ratsch - das Messer gleitet durch die rotbackige Frucht, während ich darüber nachdenke, ob der ganze Rummel des Tages rund um das versehentlich vorab veröffentlichte Titelfoto von "Time Canada" nicht vielleicht doch ein Fake war. Die Familie sitzt heute extra früher am Abendbrot-Tisch, damit Papa gleich ab sechs Steve Jobs gucken kann.
"Wie lange wird die Keynote denn wohl dauern?" will Barbara wissen. "Ich würde dann heute Abend nämlich auch noch Unterricht vorbereiten." Was Barbara zurzeit ein wenig schwer fällt, weil der Computer in ihrem Büro seit ein paar Tagen weder sein CD-Rom-Laufwerk findet noch seine Festplatte wirklich mag und daher alle fünf Minuten auf stur schaltet.
Um kurz vor sechs gehe ich ins Büro. Mein Rechner ist noch eingeschaltet, die Apple-Startseite der Keynote ist aufgerufen. Zwar hat Apple gleich zwei Satelliten-Frequenzen gemietet, um die Rede zu übertragen, aber wozu gibt's schließlich T-DSL und das Internet?
Gespannt klicke ich auf das "Watch Now"-Logo, der Quicktime-Player öffnet sich, "Daten erhalten" meldet er nach ein paar Minuten.
Ein PDA, ein neuer iMac, vermutlich eine komplett neue Produktlinie - die Gerüchte hatten sich in den letzten Wochen überschlagen. Und obwohl ich mir nach der letzten Keynote geschworen hatte, mich nicht mehr anstecken zu lassen, bin ich gespannt. Ja, irgendwie habe ich mich seit Dezember sogar ein wenig auf diesen Montag gefreut.
Die LED am Netzwerk-Router signalisiert üppigsten Netzwerk-Traffic, im Player-Fenster ist noch immer nichts zu sehen. Es ist etwa zehn nach sechs, von Apple-Chef Jobs auf meinem Rechner weiterhin keine Spur.
"Zeitlimit überschritten" meckert der Quicktime-Player. Kein Problem, dann einfach noch 'mal versuchen. "Daten erhalten" informiert mich die Statuszeile. "Und, gibt's schon was Neues"? fragt Barbara auf ihrem Weg zum Kopierer.
"Nee, ähm, ich bin noch gar nicht drin", gebe ich verlegen zu. "Internet Explorer wurde unerwartet beendet", teilt mir inzwischen mein Computer mit.
Was geht? Nichts geht mehr
Unerwartet, ja das stimmt. Das Betriebssystem sei von diesem Absturz aber nicht betroffen, werde ich digital von der gleichen Box getröstet, die mir den Absturz meldet. Ich starte den Browser neu, wähle mich zur Keynote-Seite durch und mache einen neuen Versuch. Als ich von der Kaffeemaschine zurückkomme, habe ich das Zeitlimit schon wieder überschritten.
Ich zappe durch die TV-Kanäle, während ich einen Schluck Kaffee trinke. Und denke plötzlich: Diese Jeans kenne ich doch ... und diesen Rolli. Bei NBC Giga, derselben Sendung, wo noch vor ein paar Stunden die Herstellung einer Stinkbombe aus Karottensuppe und anderen Lebensmitteln mit Hilfe eines Standmixers beherrschendes Thema war, hält Steve Jobs gerade ein Buch hoch, das man über das Internet bestellen kann. Viel mehr ist nicht zu sehen, dann wendet man sich wieder anderen Themen zu. "Zeitlimit überschritten" meint dazu mein Quicktime-Player.
Um es abzukürzen: Ganze 27-mal überschreite ich an diesem Abend mit meinem Player die Grenzen der Zeit und bekomme via Internet nicht viel von Steve Jobs und seiner Rede zu sehen - eigentlich gar nichts.
iHype und Antiklimax
Um kurz nach acht klicke ich dann die Homepage von Apple an: Und siehe da, ein Foto des neuen iMac ist schon da. Alle technischen Daten, sämtliche Details - was will man mehr? Der Apple-Designer Jonathan Ive hat "...die Gelegenheit des Jahrzehnts genutzt, die Form des Desktop-Computers neu zu definieren", zitiere ich die Worthülsen des Apple-Chefs, als Barbara mich noch einmal in meinem Büro besucht.
Aber irgendwie ist sie zur Zeit nicht wirklich gut auf Computer zu sprechen. "Aha. Und was ist mit dem Innenleben?"
Tja, das Innenleben im Fuß. Statt eines "PowerPC G3" wie beim alten iMac steckt nun ein G4 drin. Und statt des Röhrenmonitors gibt's ein LC-Display. Und mit dem Modell für 2500 Euro kann man CDs und DVDs brennen. Das war's.
"Ich gehe mal und versuche meinen Computer wieder zum Laufen zu bringen", antwortet Barbara und entschwindet.
Die Spannung, die Vorfreude darauf, dass sich in der Computerbranche mal wieder etwas tun würde, hat sich gelegt, ist völlig auf Null. Ich schwöre, noch einmal werde ich auf den Hype nicht hereinfallen, noch einmal werde ich die Gerüchteseiten im Web nicht anklicken.
Beim nächsten Mal werde ich mir am folgenden Morgen - so wie alle anderen auch - die technischen Daten und Fotos der neuen Geräte in den Presseinfos anschauen, die dann in meinem elektronischen Postfach liegen. Wann findet eigentlich die nächste Macworld statt? Und: Wie teuer ist eine richtig gute Satelliten-Empfangsanlage?