Code Red "Spät kommt Ihr - doch Ihr kommt!"
Schiller. "Wallenstein", Die Piccolomini, erster Aufzug, erster Auftritt. Feldmarschall Illo weist den Kroatengeneral Isolani zurecht: "Spät kommt Ihr - doch Ihr kommt! Der weite Weg entschuldigt Euer Säumen."
Fast wie bei Code Red
Denn auch der Internetwurm ist noch gekommen. Am Mittwoch hatten IT-Sicherheitsfirmen und Medien weltweit mit Spannung auf den "Big Bang" im Netz gewartet - und nichts passierte. Obwohl Code Red, der seinen Namen dem koffeinhaltigen Erfrischungsgetränk "Mountain Dew Code Red" verdankt, nach gut zehn Tagen ohne Weiterverbreitung explosionsartig im Netz expandieren sollte, blieb der Datenverkehr ruhig.
"Derzeit berichten weder Regierungs- noch private Überwachungszentren von irgendwelchen ungewöhnlichen Aktivitäten, die mit dem 'Code Red'-Virus zusammenhängen", sagte der Chef des FBI-Zentrums zum Schutz der Nationalen Infrastruktur (NIPC) in den USA, Ronald Dick. Ähnlich äußerten sich mehrere asiatische Staaten - unter ihnen auch China - und IT-Consultingfirmen. War alles noch einmal gut abgegangen? "Call this Worm 'Code Dead'", witzelte der Internetdienst "Wired", also "Nennt diesen Wurm 'Code gestorben'".
Doch die Nachrichtenlage begann bereits am Mittwochabend zu kippen. "'Code Red' breitet sich ähnlich schnell wie im Vormonat aus", tickerte die Deutsche Presseagentur um 19.26 Uhr. Das war eine kleine Sensation und ein Alarmruf zugleich. Denn immerhin hatte Code Red bei seinem letzten Infektionszyklus rund 300.000 Rechner in nur einem Tag befallen. Um 23.04 Uhr legte Reuters nach: "'Code Red' stört Site des US-Verteidigungsministeriums".
Demnach hatte der Wurm zu "Störungen" in den Pentagon-Netzwerken geführt - aber nicht zum Zusammenbruch. US-Präsidialamt und das Außenministerium meldeten vorerst Entwarnung. Das NIPC beteuerte, es bestehe "Anlass zur Hoffnung, dass sich die vielen vorab getroffenen Vorsichtsmaßnahmen dämpfend auf die Vermehrungsfähigkeit des Wurmes auswirkten". Für eine Entwarnung sei es aber noch viel zu früh.
Der "hässliche Wurm" schlägt wieder zu
"Der Wurm ist eine hässliche Sache", sagte Major Barry Venable in einem Interview. Und Venable muss es wissen, schließlich arbeitet er für das US Space Command, eine Einheit, die auch für die Verteidigung der Pentagon-Rechner verantwortlich ist. Ähnliche Gedanken wie dem Militär müssen auch den Kollegen von "Wired" durch den Kopf gegangen sein. "From Code Red to Code Dread", titelten sie nun. "Von Code Red zu Code Fürchterlich." Wie sich die Dinge wandeln können.
Das Computer Emergency Response Team (CERT) an der Carnegie Mellon University berichtete bereits von 80.000 neu infizierten Rechnern. Allerdings, so beruhigte IT-Sicherheitsfachmann Roman Danyliw die Öffentlichkeit, laufe die Infektion diesmal langsamer ab als beim letzten Mal. Auf der Website incidents.org, die vom System Administration, Networking, and Security Institut (SANS) betrieben wird, war am Donnerstagmittag europäischer Zeit bereits von 230.000 Neuinfektionen die Rede. Fachleute gehen davon aus, dass mindestens die Zahl der Infektionen vom 19. Juli, also etwa 300.000, erreicht werden dürfte.
Doch trotz allem scheint das Netz dem großen Kollaps bis jetzt entgangen zu sein. "Wir konnten bislang keine signifikanten Performance-Veränderungen beim Datenverkehr im Netz registrieren. Weder bei Breitband, noch bei schmalbandigen Verbindungen, noch im internationalen Verkehr", meldet die Firma Keynote Systems. Auch aus Asien gibt es bislang kaum Schadensmeldungen, lediglich in Malaysia seien einige Code-Red-Infektionen bekannt geworden, hieß es.
"Es wird so eine Art sich langsam ausbreitender Brand sein", sagt Vincent Weafer, der oberste Virenforscher bei Symantec. "Wir werden einen steigenden Einfluss des Wurms auf den Internetverkehr haben, aber keinesfalls werden große Webseiten oder E-Commerce-Angebote blockiert werden." Mike Corby von der IT-Sicherheitsfirma Netigy hofft, dass "eine Menge Leute ihre Lektion gelernt haben".
Wie sehr können Sicherheitsprogramme helfen?
Sollte also die Aufregung um den Wurm doch ihre guten Seiten haben? Zumindest was die Sicherheitslücke im Internet Information Server (IIS) von Microsoft angeht, die sich Code Red zu Nutze macht, dürften mittlerweile viele Serververwalter aktiv geworden sein, nicht zuletzt wegen der massiven Medien-Berichterstattung. Doch Bugs wie der Überlauf eines internen Pufferspeichers gibt es massenweise. "Wir könnten jeden Monat solch einen Wurm haben", sagte einer der Entdecker von Code Red, Ryan Permeh von der kalifornischen Firma eEye, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Verwundbarkeiten wie die im IIS würden laufend von IT-Sicherheitsberatern registriert. "Wir haben drei Fehler gefunden, andere Firmen haben welche gefunden."
- incidents.org:Sehen Sie Code Red bei der Arbeit zu
- Digital Island:So schützen Sie Ihren Rechner vor Code Red (Schritt-für-Schritt-Anleitung)
- CERT:Warnung von Code Red
- BSI:Informationen zu Code Red in deutscher Sprache
Das heißt, dass Systemadministratoren auch in Zukunft auf der Hut sein müssen, um neue Sicherheitslücken so schnell wie möglich zu stopfen. In den unterbesetzten IT-Abteilungen vieler Unternehmen dürfte das allerdings ein frommer Wunsch bleiben, so dass die nächste Wurm-Attacke nur eine Frage der Zeit sein dürfte. Und auch von Code Red dürfte man noch so lange hören, wie es draußen im Netz noch verwundbare Server gibt, die noch immer nicht mit dem Sicherheitspatch von Microsoft ausgestattet sind.