Comdex-Abgesang: Alles wird gut - DER SPIEGEL
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Comdex-Abgesang Alles wird gut

Was für eine ungewollte Symbolik: Die Eintrittskarten zur Comdex-Keynote von Bill Gates zierte das Bild einer kopfüber stehenden Person vor untergehender Sonne. Bald könnten auch die Lichter für die größte amerikanische Computerschau ausgehen.
Von Jochen A. Siegle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schließlich steht der Comdex-Veranstalter Key3Media vor der Pleite. Ohne schnelle Finanzspritze muss CEO Fred Rosen wohl Insolvenz , sobald die Messehallen Ende der Woche schließen.

Das mag zum einen an Rosens Missmanagement liegen, zum anderen aber vor allem an der anhaltenden Flaute der Tech-Industrie und der damit stark geschwundenen Zahl der Aussteller und Besucher: Gegenüber den Boomjahren 1999 und 2000, als mehr als 2300 Aussteller und 200.000 Besucher zum Las Vegas Convention Center strömten, bringt es die Comdex heuer nur noch auf etwas mehr als 1000 Unternehmen, die hier ihre Hard- und Software-Lösungen präsentieren. Selbst Branchengrößen wie IBM, Sony, Gateway oder Creative sind fern geblieben.

Dabei musste die Comdex bedingt durch die Terroranschläge vom 11. September bereits vergangenes Jahr mächtig abspecken. Nur 1600 Firmen und 125.000 Hightech-Fans hatten 2001 den Weg nach "Sin City" gefunden. Nun wäre man froh, wenn diese Besucherzahl erreicht werden könnte. Offizielle Zahlen sind noch keine zu bekommen. Doch es ist zu befürchten, dass für dieses Jahr noch weniger Zulauf zu vermelden ist: Taxifahrern zufolge - in der Regel ist das kein ganz schlechter Indikator - soll derzeit etwa nur halb so viel los sein wie noch vor einem Jahr.

Nach 23 Jahren scheinen die besten Tage für die Comdex damit erst mal vorbei. Der PC-Markt liegt am Boden, ein echtes "Next Big Thing" ist kaum in Sicht. Wie auch jüngste Studien von Gartner bestätigen, sind die Ausblicke düster. Und die Branche hat ein "traumatisches Jahr mit unzähligen Herausforderungen" hinter sich, wie Rosen und Gates unisono in ihren Eröffnungsreden in der MGM Grand Garden Arena zu verstehen geben.

"Alles ist möglich"

Doch alles wird gut. Zumindest wenn es nach den hier nichtsdestotrotz zahlreich vertretenen Daueroptimisten geht. Neben Gates und Rosen etwa die HP-Chefin Carly Fiorina oder Sun-CEO Scott McNealy, die allesamt die frohe Botschaft verkünden, dass wir einer rosigen digitalen Zukunft entgegenblicken.

"Ich bin optimistischer denn je, denn der Bedarf an IT ist so hoch wie noch nie", sagt Fiorina in ihrer Keynote, die zudem gespickt ist mit Weisheiten wie "Fortschritt wird nicht von Zynikern und Zweiflern gemacht, sondern von denjenigen, die daran glauben, dass alles möglich ist" oder "Herausforderungen führen zu Lösungen - wir können die Zukunft gestalten". Kein Wort dagegen zu den Massenentlassungen nach dem Merger mit Compaq oder zu Michael Capellas Rücktritt. Dafür Ausführliches zur neuen "HP+"-Werbekampagne, mit der man gleich das halbe "Wall Street Journal" zupflasterte, oder zu Philanthropie-Versuchen mit solarbetriebenen Druckern und Digitalkameras in Indien.

"Zumindest aus meiner Sicht ist die Situation da draußen gar nicht so schlecht", sagt McNealy, der auf dieser schon seit langem von der "Wintel"-Welt dominierten Messe fast wie ein Exot wirkt. "Wir konnten die ‚Bubble' zu Geld machen. Ich würde mir nur wünschen, dass es unseren Kunden etwas besser ginge." Auch beim stets zynischen Sun-Boss finden die Kündigungen von über 8000 Sun-Angestellten sowie das mühselige Ringen, endlich wieder die Profitabilitätszone zu erreichen, keine Erwähnung.

Home, sweet Digi-Home

Aber natürlich ist da ja auch noch Gates. "I'm a believer" heißt einer der Songs, mit denen Microsoft via Windows-Media-Playern, überdimensioniert an die Wand projiziert, den 12.000 Zuschauern vor dessen "State of the Industry"-Rede einheizen wollte. Und der Titel ist durchaus Programm für den Microsoft-Gründer. Der glaubt nämlich fest daran, dass die Digitalisierung bis Ende dieses Jahrzehnts noch viel mehr Bereiche unseres täglichen Lebens erobern wird.

Dies demonstrierte der Ober-Microsoftie anhand verschiedener Digi-Home-Szenarien, in die so ziemlich jedes MS-Produkt von der Xbox Live, Windows XP Media Center, Microsoft-Bluetooth-Maus und -Keyboard über den Online-Dienst MSN 8, die Videosoftware Movie Maker 2 Beta bis zum neuen Office-Organisationstool OneNote eingeflochten war. Willkommen im digitalen Microsoft-Lifestyle.

