Cebit-Umwälzungen Messe im falschen Film
Hat die Cebit ein Problem? Eigentlich schien sie doch auf dem Weg der Besserung, die Flaute am Ende des Dotcom-Booms überwunden. Doch seit einigen Jahren ist der Erfolg nicht nur beim Publikum rückläufig, auch die Buchungen von Messeständen gehen zurück. Und es sind nicht nur Mittelständler, die der Messe den Rücken kehren: Nach Firmen wie Nokia oder LG Electronics, nach Motorola oder Konica Minolta wird man ab 15. März vergeblich suchen.
Der Branchenfunk gerüchtelt bereits, dass die Messeleitung zunehmend größere Rabatte einräumt. Schon im letzten Jahr, so der Branchenspott, sei es zu so manchen nur halb durchdachten Stand-Gimmicks oder Außenflächen-Aktionen nur deshalb gekommen, weil die Aussteller die großzügig zugestandenen Sonderflächen irgendwie hätten füllen müssen.
Diese Art von Branchen-Flurfunk kann kein Veranstalter gebrauchen. Auf gar keinen Fall darf der Eindruck entstehen, man müsse den Kunden die Teilnahme erst schmackhaft machen.
Nun ist das stete Auf und Ab ein fester Teil der Cebit-Geschichte seit der ersten Veranstaltung im Jahre 1986. Ungewöhnlich ist aber, dass der Erfolg der Messe diesmal nicht der Entwicklung ihres Marktes folgt. Während frühere Boom- wie Flautezeiten letztlich nur die Entwicklung der IT-Branche selbst widerspiegelten, kränkelt nun die Cebit selbst, da die Branche boomt wie seit langem nicht. Bei der Messegesellschaft verweist man auf die Konkurrenz durch die seit zwei Jahren jährlich veranstaltete IFA, doch das allein reicht als Erklärung kaum: Die Cebit hat weit mehr als nur ein Problem.
Das Dauerproblem: Was ist die Cebit?
Ursprünglich als Fachmesse für Büroelektronik begründet sah sich die Cebit schon bald mit dem Phänomen konfrontiert, dass ein wachsendes Publikum Digitaltechnik zu Entertainment-Zwecken nutzte. Die Cebit wurde in der Öffentlichkeit darum zunehmend auch als Plattform für die Vorstellung neuer Bespaßungs-Apparate wahrgenommen.
So war das nie gedacht, doch ständig stieg der Anteil des Freizeit-Publikums im Verhältnis zu den Fachbesuchern. Was in den Medien ganz toll wirkte - rasante Anstiege der Besucherzahlen - freute viele Aussteller nur bedingt: Sie kommen nicht nach Hannover, um IT-interessierte Konsumenten mit Kaffee zu bewirten, sondern um Fachgespräche zu führen und dabei Verträge zu schließen.
Die Messeleitung reagierte 1995 mit der Ausgründung der Cebit Home. Unterhaltungselektronik sollte getrennt präsentiert werden. Nett gedacht, aber nicht erfolgreich: Nach drei Jahren ging die "Home" unter, Fach- und Freizeitpublikum trafen sich wieder im März in Hannover. Die Bereiche schienen zunehmend untrennbar, nicht zuletzt weil der Verschmelzungsprozess von IT- und Unterhaltungselektronik-Industrie längst begonnen hatte. Das Problem verschärfte sich damit, denn tatsächlich wuchs nun auch der Anteil der Aussteller, die gerade wegen des Publikums (und der Medien im Tross) nach Hannover kamen.
Doch so deplaziert die als Publikum bezeichneten Nicht-Fachbesucher Jahr für Jahr durch Ausstellungsbereiche wie "Document Management Solutions" oder "Supply Chain Management" tapern, so ärgerlich muss es für die Konsumenten-orientierten Unternehmen sein, wie wenig sexy sich die Messe ihrer Klientel präsentiert. Notorisch erschöpfend wirken allein schon die enormen Laufwege, weil sich auch die für die Hobby-Besucher interessanten Bereiche auf diverse Hallen verteilen.
Wenig erquicklich für alle Seiten ist da auch, dass mitunter Auditorien für Fachvorträge lautstärketechnisch mit schriller Cebit-Kirmes konkurrieren. Während hüben der Referent vor weitgehend leeren Stühlen um Interessierte buhlt, staut sich der Verkehr im Gang vor der Bühne, auf der die Gogo-Girls wackeln. Der Trend der letzten Jahre: Quiz-Shows hart an der TV-tauglichen Debilitätsgrenze sorgen für glücklich Beschenkte, die mit Verweis auf frisch erstammelte DVDs oder Grafikkarten wieder für die Mundpropaganda sorgen, die man braucht, um eine zünftige Party ganztägig am Laufen zu halten. Da ist es völlig egal, welcher Zielgruppe der Messe man eigentlich angehört: Irgendwie fühlt sich jeder zumindest zeitweilig im falschen Film.
