CES Las Vegas: Microsofts neue Tech-Träume - DER SPIEGEL
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CES Las Vegas Microsofts neue Tech-Träume

Selten hatte die CES einen so eindeutigen Trend wie in diesem Jahr: Zur Glotze hin strebt alles. Gerade die IT-Unternehmen suchen nach Wegen, im Unterhaltungselektronik-Markt Fuß zu fassen. Microsofts neueste Pläne liefern das Paradebeispiel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bill Gates will ins Fernsehen. Nicht persönlich, sondern mit seiner Software. Und wie das so ist bei ihm, wünscht er sich natürlich nicht weniger, als in jedem Fernseher zu landen.

Am Mittwoch nutzte er seine Keynote zur Eröffnung der Consumer Electronics Show CES in Las Vegas, um klar zu machen, wie er sich das vorstellt: Die neue, verbesserte Version der Windows Media Center Edition - "Media Center Extender" genannt - solle künftig nicht nur auf PC-basierten TV-Servern landen, sondern gleich eingebaut in die Flimmerkiste oder alternativ als Hirn neuer Settop-Boxen, vor allem aber als Brücke zwischen PC-Welt und diversen "multimedialen" Geräten fungieren. Partner für die Pläne gibt es auch schon, und darum neuerdings auch TV-Geräte von Hewlett-Packard und Gateway.

Wer stattdessen lieber die alte Flimmerkiste per Settop-Box zum Multimedia-Center aufmoppen möchte, hat die Wahl zwischen Modellen von HP, Gateway, Dell und Samsung - oder aber Microsoft selbst.

Der Softwareriese bietet künftig ein Tuning-Paket für die Xbox an, die diese zum "Media Adapter" mutieren lässt. Als Daddel- und DVD-taugliche Settop-Box soll sie Herzstück der digitalen Vernetzung im vermicrosoften Wohnzimmer werden.

Kein Zweifel: Nach tausend Berührungen zwischen IT- und Unterhaltungselektronik-Industrie hat es "Boom!" gemacht. Die IT-Szene fällt der TV-Hifi-Welt um den Hals. Die ist davon gar nicht so begeistert, weil es noch nicht klar ist, worauf das hinausläuft: Liebeshochzeit oder Würgeattacke heißen die Möglichkeiten.

Trend: Funk, Funk, Rundfunk

Andererseits aber kommen auch die Unterhaltungselektronik-Riesen nicht ohne das Know-how der IT-Unternehmen aus. So stellte Microsoft auf der CES vor, was sich im Augenblick wohl jedes Unternehmen wünscht: Einen möglichen Standard, um Video- und Tondateien zwischen diversen Apparaten hin- und herzufunken. Der wichtigste Weg führt da vom PC zum Fernseher, und auch den bedient Microsoft mit einer drahtlosen Schnittstelle, die die Daten dann auch noch fertig konvertiert in der Glotze landen lassen soll.

Auch das ist Trend und wird beispielsweise von AOL forciert. Der noch immer weltgrößte Access-Provider der Welt hat sich mit dem Wifi-Experten D-Link verbündet, um WLan-Boxen auf den Markt zu drücken, die den Fernseher direkt über den PC mit dem Internet verbinden. Das ist zwar nicht neu, aber heute weit bequemer und perfekter zu machen als zu Zeiten des "Web-TV" - und zudem attraktiver, denn die Breitbanddienste von AOL bieten ihren Konsumenten immerhin ziemlich perfektes Radio. Auf Surfen mit Musik setzt AOL und hofft, so den Kundenstamm noch einmal etwas aufblähen zu können.

Video für unterwegs?

Neue Kunden sucht auch Microsoft - und Nischen, die nicht schon von der halben IT-Welt besetzt sind. So kündigte MS mehr als nur die erwartete Konkurrenz zum Apple iPod an: Microsofts Mediaplayer sollen nicht nur Audiodaten mobil machen, sondern auch Filme. Als Hardwarepartner sitzen Creative und Samsung im Boot. Die wollen portable Videoplayer im Sommer 2004 zur Marktreife gebracht haben - und rund 399 Dollar dafür sehen.

Apple-Oberguru Steve Jobs hält das übrigens für einen veritablen Holzweg. Der "New York Times" Tech-Ikone John Markoff erklärte er auch, warum: Für den Videoplayer gäbe es kein Äquivalent eines Kopfhörers.

Das ist ein wenig um die Ecke gedacht, aber völlig richtig: Ein guter, winzig kleiner Kopfhörer frisiert das Quäken aus einem Mini-MP3-Stick zu einem orchestralen Erlebnis. Der Hörer taucht völlig ein in die Musik, viel mehr als beim "normalen", beiläufigen Hören über größere Apparate.

Alle Videoplayer-Konzepte aber, meint Jobs, krankten daran, dass ein Briefmarken-Bildschirm eben vor allem klein sei - und somit der größte Teil der Wirkung eines Filmes verloren gehe. Ganz guter Verkäufer hält sich aber auch Jobs den Notausgang offen: Am Ende seines Interviews mit Markoff meinte er, das "heißt nicht, dass Apple so etwas nicht auch entwickele. Wer weiß schon, was in unseren Laboren so vorgeht?"

Zur Not käme Apple dann wohl wieder mit Verspätung, aber edel - so wie mit dem iPod. Der Spätstarter unter den MP3-Playern ist das weltweit erfolgreichste Modell, Apple seitdem imagemäßig untrennbar mit "Musik" verbunden.

Das ist ein Umpositionierungs-Kunststück, das Microsoft erst einmal gelingen muss. Die Versuche der letzten Jahre, auch im Wohnzimmer Fuß zu fassen, scheiterten ziemlich kläglich. Zuletzt entpuppten sich die schicken, aber ungeliebten"Smart Displays" als Schnapsidee, für die es so gut wie keine Nachfrage gab. Auch die Media Center Edition konnte sich in ihrem ersten Jahr nicht zu einem Verkaufsschlager entwickeln. Die Konzentration auf Settop-Boxen und verwandte Lösungen ist da nur konsequent: Auch in diesem Markt ist Microsoft in den USA bereits eine Größe, an der kaum jemand vorbeikommt.

Frank Patalong