Fenster, Fenster, Fenster

Oder besser gesagt: Willkommen auf der "Windex". Denn das ist Gates' Messe hier, die er nicht nur flächenmäßig mit dem größten Ausstellungsstand, sondern auch thematisch dominiert. Wie mittlerweile fast alle Bereiche der computerisierten Welt - und die scheint inzwischen ja schließlich eine flache Scheibe zu sein, beziehungsweise ein Tablett: Um Microsofts neuesten Coup, die Tablet-PCs, dreht sich hier zwar nicht alles, aber jede Menge.

Sei es in den Ausstellungshallen, bei Presse-Empfängen, in Keynotes, Demonstrations-Fahrzeugen der Nevada Police oder Launchpartys mit Gates und Steve Ballmer im noblen Aureole Restaurant, die Flachmänner sind auf der diesjährigen Comdex fast omnipräsent.

Und mit dem "Smart Display" hat der Tablet-PC ja gleich noch einen kleinen Bruder bekommen. "Der Tablet-PC ist die Evolution des Laptops", sagt Gates. "Smart-Displays sind die Evolution des Bildschirms." So sollen über den intelligenten Bildschirm, der im Januar auf den Markt kommt, künftig via WLan ebenso Online-Dienste wie auch auf dem Haupt-Rechner gespeicherte Multimedia-Dateien im ganzen Haus verfügbar sein. "Internet at your fingertips" nennt Gates dieses Konzept.

Nicht zuletzt soll der Smart Display natürlich auch als eine Art Hightech-Fernbedienung für die "Media Center"-Rechnersysteme auf Basis von Microsofts Windows XP Media Center Edition dienen, die den PC endlich zur Unterhaltungszentrale im Wohnzimmer transformieren sollen und die nach HP nun auch Gateway und Alienware anbieten.

Die neuen Herren der PDA-Welt

Doch längst nicht nur in diesen Bereichen wird deutlich, dass Microsoft dieser Messe seinen Stempel aufdrückt wie selten zuvor. In der Mobilfunk-Lounge werden Windows-Smartphones gezeigt, in der WiFi-Ecke Microsoft-Wireless-Networking-Equipment - wie im Rahmen der Gates-Keynote zu erfahren war, interessanterweise das einzige "simpel konfigurierbare".

Und vor allem im Bereich der portablen Minicomputer zeigt sich, wer wohl bald auch der King im PDA-Betriebssystem-Ring sein wird: In Las Vegas launchte Dell seinen ersten Billig-Handheld Axim X5 - exklusiv auf Basis von Microsofts Pocket-PC-Software.

Das ist selbstverständlich auch nicht anders bei den von HP vorgestellten iPAQ-Kleinstrechnern h1910 und h5450 ("das ultimative Weihnachtsgeschenk", wie Fiorina findet). Was den angeschlagenen (Noch-)Branchenführer Palm noch mehr in die Bredouille bringen dürfte. Der Axim hat mit einem Preis von 199 beziehungsweise 299 US-Dollar nicht nur Analysten zufolge das Potenzial, sich binnen kürzester Zeit zum Volks-Handheld zu mausern.

Und künftig soll unser digitaler Alltag auch noch durch intelligente Microsoft-Schlüsselanhänger, Armbanduhren oder Kühlschrankmagnete bereichert werden - Small Personal Object Technology, kurz SPOT, nennt der Herr der Computerfenster die in der Wüstenmetropole angekündigten Geräte, die Dinge des täglichen Lebens "logisch erweitern" sollen.

Exemplarisch präsentierte Gates einen Reisewecker, der einen ab kommendem Jahr mit Stauprognosen und Wetterberichten, lieblich aus dem Schlaf rütteln soll. Weitere Geräte der ersten SPOT-Generation, an deren Entwicklung Microsoft bereits seit drei Jahren arbeitet, sollen im Januar auf der Consumer Electronics Show (CES) gezeigt werden.

Was wird aus der "größten" Tech-Show der Welt?

Apropos CES. Die ebenfalls alljährlich in Las Vegas veranstaltete Unterhaltungselektronikmesse sorgt in diesem Jahr schon auf der Comdex für Gesprächsstoff. Und zwar in Zusammenhang mit der Zukunft der Tech-Messe.

Denn längst nicht nur auf dem Comdex-Parkett, sondern auch in Weblogs wird darüber spekuliert, dass die Comdex in die CES integriert werden könnte. Nachdem sich sehr zum Unmut vieler Kritiker und Hardcore-PC-Fans der Fokus der Comdex so oder so immer weiter weg von einer reinen Computer-Messe in Richtung Unterhaltungselektronik bewegt - siehe etwa Gates' Entertainmentattacke auf das heimische Wohnzimmer -, könnte das durchaus Sinn machen. Inzwischen lässt man hier ja auch Entertainmentgrößen wie Fox-Chef Peter Chernin oder George Lucas sprechen und Schauspieler wie Kevin Spacey überflüssige Websites vorstellen.

Trotzdem wäre es mehr als schade um die Jahresparty der PC-Industrie, auf der in diesem Jahr rund 400 Neuheiten präsentiert werden. Carly Fiorina sieht das wohl ähnlich: "Das ist die größte und beste Tech-Show der Welt", findet die HP-Vorstandsvorsitzende.

Doch Ms. Fiorina irrt - oder war scheinbar noch nie auf der Cebit: Flächenmäßig ist die Hannover Messe nämlich um ein Vielfaches größer.