Im zweiten Teil: Die Cebit zwischen globaler und spezialisierter Konkurrenz. Ab zurück in die Nische? Weiter...
Problem Nummer 2: Wachsende Konkurrenz
Die Zahl der Unternehmen steigt, die beispielsweise die sommerliche IFA in Berlin als attraktiver wahrnehmen. Die nennt auch die Messeleitung in Hannover als offensichtliche Konkurrenz. Eine sehr verkürzte Teilwahrheit, denn weit mehr als die Cebit schrumpft auch der Erfolg der IFA. Während Mitte der Neunziger noch eine halbe Million Menschen staunend durch die Ausstellungen stromerten, waren es im letzten Jahr noch knapp 225.000. Immerhin: Seit 2005 findet die IFA jährlich statt.
Einen beeindruckenden Boom legt dagegen die Games Convention in Leipzig hin, 2002 als Mini-Messe begründet und mit über 180.000 Besuchern im letzten Jahr zahlenmäßig längst auf IFA-Spuren. Leipzig ist dabei eine Messe völlig ohne Streuverluste: Entertainment pur für eine exakt definierte Zielgruppe - und interessant für viele Cebit- und IFA-Kunden. Was für ein Glück, dass die Photokina - seit Jahren auf dem Weg, ebenfalls zur Digitaltechnik-Messe zu werden - nur alle zwei Jahre stattfindet.
Damit nicht genug. In Barcelona wächst seit zwei Jahren die 3GSM zur wichtigsten Innovationsbörse der Mobilfunk-Entwickler heran. Den Jahresauftakt aber markiert die CES in Las Vegas. Was wirklich wichtig ist in der Welt der Konsumenten-relevanten Innovationen wird dort vorgestellt, und das ist das dritte Problem der Cebit: Sie verliert ihren Event-Charakter.
Problem Nummer 3: Wer wartet noch auf Hannover?
Denn die Zeit ist vorbei, in der Unternehmen ihre Neuentwicklungen zurückhielten, um sie publikumswirksam auf einer bestimmten großen Messe zu präsentieren. Irgendwo ist heute immer etwas los, von CES über Cebit und E3 bis - zur Not - zur Systems im Herbst. Unternehmen wie Google präsentieren ganz selbstverständlich neue Business-Pläne auf der Frankfurter Buchmesse, wenn das gerade passt, und Apple macht jedes Jahr mehrere Male vor, dass hausgemachte Events viel erfolgreicher sein können als die großen Mega-Messen.
Dazu kommt, dass zumindest seit einigen Jahren die großen Innovationen ausblieben. Wen interessiert es noch, ob ein Prozessor nun mit 4 Gigahertz getaktet ist oder mehr? Dass das neueste Handy wieder 10 Gramm leichter ist und TV kann? In ein paar Jahren werden Menschen in Hannover vor einem 4-Meter-Plasma-TV stehen und sagen: "Guck mal, 20 Zentimeter mehr als letztes Jahr. Das Jahr davor haben sie noch 50 Zentimeter geschafft."
Die Zeit des großen "Wow!" ist eindeutig vorbei.
Was die publikumswirksame Präsentation der Waren zunehmend wichtiger macht. Das heißt im Falle der Cebit vor allem eine effektivere Ausgestaltung des Messeumfeldes zugunsten des Fachgespräches, des Kundenkontaktes. Unternehmen mit starken Interessen im Businessmarkt fühlen sich da verstanden, wenn Messe-Chef Ernst Raue künftig mehr Mitwirkungsmöglichkeiten für die Aussteller ankündigt. Auch Achim Berg, neuer Chef von Microsoft Deutschland, lässt keinen Zweifel daran, dass die Cebit für sein Unternehmen auch in Zukunft eine sehr, sehr wichtige Rolle spielen werde: "Microsoft ist ein Unternehmen mit sehr starken Business-to-Business-Interessen."
Dass ihm gerade das einfällt, wenn er an die Cebit denkt, ist wohl kaum Zufall. Die nächste Generation der Xbox wird Microsoft in ein paar Jahren sicher nicht in Hannover vorstellen. Die Cebit mag, wie Bitkom-Chef Willi Berchtold meint, durchaus weiter "Leitmesse und Querschnittsmesse" bleiben und "als solche nicht zu ersetzen" sein. Ihr Biotop, ihre Nische und Stärke aber liegt vor allem im Business-Bereich. Einen Claim wie "No. 1 worldwide", Untertitel der Cebit 1999, wird sich die Messe künftig kaum mehr unbestritten leisten können.